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22.10.2011

10:59 Uhr

Schweizer Wahlkampf

Die Angstmacher

Im Schweizer Wahlkampf schürt die rechtsnationale Schweizerische Volkspartei (SVP) die Furcht vor Europa und dem Euro. Und sie präsentiert einen Sündenbock: Den Einwanderer.

Christoph Blocher von der rechtsnationalen SVP. Reuters

Christoph Blocher von der rechtsnationalen SVP.

Stans Dunkle Wolken kleben an den Bergen, die Spitze des Stanserhorn hat sich versteckt. Eine kühle Brise gleitet über den blitzsauberen Dorfplatz von Stans. Das Denkmal des mythenumrankten Arnold von Winkelried am Kopfende des Platzes steht verlassen da. Am unteren Ende des Platzes ziehen einige Männer laut redend vorüber. Sie haben ein Thema: Der Blocher kommt.

An diesem kühlen Oktoberabend macht Christoph Blocher (71), Anführer der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), Wahlkampfstop in Stans. Das 7600 Einwohner zählende Städtchen ist Hauptort von Nidwalden. Und Nidwalden (40.000 Einwohner) ist stolzer Teil der Urschweiz. Die Kantone Unterwalden (Nidwalden und Obwalden), Schwyz und Uri gelten als  Wiege der Eidgenossenschaft von 1291.

Nidwaldens SVP will Blocher einen großen Empfang bereiten. In der Turmatthalle drängen sich Hunderte Blocher-Anhänger. Sie trinken Bier und Stanser Apfelwein, lästern über „die da in Bern“. Das sind die Politiker in der Hauptstadt. Auf der Bühne stimmen die „Stanser Jodlerbuebe“ das Publikum mit heimatlichen Weisen ein. Auch der hiesige Parlamentskandidat der SVP jodelt mit.

Dann schlurft ein weißhaariger Mann mit ausgebeultem, grauem Anzug auf die Bühne. Stille. Christoph Blocher ist angekommen. Er rudert mit den Armen. Dann legt er seine Hände auf die vordere Kante des Rednerpultes, als setze er zum Sprung an. Die Männer und Frauen recken die Hälse, sie wollen Blocher sehen – und sie wollen seine Botschaft hören. In Stans wird sich der große Zampano der Rechten über seine Lieblingsthemen auslassen, wie so oft in diesem Wahlkampf: Die EU, die Eurokrise und die Masseneinwanderung.

EU und Euro kanzelt der einstige Chemieunternehmer als „intellektuelle Fehlkonstruktion“ ab – Blocher kann die Häme kaum unterdrücken. Und den Andrang der Fremden müsse man endlich stoppen. „Jetzt ist genug“, schnarrt der frühere Oberst der Luftschutztruppen. Beifall, Jubel, Bravorufe.

Blochers Botschaft kommt in Stans an – und Blochers Botschaft kommt in der ganzen Schweiz an: Laut letzten Umfragen kann die SVP bei den Parlamentswahlen am Sonntag (23.Oktober) mit weiteren Zugewinnen gegenüber den Wahlen von 2007 rechnen – vor vier Jahren holte sie rund 30 Prozent.

Die rechtspopulistische Volkspartei dürfte somit ihre Position als stärkste politische Kraft Helvetiens festigen. Seit Mitte der Neunziger Jahre eilt die frühere Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei von Erfolg zu Erfolg: Die SVP verdoppelte die Zahl ihrer Sitze in der großen Parlamentskammer, dem Nationalrat, von 1995 (29 Sitze) bis 2007 (62 Sitze). „Die SVP verführt mit ihrer Hetze immer mehr Menschen, das ist sehr beängstigend“, warnen Intellektuelle wie der Genfer Soziologe Jean Ziegler. Der Zürcher Politikwissenschaftler Michael Hermann analysiert: „Europaweit muss man von einer einmaligen Entwicklung sprechen, keine andere Rechtspartei hat bei Wahlen kontinuierlich so zulegt.“

Zwar sitzt auch ein SVP-Vertreter in der Schweizer Regierung, dem Bundesrat. Doch in der direkten Demokratie der Eidgenossen, einem System, indem das Volk die großen Fragen der Politik entscheidet, gebärdet sich die SVP so, als habe sie mit dem Kabinett nichts zu schaffen.

Kommentare (15)

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omontono

22.10.2011, 11:19 Uhr

Na ja, in einer Sache behielten die Schweizer ja recht: Der Eurozone nicht beizutreten.

Und was wurde daraufhin die kleine Schweiz von unseren EU-Befürwortern getreten und geschlagen.

Sonnt euch jetzt in eurer Häme, es sei euch gegönnt - verurteilt aber nicht pauschal die 'Einwanderer'; sind darunter doch etliche, hochqualifizierte Bundesbürger, welche auch ganz maßgeblich zur Wettbewerbsfähigkeit mit beitragen.

Von solchen Fremden können wir hier nur träumen.

KOTTAN1966

22.10.2011, 11:21 Uhr

Man muss nur Deutscher sein, um bei einem Aufenthalt in der Schweiz zu merken, wie sich die Haltung von Herrn Blocher in Teilen der Bevölkerung breit macht. Unglaublich, diskriminierend und jedenfalls rassistisch!

norbert

22.10.2011, 12:00 Uhr

Es sollten sich alle liberalen Schweizer überlegen, welcher ihrer Fehler dem Herrn Blocher so viel Zulauf beschert.
So lange man sich moralisch darüber erhebt, kann man ihn nicht begreifen und reflektieren.

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