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23.06.2014

11:40 Uhr

Seehofer im Vatikan

Zwei Päpste an einem Tag

VonKatharina Kort

Wer bekommt eigentlich eine Audienz bei Papst Franziskus? Theoretisch jeder, aber nur in der Gruppe. Für die ganz privaten Treffen hinter verschlossenen Türen muss man wohl doch ein VIP sein. Oder CSU-Chef Seehofer.

Seehofer (m.) bei der Ankunft in Rom mit dem deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Reinhard Schweppe (l.): „Eine gewisse Anspannung ist schon da“. dpa

Seehofer (m.) bei der Ankunft in Rom mit dem deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Reinhard Schweppe (l.): „Eine gewisse Anspannung ist schon da“.

Rom06-6988 5863. Das ist die Faxnummer der Prefettura della Casa Pontificia in Rom. Hier kann man die kostenlosen Eintrittskarten für eine Papstaudienz beantragen. Wer Glück  hat und seine Karte für die wöchentlichen Audienzen – immer Mittwochs – zugeteilt bekommt, kann sie dann am Tag vor dem Datum abholen. Allerdings handelt es sich hier eher um Massenveranstaltungen. Man sieht Papst Franziskus zwar persönlich und wird gesegnet, aber viel Zeit bleibt nicht.

Anders sieht das bei den Promis aus. Für die nimmt sich der Papst auch gerne mal eine Stunde Zeit. Darüber entscheidet der Beraterstab und wohl auch der Papst selbst. Er hat schon Matteo Renzi als Regierungschef empfangen, den Sänger und Gründer einer Stiftung, Andrea Boccelli, und ganze Fußballvereine wie Juventus und Neapel.

Russel Crowe wurde abgelehnt

Manchmal bekommen auch VIPs eine Absage: Filmstar Russel Crowe etwa, der eine Audienz für seine Delegation des Films „Naohs“ haben wollte, musste ohne privaten Papstempfang wieder abreisen. Der Papst wollte sich wohl nicht als Werbeträger für den Hollywood-Film ausnutzen lassen.

Wir finanziert sich die katholische Kirche in Deutschland?

Kirchensteuer

Den größten Teil ihrer laufenden Kosten deckt die katholische Kirche aus ihren Kirchensteuereinnahmen. 2012 waren das fast 5,2 Milliarden Euro.

Staatsleistungen

Sie betreffen nur die Bundesländer und Kommunen und gehen häufig auf die Säkularisation (Verstaatlichung des Kirchenbesitzes) Anfang des 19. Jahrhundert zurück. Gezahlt wird mit Bezug auf Artikel 140 des Grundgesetzes zum Beispiel für den Personal- und Sachbedarf der Kirchen. Hinzu kommen Ausgaben für den Bauunterhalt kirchlich genutzter Gebäude. Nach Angaben der Linken im Bundestag zahlen die Länder jährlich fast eine halbe Milliarde Euro an die Kirchen. Die Partei hat 2012 einen Gesetzentwurf zur Ablösung dieser Staatsleistungen vorgelegt. Dazu ist ein Bundesgesetz nötig.

Bundeszuschüsse

Die Kirchen erhalten für Aufgaben im caritativen Bereich wie andere Träger auch Bundesmittel, zum Beispiel für kirchliche Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen. So betrug der Bundeszuschuss für die Caritas 2012 rund 51,9 Millionen Euro. Die katholische Kirche gab dafür 8,6 Millionen Euro aus. Zuschüsse des Bundes fließen auch für Militärseelsorge, Kirchentage und Denkmalschutz. Eine Gesamtsumme wird nach Angaben des Bundesfinanzministeriums nicht ermittelt.

Kirchliches Vermögen

Dabei geht es zum Beispiel um Immobilienbesitz und Miet- und Pachteinnahmen sowie Überschüsse aus kircheneigenen Betrieben oder Beteiligungen. Jedes Bistum hat sein eigenes Vermögen, Je nach Situation machen diese Einnahmen nach Expertenschätzungen fünf bis zehn Prozent des Gesamthaushalts eines Bistums aus.

Spenden und Kollekten

Sie machen nach Einschätzung von Experten fünf Prozent der kirchlichen Einnahmen aus. Die katholische Kirche beziffert diese Einnahmen für das Jahr 2009 auf rund 250 Millionen Euro.

