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26.09.2016

13:56 Uhr

Schuldzuweisungen im Syrien-Krieg

Der Kreml nennt den Westen einen Aggressor

VonAndré Ballin

„Barbarei“ im syrischen Bürgerkrieg: Washington erhebt schwere Vorwürfe gegen Moskau. Der Kreml weist die Anschuldigungen zurück – und attackiert seinerseits die USA. Das Land gefährde den Friedensprozess.

Die USA beschuldigen Russland, Schuld an der Gewalteskalation in Syrien zu sein. Reuters

Nach einem Luftangriff auf Aleppo

Die USA beschuldigen Russland, Schuld an der Gewalteskalation in Syrien zu sein.

MoskauRussland hat die Vorwürfe der USA zurückgewiesen, Schuld an der Eskalation im syrischen Bürgerkrieg zu sein. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die heftigen Anschuldigungen als nicht hinnehmbar. Die scharfe Wortwahl könnte die Aussichten für eine Lösung des Syrien-Konflikts eintrüben, sagte er am Montag vor Journalisten. Zudem könnten sie den bilateralen Beziehungen Russlands zu den USA sowie zu Großbritannien schaden. Russland hoffe immer noch auf eine politische Lösung für Syrien.

Russland machte seinerseits Washington Vorhaltungen: Außenminister Sergej Lawrow warf den USA vor, kein verlässlicher Verhandlungspartner in Syrien zu sein. „Ich kann ihnen nicht zu 100 Prozent trauen“, sagte er am Montag dem Sender NTW. Die USA erweckten den Eindruck, dass sie ihren Verpflichtungen nicht gerecht würden. Lawrow warf Washington vor, sich bei der Terrorbekämpfung allein auf die IS-Miliz zu konzentrieren und die ebenfalls als terroristisch eingestufte an-Nusra-Front gewähren zu lassen.

Die US-Botschafterin Samantha Power hatte Russland bei einer Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats heftig attackiert. Russland betreibe in Aleppo „keinen Anti-Terror-Kampf, sondern Barbarei“, sagte sie am Sonntag in New York. Sie gab Moskau die Schuld an der Gewalteskalation in Syrien. In Aleppo war es am Wochenende zu schweren Luftangriffen gekommen. Der britische Außenminister Boris Johnson warf Russland vor, den Krieg in die Länge zu ziehen und möglicherweise Schuld an Kriegsverbrechen zu haben.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Regime

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen am Mittelmeer. Syriens Armee hat allerdings viele Soldaten verloren und wird vor allem durch russische Kampfjets, iranische Kämpfer und die Schiitenmiliz Hisbollah unterstützt. Auch Verbände aus Afghanistan und dem Irak sollen aufseiten des Regimes kämpfen.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz hat in den vergangenen Monaten große Teile ihres Gebietes verloren, herrscht aber immer noch in vielen Städten entlang des Euphrats und in Zentralsyrien.

Rebellen

Unzählige Rebellengruppen kämpfen in Syrien - von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten, wie der früheren Nusra-Front. Immer wieder gehen die verschiedenen Truppen zeitweise Zweckbündnisse ein.

Kurden

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime in Damaskus.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt unter anderem sechs Tornados für Aufklärungsflüge.

Russland

Seit einem Jahr fliegt Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien und steht an der Seite von Machthaber Assad. Russland bekämpft offiziell den IS, greift aber den Angaben zufolge immer wieder auch moderate Rebellengruppen an, die Seite an Seite mit Dschihadisten kämpfen.

Iran

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Nach Angaben Teherans sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden als militärische Berater der syrischen Armee im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern den Sturz Assads. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Die Türkei will eine größere Selbstbestimmung der Kurden in Nordsyrien verhindern.

Eine Sprecherin des Außenministeriums erklärte mit Blick auf die Vorwürfe von Boris Johnson, diese träfen in ähnlicher Weise auf Großbritannien zu – in Bezug auf Irak. Der Westen müsse selbst erst beweisen, dass er nicht Aggressor sei, schrieb die Sprecherin Maria Sacharowa auf ihrer Facebook-Seite. Bisher beweise die Geschichte das Gegenteil.

Der russische Uno-Botschafter Witali Tschurkin hatte zuvor den USA vorgeworfen, beim Kampf gegen terroristische Gruppen in Syrien praktisch nicht kooperiert zu haben. Stattdessen glänze Washington in Verhandlungen durch „taktische Finessen“ und unberechenbare Manöver, sagte Tschurkin am Sonntag im Uno-Sicherheitsrat. Bei Gesprächen zur – mittlerweile gescheiterten – Waffenruhe habe Washington als Vorbedingung verlangt, dass die Luftangriffe für drei Tage eingestellt würden. Russland habe diesem einseitigen Schritt zur Deeskalation zugestimmt, sagte Tschurkin. „Danach haben sie gesagt: Nein, der US-Präsident hat es sich anders überlegt, sieben Tage sind nötig“, klagte er. Solche Manöver werde Russland künftig nicht mehr mitmachen. Einseitige Schritte werde es nicht mehr geben.

Eine Friedenslösung für Syrien bezeichnet Tschurkin als mittlerweile „fast unlösbare Aufgabe“.

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