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22.08.2016

20:16 Uhr

Selbstmordattentäter von Gaziantep

Regierungschef Yildirim korrigiert Erdogan

Nach dem Selbstmordanschlag auf eine kurdische Hochzeitsfeier behauptete der türkische Präsident Erdogan, der Attentäter sei zwischen zwölf und 14 Jahre alt. Nun rudert Regierungschef Yildirim zurück.

Bei dem Anschlag waren am Samstagabend in Gaziantep im Südosten der Türkei 54 Menschen getötet worden. dpa

Türkische Regierung nimmt Angaben zu Attentäter zurück

Bei dem Anschlag waren am Samstagabend in Gaziantep im Südosten der Türkei 54 Menschen getötet worden.

AnkaraDie türkische Regierung hat Angaben zur möglichen Identität des Attentäters von Gaziantep zurückgenommen. „Wir haben keine Ahnung, wer hinter der Attacke steckt“, sagte der türkische Regierungschef Binali Yildirim am Montagabend über den tödlichen Anschlag auf eine kurdische Hochzeitsfeier. Frühere Berichte, dass es sich bei dem Attentäter um ein Kind handelte und die Miliz Islamischer Staat (IS) dahinterstecke, seien „leider nicht richtig“.

Bei dem Anschlag waren am Samstagabend in Gaziantep im Südosten der Türkei 54 Menschen getötet worden. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte am Sonntag bei einer Pressekonferenz in Istanbul gesagt, ein „zwischen zwölf und 14 Jahre alter Selbstmordattentäter“ habe sich inmitten der Hochzeitsgesellschaft in die Luft gesprengt. Verantwortlich sei vermutlich der IS.

Türkei: Mindestens 51 Tote bei Anschlag auf Hochzeit

Türkei

Mindestens 51 Tote bei Anschlag auf Hochzeit

Bei einem Selbstmordanschlag auf eine Hochzeitsfeier im Süden der Türkei hat es Dutzende Todesopfer gegeben. Für die Tat soll die Terrormiliz IS verantwortlich sein. Laut Präsident Erdogan war der Attentäter noch ein Kind.

Ministerpräsident Binali Yildirim sagte hingegen am Montag nach einer Kabinettssitzung, bislang lägen keine Hinweise auf den Attentäter vor. Ob er ein „Kind oder ein Erwachsener“ gewesen sei, wüssten die Behörden nicht.

Währenddessen hat die türkische Armee nach Fernsehberichten Stellungen der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und der Kurdentruppe PYD im Norden Syriens mit Artillerie beschossen. Bei den Angriffen am Montag seien Ziele der Dschihadisten in der Stadt Dscharablus sowie Stellungen der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) nahe Manbidsch von türkischem Boden aus unter Haubitzen-Feuer genommen worden, berichteten die Sender CNN-Türk und NTV.

Zuvor hatte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärt, Ankara wolle die Grenzregion zu Syrien vollständig vom IS „säubern“.

Die Kontakte der Türkei zu Terroristen

Sind die Kontakte der Türkei zur Hamas wirklich neu?

Nein. Bereits vor zehn Jahren rollte die türkische Regierungspartei AKP einer Delegation der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas bei einem Besuch in Ankara den roten Teppich aus - sehr zum Verdruss des Westens und Israels, die die Hamas als Terrororganisation sehen. Als Begründung für den Empfang wurde auf den Sieg der Hamas bei der palästinensischen Parlamentswahl im Januar 2006 hingewiesen. Man wolle der dadurch veränderten Lage im Nahen Osten Rechnung tragen und der Hamas „ganz offen die Erwartungen der internationalen Gemeinschaft“ übermitteln, hieß es damals. Hamas-Chef Chaled Maschaal äußerte sich nach dem Treffen - unter anderem mit dem damaligen Außenminister Abdullah Gül - positiv über die Unterstützung der Türkei für die Palästinenser.

Welche Folgen hatten die guten Beziehungen zur Hamas für den Nahost-Konflikt?

Die guten Beziehungen, die die islamisch-konservative Regierung in Ankara mit der im Gazastreifen herrschenden Hamas pflegt, störten immer wieder das ohnehin schwierige Verhältnis zu Israel. Jahrelang belastete der Vorfall um das Hilfsschiff „Mavi Marmara“ die Beziehungen. Israelische Elitesoldaten hatten das Passagierschiff Ende Mai 2010 aufgebracht; zehn Türken an Bord kamen ums Leben. Die Aktivisten hatten trotz Warnungen versucht, eine von Israel verhängte Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen.

Die militärische Zusammenarbeit der beiden Länder endete, die Botschafter verließen ihre Posten und eine tiefe Krise begann. Erst Ende Juni dieses Jahres beendeten Israel und die Türkei die sechsjährige politische Eiszeit und einigten sich auf eine Normalisierung ihrer Beziehungen.

Unterstützt die Türkei in Syrien islamistische Terroristen wie die IS-Miliz?

Die Türkei wehrt sich vehement gegen derartige Behauptungen. Wie es einem Journalisten in der Türkei ergehen kann, der solche Unterstützung belegen will, zeigt der Fall des Chefredakteurs der regierungskritischen Zeitung „Cumhuriyet“, Can Dündar, der diesen Posten gerade aufgegeben hat und sich aus Furcht vor weiterer Verfolgung im Ausland aufhält. Dündar und ein Mitarbeiter wurden für schuldig befunden, geheime Dokumente veröffentlicht zu haben, die türkische Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien 2015 belegen sollen.

Wie ist grundsätzlich das Verhältnis der Türkei zum IS?

Die Türkei betrachtet den Islamischen Staat als Terrororganisation. Sie macht den IS auch für zahlreiche Anschläge im Land verantwortlich. Ein Vormarsch der kurdischen Volksschutzeinheiten gegen den IS in Nordsyrien ist der Türkei dennoch ein Dorn im Auge. Die syrischen Kurden kontrollieren ein großes Gebiet an der Grenze zur Türkei. Die Türkei befürchtet, ein weiterer Geländegewinn der syrischen Kurden könnte Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden im eigenen Land befeuern.

Wie sehen deutsche Sicherheitsbehörden das Verhalten der Türkei?

Hinter vorgehaltener Hand hatte es in den vergangenen Jahren in deutschen Sicherheitsbehörden immer wieder Kritik an einer mangelnden Bereitschaft Ankaras zur Mitarbeit im Kampf gegen den IS-Terror in Syrien gegeben. So habe Ankara nicht so genau hingeschaut, wenn Islamisten aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern über die Türkei in die Kampfgebiete des IS gereist waren.

In Medienberichten war auch davon die Rede, IS-Kämpfer seien in türkischen Krankenhäusern gesund gepflegt worden. Dazu hieß es in Sicherheitskreisen, solche Vorwürfe seien kaum nachzuweisen, da meist nicht nachvollziehbar sei, auf welcher Seite verletzte Kämpfer zuvor gestanden hätten, wenn sie in türkischen Krankenhäusern behandelt würden.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat alle Vorwürfe zurückgewiesen, die Türkei unterstütze den IS. „Sie sagen, die Türkei kauft ihr Öl, die Türkei gibt ihnen Waffen oder behandelt sogar ihre Verwundeten in Krankenhäusern“, erklärte er schon vor zwei Jahren. „All das steht außer Frage und ist nicht wahr.“

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