Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.03.2012

17:03 Uhr

Schuldenkrise

In Griechenland setzt sich der Hunger fest

VonGerd Höhler

Die Durchhalteparolen der Politik klingen für viele Griechen nur noch zynisch. Nach Jahren der Rezession und unzählbaren Sparprogramme sind sie verzagt und zermürbt. Hunger und Verzweifelung breiten sich aus.

Die Schlangen werden länger: Obdachlose Griechen warten vor einer Suppenküche in Athen auf eine Mahlzeit. Reuters, Sascha Rheker

Die Schlangen werden länger: Obdachlose Griechen warten vor einer Suppenküche in Athen auf eine Mahlzeit.

AthenSotiris Panagopoulos zählt das Geld noch einmal. Aber davon wird es nicht mehr. 599,95 Euro: Damit soll er in den nächsten vier Wochen seine Frau und seine beiden kleinen Kinder durchbringen. „Wie soll das gehen?“, fragt der 35-Jährige verzweifelt. Allein 320 Euro gehen für die Miete drauf, dazu kommen die Rechnungen für Strom und Heizung. „Unter dem Strich bleiben uns nicht mal sieben Euro am Tag zum Leben. Vor fünf Monaten hat er seinen Job als Schweißer verloren. Die Firma hat von einem Tag auf den anderen dichtgemacht, 23 Leute standen auf der Straße.

Panagopoulos ist nicht der Einzige, der an diesem regnerischen Morgen auf dem Arbeitsamt von Perama sein Arbeitslosengeld abholt. Die Schlange der Wartenden wird jeden Monat länger. Perama liegt eine knappe Autostunde westlich Athens am Saronischen Golf, früher war die Stadt das Zentrum der griechischen Schiffbauindustrie. Heute hat der 25.000 Einwohner zählende Ort eine der höchste Arbeitslosenquoten Griechenlands: rund 60 Prozent. Die meisten Betriebe hatten seit Jahren Probleme, weil sie mit den großen Werften in Asien nicht mehr konkurrieren konnten. Die Rezession hat ihnen den Rest gegeben.

„Hier läuft nichts mehr“, sagt Panagiotis Kosmas. Er sitzt in seiner Imbissbude an einer Bushaltestelle und wartet auf Kunden. Aber die meisten Werkstore hier unten an der Uferstraße sind längst verriegelt. Nur noch von wenigen Werften tönen die Stimmen von Arbeitern, die Schläge ihrer Hämmer und das Zischen der Schweißbrenner. „Perama stirbt einen langsamen Tod“, sagt Kosmas. Er will weg von hier, sucht nach einem neuen Standplatz für seine Bude.

Die Griechen im Jahr drei der Krise: ein verzagtes, verzweifeltes Volk, zermürbt von immer neuen Sparauflagen. Seit Beginn der Krise ist die Wirtschaft um fast 15 Prozent geschrumpft. Nach Berechnungen der EU-Statistikbehörde Eurostat leben bereits 28 Prozent der 18- bis 64-jährigen Griechen an der Armutsgrenze. Jeder vierte Kleinunternehmer und Mittelständler fürchtet laut einer Umfrage, dass er seinen Betrieb „in nächster Zeit“ schließen muss.

Hier wollte Griechenland sparen

576 Millionen Euro

Einsparungen bei Ausgaben für Medikamente

537 Millionen Euro

Kürzungen bei Gesundheits- und Rentenfonds; 500 Millionen davon entstammen dem Budget einer neuen nationalen Organisation, die die Grundversorgung im Gesundheitswesen sicherstellen
soll, 15 Millionen Euro aus einem Fonds der Telefongesellschaft OTE und 21 Millionen aus einem Fonds der öffentlichen Stromversorger

400 Millionen Euro

Einsparungen im Verteidigungshaushalt, davon 300 Millionen durch Verzicht auf Neuanschaffungen und 100 Millionen bei den laufenden Kosten

