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08.06.2016

11:26 Uhr

Schwulenfeindlichkeit in Russland

Kriminelle Banden erpressen Homosexuelle

In Russland ist Homosexualität tabu. Die gesellschaftliche Ausgrenzung macht Schwule zur leichten Beute für Kriminelle – sie sehen „eine profitable Nische“. Die Polizei bekommt von den Erpressungen angeblich nichts mit.

International erntet Russland viel Protest mit seiner Politik gegen Homosexuelle. dpa

Demonstration gegen Homophobie in Russland

International erntet Russland viel Protest mit seiner Politik gegen Homosexuelle.

St. PetersburgDer Wirtschaftswissenschaftler wusste nicht, wie ihm geschah, als mehrere Männer die Wohnung in St. Petersburg stürmten. Sie schlugen ihn nieder, bedrohten ihn und forderten Geld. Denn der Ökonom ist schwul und hatte sich über eine Dating-Webseite verabredet.

Die Gruppe, wahrscheinlich Mitglieder einer kriminellen Bande, behauptete, der Mann, mit dem der Wirtschaftswissenschaftler verabredet war, sei noch minderjährig. Wenn er nicht zahle, würden sie die Polizei einschalten und ein heimlich gefilmtes Video veröffentlichen.

Die Schwulenrechtsorganisation Vykhod (Coming-out) kennt solche Fälle. Zwölf ähnliche Taten hätten Mitarbeiter im vergangenen Jahr in St. Petersburg registriert, mindestens sechs bereits in diesem Jahr. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzung von Aktivisten deutlich höher, denn die meisten Betroffenen wenden sich nicht an die Polizei.

Homosexualität ist in der russischen Gesellschaft kaum akzeptiert. Die meisten Schwulen verheimlichen ihre sexuelle Orientierung vor ihren Familien, Freunden und Kollegen. Damit sind sie für Kriminelle leicht zu erpressen.

Vykhod-Sprecherin Nika Jurjewa erklärt, die meisten der ihr bekannten Angriffe seien nach demselben Muster verlaufen wie der auf den Wirtschaftswissenschaftler. Und auch Alexander Losa, juristischer Berater bei der Organisation Positiver Dialog, die sich besonders an HIV-positive Homosexuelle richtet, hat von solchen Vorkommnissen gehört.

„Viele Homosexuelle in Russland führen ein Doppelleben und wollen ihre sexuelle Orientierung nicht preisgeben“, sagt Losa. „Im Fall von arrangierten Dates haben sie Angst, sich zu offenbaren, Angst, dass ihnen Missbrauch von Minderjährigen vorgeworfen wird und darum haben sie Angst, zur Polizei zu gehen.“

Russlands Wirtschaft

Einwohner

143,3 Millionen (Stand: 2013).

Gasproduktion

2012: 654,5 Milliarden Kubikmeter.

Erdölproduktion

2012: 517,9 Millionen Tonnen.

Bruttoinlandsprodukt

2014: ~ 2215,4 Milliarden US-Dollar

Inflationsrate

2012: 5,1 Prozent

2013: 6,7 Prozent*

2014: 5,7 Prozent*

*) Schätzung bzw. Prognose

Arbeitslosenquote

2010: 7,5 Prozent.

2011: 6,6 Prozent.

2012: 5,6 Prozent.

Haushaltssaldo

2010: -4,0 Prozent des BIP

2011: 0,8 Prozent des BIP

2012: -0,1 Prozent des BIP

Leistungsbilanzsaldo

2010: 4,4 Prozent des BIP, brutto.

2011: 5,1 Prozent des BIP, brutto.

2012: 3,7 Prozent des BIP, brutto.

2013: 2,9 Prozent des BIP, brutto.*

2014: 2,3 Prozent des BIP, brutto.*

*) Schätzung bzw. Prognose

Währungsreserven

2010: 432,95 Milliarden US-Dollar.

2011: 441,16 Milliarden US-Dollar.

2012: 473,11 Milliarden US-Dollar.

Die Aktivisten sind sich sicher, dass ein Gesetz aus dem Jahr 2013 den Kriminellen Vorschub leistet. Demnach handelt es sich um eine Straftat, Kinder sogenannter homosexueller Propaganda auszusetzen. Das Gesetz ist Teil der vom Kreml unterstützten Bemühungen, traditionelle Familienwerte zu schützen und dem Einfluss des von ihm als dekadent bezeichneten Westen zu begegnen.

Für den bekannten russischen Fernsehjournalisten Anton Krasowski bedeutet sein Coming-out das Ende seiner Karriere. Er wurde nach seiner öffentlichen Bekanntgabe seiner Homosexualität während einer Live-Übertragung 2013 entlassen und hat seitdem keinen neuen Job beim Fernsehen gefunden.

Krasowski glaubt, dass es noch lange dauern wird, bis Homosexuelle in Russland sich ausreichend sicher fühlen, öffentlich über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen: „Um keine Angst mehr zu haben, müssen sie dem Staat vertrauen, in dem sie leben, aber sie vertrauen dem Staat zurzeit nicht.“

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