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26.10.2011

13:50 Uhr

Schuldenstaat

Der italienische Patient

Italien entwickelt sich zum größten Problem der Euro-Zone: Der Schuldenberg ist riesig, die Bereitschaft für Reformen winzig. Der Regierungschef ist schwer angeschlagen, Rücktrittsgerüchte machen die Runde.

Berlusconi in Regierungskrise

Video: Berlusconi in Regierungskrise

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Vor dem Euro-Gipfel, der heute Abend beginnt, liegen in vielen europäischen Hauptstädten die Nerven blank. Nirgendwo aber ist die Lage so dramatisch wie in Rom, wo die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi am Abgrund steht.

Italienische Medien berichten, dass Berlusconi angeblich zum Rücktritt bereit sein soll. Der angeschlagene Regierungschef habe mit Umberto Bossi vom Koalitionspartner „Lega Nord“ einen geheimen Pakt vereinbart, der Neuwahlen im März 2012 vorsehe, schreibt die römische Zeitung „La Repubblica“, ohne Quellen für diese Information zu nennen. Auch die Turiner „La Stampa“ berichtete von einer Vereinbarung in der Mitte-Rechts-Koalition, im Frühjahr nächsten Jahres vorgezogene Wahlen abzuhalten. Die Legislaturperiode läuft regulär im Frühjahr 2013 aus.

Steckbrief Silvio Berlusconi - der „Cavaliere“

Herkunft

Geburtstag: 29. September 1936

Geburtsort: Mailand

Familie

Vater: Bankangestellter Luigi Berlusconi (1908-1989)

Mutter: Rosa Bossi (1911-2008)

Familienstand: getrennt lebend, seit 2009 in Scheidung

Kinder: drei Töchter und zwei Söhne aus zwei Ehen

Studium

1961 Jura-Examen mit Bestnote der Universität Mailand

Größe

1,64 Meter

Spitzname

„Cavaliere“ (Ritter, Kavalier)

Partei

1994 Gründung der Forza Italia, 2008 neue Partei Popolo della Libertà (Volk der Freiheit)

Regierungschef

Von Mai 1994 bis Januar 1995, dann von 2001 bis 2006, erneut zum Ministerpräsidenten gewählt am 8. Mai 2008. Im November 2011 trat Berlusconi nach einer langen Reihe von Skandalen zurück.

Besitz

Rund 150 Firmen, darunter der Fußballverein AC Mailand

Vermögen

Geschätzt auf mehr als sechs Milliarden Euro

Selbsteinschätzung

„Mit mir kann sich keiner vergleichen, nicht in Europa und nicht in der Welt.“

Bossi habe diese Vereinbarung mit Berlusconi in einem nächtlichen Gespräch vor dem EU-Gipfel geschmiedet, auf dem Brüssel von dem hoch verschuldeten Italien schriftliche Zusagen über Sanierungen erhalten wollte. Der Chef der populistischen Lega Nord habe als Gegenleistung in dem Pakt widerstrebend einer Anhebung des Rentenalters zugestimmt. Man erspare ihm die „Blamage“, in Brüssel mit leeren Händen anzukommen, soll Berlusconi gesagt haben. Die Lega Nord dementierte, dass es einen geheimen Pakt gebe.

Trotz der Einigung über einige Reformvorhaben hatte Bossi öffentlich Zweifel am Fortbestand der Regierung geäußert. Er sei pessimistisch, ob die Regierungskoalition überleben werde, sagte er wörtlich. Die Europäische Union müsse entscheiden, ob die beschlossenen Reformschritte ausreichten. 

Besonders umstritten ist die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 von bislang 65 Jahren – und hier wird Brüssel ganz genau hinsehen. Denn die Lega Nord hat zwar das neue Eintrittsalter akzeptiert, eine Änderung bei der Zahl der nötigen Dienstaltersjahre bis zur Pensionierung allerdings abgelehnt. Bislang können Italiener ab 60 Jahren in den Ruhestand gehen, wenn sie mindestens 36 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt haben - ab 40 Arbeitsjahren kann jeder in Rente gehen.

Kommentare (10)

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Martin

26.10.2011, 11:13 Uhr

Ja, das Problem sind eigentlich nicht die Politiker oder die Bankster, sondern die naive, stupide, gehirngewaschene Bevölkerung.
Spezies Mensch - ein misslungenes Experiment sage ich da nur !

sterbende_demokratie

26.10.2011, 11:16 Uhr

Der Bung-Bunga-Pate mag als Politiker so geeignet sein wie ein Löwe sich zum Vegetarier eignet. Die Mentalität Italiens kann man ihm persönlich aber nicht anlasten.

Italien handelt politisch wie auch schon vor Onkel Silvio. Und auch nach einem Rücktritt wird sich nichts ändern. Oder ist die Lebensweise Italiens oder Griechenlands ein neuzeitliches Euro-Phänomen? Der Euro mag ihnen noch billigeres Geld beschert haben, hoch verschuldet waren diese Länder aber immer, ihre Politik schon immer von einem anderen Stern. Daran wird auch ein neuer Bunga-Bunga-Onkel nichts ändern.

Früher spielte dies für Europa auch überhaupt keine Rolle weil jedes Land für seine Le-bensart selbst verantwortlich zeichnete. Dies hat vor dem Euro über Jahrzehnte tadellos funktioniert.

Erst durch den Euro wurden und eine künstlich gewünschte Gleichschaltung von "Wohl-stand" existieren die heutigen Problem. Eine gemeinsame Währung ist nicht flexibel genug sich allen erforderlichen Gegebenheiten anzupassen.

Der Fehler liegt einfach in der Ideologie diese verpfuschte Währung für unterschiedliche Nationen "preislich" anpassen zu wollen. Das Ergebnis ist ein Mangel an Flexibilität, ein-hergehend mit einer Zwangssolidarität die niemanden "aufsteigen" aber aller gemeinsam "absteigen" lässt.

Der dt. Schlipsträger im Berliner Bundestag wird das nie verstehen können weil er vo-raussetzt dass alle Welt denkt wie der sprichwörtliche schwäbische Häuslebauer.
Es baut aber nicht jede Nation zuverlässige Daimler, es gibt auch Nationen die rassige aber anfällige Alfas produzieren. Der Focus der Werte ist einfach ein anderer und es macht auch überhaupt keinen Sinn einem Italiener seinen sportlichen Alfa wegzunehmen und ihm einen langweiligen Benz aufzuzwingen. Er wird ihn nicht mögen ob diese Unterschiedlichen Denkweisen der Völker Europas nun gefallen oder nicht. Diese Gleichschaltung ganzer Nationen wird im Chaos enden, erst im wirtschaftlichen und darüber dann im sozialen.

Account gelöscht!

26.10.2011, 11:27 Uhr

Die Presse verhaelt sich wie ein Rudel von Woelfen. Erst war es Griechenland - nun haben sich die Nachrichten dort totgelaufen und man braucht ein neues Szenario. Italien hat diese Schulden seit mehr als 10 Jahren. Warum macht man heute erst eine Schlagzeile daraus, warum nicht schon 2001? Die Italiener haben mehr auf dem Sparbuch als so manch anderer in Europa - sie sind nicht arm 0 sie sind "Dolce Vita"...und das versteht kein Amerikaner noch der deutsche Michel. Geht Italien Pleite...wohl kaum!!!!

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