400 Millionen Euro

Kürzungen bei öffentlichen Investitionen

386 Millionen Euro

Kürzungen bei Haupt- und Zusatzrenten

205 Millionen Euro

Einsparungen bei Personalausgaben

200 Millionen Euro

Einsparungen bei den Verwaltungsausgaben der Ministerien

86 Millionen Euro

Kürzungen im Haushalt des Agrar- und Nahrungsmittelministeriums, vor allem durch Streichung von Subventionen

80 Millionen Euro

Kürzungen im Bildungswesen, darunter 39 Millionen Einsparungen bei den Gehältern von Ersatzlehrern und Lehrern an griechischen Schulen im Ausland sowie zehn Millionen bei Forschung und Technologieförderung

70 Millionen Euro

Kürzung der Wahlkampfunterstützung

66 Millionen Euro

Einsparungen im Haushalt des Finanzministeriums durch Kürzung der Pensionen

59 Millionen Euro

Kürzungen bei der Kommunalförderung

50 Millionen Euro

Streichung von Überstunden von Ärzten in staatlichen Krankenhäusern

43 Millionen Euro

Kürzungen der Unterstützungsleistungen für Familien mit mehr als drei Kindern

25 Millionen Euro

Kürzungen im Kultur- und Tourismushaushalt

3 Millionen Euro

Kürzungen bei den Personalausgaben der staatlichen Versorger

Die griechische Gesellschaft nähert sich der Grenze ihrer Belastbarkeit. Zumindest gilt das für die ärmeren Menschen und für die Mittelschicht. Denn nicht alle Griechen sind am Boden – vor den Nachtclubs an der Iera Odos, der Heiligen Straße, und den teuren Strandcafés im Küstenvorort Vouliagmeni parken immer noch die dicken Geländewagen.

73 Milliarden Euro haben Euro-Staaten und Internationaler Währungsfonds seit Mai 2010 bereits nach Athen überwiesen, jetzt werden im zweiten Rettungspaket weitere 130 Milliarden bereitgestellt. Wenn sich die Regierungschefs der EU-Staaten heute mal wieder in Brüssel versammeln, werden sie erneut betonen, wie wichtig ihnen die Förderung des Wachstums in den Mitgliedsländern ist. Konkrete Maßnahmen dafür werden sie wohl nicht beschließen.

Kommentare (77)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Geldmonopol_durch_Privatbanken

01.03.2012, 17:25 Uhr

Geld ist eine Droge!!

Und der Dealer sind Privatbanken!!

"Das Privileg, sein eigenes Geld zu schöpfen und in Umlauf zu bringen, ist das höchste Alleinrecht des Staates und seine größte kreative Möglichkeit. Die Menschen erhalten damit eine Währung, die so sicher ist wie die Macht des Staates. Anstatt die Menschen zu beherrschen, wird es zum Diener der Menschheit. Die Demokratie wird dadurch stärker als die Geldmacht."

Abraham Lincoln,16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Quelle.: Monetary Policy, Senate document 23, Page 91. 1865.


Aufwachen!!!

Weitere Infos finden Sie unter:

www.steuerboykott.org


( Gib mir die Welt plus 5 Prozent )

http://www.youtube.com/watch?v=oXeeabwaV-s

Account gelöscht!

01.03.2012, 17:25 Uhr

Willkommen in der Weimarer Republik.Genau wie Deutschland damals werden die Griechen jetzt sehen was es bedeutet pleite zu sein.In D war die Arbeitslosigkeit mehr als 35%.Das alles weil Sie nicht den Euro verlassen wollen.Ich verstehe zwar ,dass Sozialhilfe in Euros mehr sein wird als Lohn in Drachmen aber dann muss man auch mit der Konsequenzen leben- und das wären 5-8 Jahren von Stagnation und Rezession.

Greekish

01.03.2012, 17:26 Uhr

Tja, liebe Griechen, Ihr habt es doch in der Hand! Fordert endlich Deutschland auf, die Eurozone zu verlassen! Fordert das lautstark - bittet Deutschland inständig, dass dieses in der Eurozone unpassende Land endlich die Eurozone verlässt!

Oder geht zurück zur Drachme... Der einfache Bürger wird dann wenigstens satt. Die Politelite muss dann den Einkommensverlust tragen!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×