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23.05.2014

07:39 Uhr

Separatisten

Die Bevölkerung von Donezk ist skeptisch

Das Gebiet Donezk hat sich für unabhängig erklärt. Die Führung der Separatisten macht allerdings einen chaotischen Eindruck, auch an Unterstützung seitens der Bevölkerung scheint es ihr zu fehlen.

Denis Puschilin, selbsternannter Kopf der „Republik Donezk“: Die Separatisten in der Ostukraine machen alles andere als den Eindruck einer gut durchorganisierten Ordnungsmacht. dpa

Denis Puschilin, selbsternannter Kopf der „Republik Donezk“: Die Separatisten in der Ostukraine machen alles andere als den Eindruck einer gut durchorganisierten Ordnungsmacht.

DonezkEine Tagesordnung gab es bei der ersten Sitzung des Obersten Rates der „Republik Donezk“ am Montag nicht. Etwa 20 Prozent der Mitglieder waren bewaffnet erschienen, alle sprachen durcheinander. Kaum jemand schien zu wissen, was zu tun sei. Schließlich wurde es sogar Denis Puschilin, dem Vorsitzenden des selbsternannten Obersten Rates, zu viel. „Ihr benehmt euch wie im Kindergarten“, rief er, bevor er den Saal verließ.

Die Separatisten in der Ostukraine machen alles andere als den Eindruck einer gut durchorganisierten Ordnungsmacht. Über das von ihnen vor Wochen besetzte Regierungsgebäude hinaus scheinen sie kaum Einfluss in der Bevölkerung zu haben. Deshalb setzen sie mehr und mehr auf Einschüchterung.

Der eskalierende Machtkampf in der Ostukraine

Nach dem Sturz...

... der moskautreuen Führung in Kiew und dem Anschluss der Krim an Russland ist der Konflikt um die mehrheitlich russischsprachige Ostukraine eskaliert.

Erste Ausschreitungen...

... gibt es am 6. April. Bei Demonstrationen in der Ostukraine gibt es massive Ausschreitungen. Moskautreue Aktivisten besetzen Verwaltungsgebäude in den Millionenstädten Charkow und Donezk.

Die Besetzer...

... fordern am 7. April erstmalig Referenden über eine Abspaltung der Ostukraine von Kiew und rufen eine souveräne Volksrepublik aus. In weiteren Orten werden Gebäude besetzt.

Ein „Anti-Terror-Einsatz“...

... am 13. April gegen Separatisten in Slawjansk fordert Tote und Verletzte. In Charkow werden bei Zusammenstößen von Gegnern und Anhängern einer Annäherung an Russland Dutzende verletzt.

Barack Obama...

... telefoniert am 14. April mit Kremlchef Wladimir Putin. Der US-Präsident äußert sich darin besorgt darüber, dass Moskau die prorussischen Separatisten unterstütze. Putin bestreitet eine Einmischung.

Ein Friedensplan...

... wird am 18. April bei einem internationalen Treffen in Genf beschlossen. Wichtigster Punkt: Die Separatisten sollen die Waffen niederlegen und besetzte Gebäude räumen.

Mit Panzern und Hubschraubern...

... gehen Regierungstruppen am 24. April bei Slawjansk gegen Separatisten vor. Putin verurteilte den Einsatz der ukrainischen Armee als „sehr ernstes Verbrechen“, das „Folgen“ für die Regierung in Kiew haben werde.

Militärbeobachter der OSZE...

... werden am 25. April von Separatisten in deren Gewalt gebracht, darunter sind vier Deutsche. In Slawjansk beschuldigt der örtliche Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow die Gruppe der Spionage.

Zurschaustellung der Geiseln...

...am 27. April. Die OSZE-Geiseln werden von Ponomarjow der Presse vorgeführt. Sie sollen gegen inhaftierte Separatisten ausgetauscht werden.

Neue Sanktionen...

... gegen Moskau verhängen die EU und die USA am 28. April aus Verärgerung über das Vorgehen Russlands gegen Moskau. Am selben Tag wird in Charkow der Bürgermeister durch einen Schuss schwer verletzt. Auf dem Militärflugplatz Kramatorsk beschießen Unbekannte Regierungseinheiten.

Die prorussischen Militanten...

... besetzen 30. April in Lugansk und Gorlowka weitere Gebäude. In Kiew räumt Übergangspräsident Alexander Turtschinow ein, die Kontrolle über Teile des Landes verloren zu haben.

Der Gegenschlag...

... von Kiew erfolgt am 2. Mai. Truppen der ukrainischen Armee, der Nationalgarde und des Innenministeriums gehen in Slawjansk und Kramatorsk massiv gegen die Separatisten vor.

Viele Menschen in der Millionenstadt Donezk nehmen die Separatisten als gewalttätige Emporkömmlinge wahr. „Dieses ganze Gerede über uns als unabhängige Republik“, sagt der Rentner Leonid Kriwonos. „Was soll denn das für eine Republik sein?“ Der 75-Jährige ist vor allem verärgert darüber, dass die Separatisten der Bevölkerung die Teilnahme an der Präsidentenwahl in der Ukraine verweigern. Er ist einer der wenigen, der offen spricht; viele andere haben Angst vor den neuen Herren.

Die Lehrerin Antonina erzählt, ihre Familie und sie hätten Todesdrohungen erhalten. Sie sei Mitglied des örtlichen Wahlausschusses, der die Präsidentenwahl vorbereite. Bei einem Treffen seien bewaffnete Männer in den Raum gestürzt und hätten alle Wahlunterlagen beschlagnahmt. „Ich habe wirklich Angst um meine Kinder“, sagt sie und will ihren Nachnamen nicht nennen.

Aus Puschilins Sicht hat Donezk mit der Präsidentenwahl nichts mehr zu tun. Donezk gehöre nicht mehr zur Ukraine. „Wie können wir die Wahl in einem Nachbarland auf unserm Gebiet stattfinden lassen?“, sagte er kürzlich bei einem Interview und grinste. Der Separatistenführer, ein ehemaliger Geschäftsmann, der sein Geld mit einem Finanz-Schneeballsystem verdiente, ist sich der Unterstützung der Mehrheit sicher. Und das, obwohl der russische Präsident Wladimir Putin sie aufgefordert hatte, ihr Unabhängigkeitsreferendum am 11. Mai zu verschieben.

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