Wie steht es um die Transparenz in den kirchlichen Haushalten?

Wesentliche Entscheidungen zur Verwendung der Kirchensteuer obliegen speziellen Kirchengremien in den Bistümern. Der Kirchensteuerhaushalt wird in der Regel öffentlich dokumentiert. In Bistümern gibt es neben dem regulären Haushalt noch einen „Bischöflichen Stuhl“. Der Begriff bezeichnet das Vermögen, das mit dem Bischofsamt verbunden ist. Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler gibt es für diese Summen keine Auskunftspflicht, so lange keine öffentlichen Gelder damit verbunden sind. Kritiker nennen den „Bischöflichen Stuhl“ deshalb einen Schattenhaushalt. Nach dem Finanzskandal um den Neubau des Bischofssitzes in Limburg haben die Bistümer Essen und Speyer angekündigt, diese Zahlen offenzulegen.

Was ist bei der Finanzkontrolle im Bistum Limburg schiefgegangen?

Dazu gibt es bisher fast nur Vermutungen. 2008, vor dem Amtsantritt des umstrittenen Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst, soll der „Bischöfliche Stuhl“ über rund 100 Millionen Euro verfügt haben. 2011 soll Tebartz-van Elst dem Domkapitel die Zuständigkeit für diesen Haushalt entzogen und stattdessen einem Vermögensverwaltungsrat übertragen haben. Die Frage ist, ob er dieses Gremium bei den Kosten für den neuen Bischofssitz, die zuletzt auf 31 Millionen Euro anwuchsen, getäuscht hat.

Sind ähnliche kirchliche Finanzskandale bekannt?

Der Bund der Steuerzahler hat 1999 kritisiert, dass der katholische Militärbischof Johannes Dyba mit seinem Amt unbedingt von Bonn nach Berlin ziehen wollte - die Sanierung der Berliner Dependance habe umgerechnet rund 10 Millionen Euro gekostet. Skandale um Kirchenvermögen werden auch durch Gerichtsurteile bekannt. So wurden im September 2010 ein früherer Kirchenmitarbeiter im Bistum Limburg wegen der Veruntreuung von 2,7 Millionen Euro zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Nach finanziellen Verfehlungen zog sich 2011 der Orden der Pauliner aus dem Hochschwarzwald zurück. Ein Ordensbruder, der als Pfarrer eine Gemeinde betreute, hatte 247 000 Euro Spenden- und Kirchengelder veruntreut und dafür ohne Erlaubnis neue Messgewänder und Abendmahlskelche gekauft. Er ließ auch Kunstgegenstände restaurieren.

Offizielle Kriterien für die Auswahl gibt es keine. Kleidervorschriften eigentlich schon: Frauen in schwarz gekleidet mit einem Tuch auf dem Kopf, das bis zur Schulter reicht. Die Herren im Frack mit weißer Krawatte und schwarzer Weste. Aber Franziskus wirft bekanntlich auch gerne mal das Protokoll um. Zuletzt hieß es aus seinem Umfeld, der kommunikationsfrohe Papst sei müde und solle auch die Privataudienzen lieber etwas einschränken.

Was Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer für die Audienz prädestiniert, ist unklar. Schließlich steht der CSU-Chef mit seinem Privatleben – eine uneheliche Tochter – eher für jenes Katholikentum, das Franziskus verurteilt: Das Gute predigen, aber das Schlechte leben. Vielleicht will der Argentinier aber auch einfach seinem bayerischen Vorgänger Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, einen Gefallen tun und dessen Landsmann nicht abweisen.

Benedikt XVI. und Franziskus: Seehofer trifft zwei Päpste an einem Tag Reuters

Benedikt XVI. und Franziskus: Seehofer trifft zwei Päpste an einem Tag

Und so kam es am Montag: Franziskus empfing Seehofer zur Privataudienz im Vatikan. Dabei nahm eine kleine Delegation aus dem Freistaat teil, darunter auch drei Minister. Der CSU-Chef überreichte Franziskus einen großen Präsentkorb mit bayerischen Spezialitäten, darunter Bier, Brezn, Griebenschmalz, Würzburger Silvaner, Senf und Obstler. „Eine gewisse Anspannung ist schon da“, hatte Seehofer vor dem Treffen mit dem katholischen Kirchoberhaupt eingeräumt. Anschließend wollte er dann den Bayern Ratzinger treffen.

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