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11.03.2016

11:29 Uhr

Serbien und Milosevic

Milosevic wird reingewaschen

Slobodan Milosevic gilt internationaler als großserbischer Kriegsherr, der mehr als 100.000 Tote auf dem Gewissen hat. In der Heimat wird er zehn Jahre nach seinem Tod als „Spieler von Weltformat“ bezeichnet.

Trotz seiner Kriegsverbrechen wird der ehemalige serbische Spitzenpolitiker Slobodan Milosevic an seinem zehnten Todestag von der Zeitung „Politika“ gefeiert. dpa

„Spieler von Weltformat“

Trotz seiner Kriegsverbrechen wird der ehemalige serbische Spitzenpolitiker Slobodan Milosevic an seinem zehnten Todestag von der Zeitung „Politika“ gefeiert.

BelgradAnlässlich des zehnten Todestages des nationalistischen serbischen Spitzenpolitikers Slobodan Milosevic hat die Regierungszeitung „Politika“ ihn im großen Stil gewürdigt. Erstaunliches Fazit: Vieles war während der Zeit des Autokraten (1987-2000) besser als heute. Milosevic hatte gar keine echte Wahl und wurde von der Weltpolitik aufgerieben – und: Heute würden selbst seine schärfsten Kritiker sein „Testament“ unterschreiben. Milosevic war am 11. März 2006 in seiner Zelle im Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag an einem Herzinfarkt gestorben

Die Zeitung verliert kein Wort über die Kriege in Slowenien, Kroatien, Bosnien und dem Kosovo (1991-1999), kein Wort über die Verelendung breitester Schichten in Serbien durch die Waffengänge. Ganz im Gegenteil. Der „Bursche aus (seiner Geburtsstadt) Pozarevac“ wird immer wieder mit seinem Kosenamen „Slobo“ bezeichnet und als Opfer dunkler westlicher Machenschaften dargestellt. „Haben wir sein Testament gelesen?“, titelt das renommierte Blatt.

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Die demonstrative Reinwaschung passt gut zusammen mit der politischen Szene. Die wichtigsten Spitzenpolitiker heute waren die engsten Gefolgsleute von Milosevic damals. Staatspräsident Tomislav Nikolic oder Regierungschef Aleksandar Vucic ebenso wie der frühere Ministerpräsident und aktuelle Außenminister Ivica Dacic, der seinem politischen Übervater als Parteichef der aus den Kommunisten entstandenen Sozialisten folgte. Während Nikolic seinem früheren Idol noch nicht öffentlich abgeschworen hat, haben Vucic und Dacic Fehler damals eingeräumt und geben sich heute als überzeugte Demokraten und glühende Europäer.

Milosevic wird von „Politika“ als „Spieler von Weltformat“ vorgestellt, der trotzdem keine Chance auf eine eigenständige Politik besessen hätte. Das Schicksal Serbiens „hängt daher nicht so sehr von der Weisheit oder Dummheit des Führers ab wie vom Verhältnis der Kräfte, die es zerstückeln“, meint das Blatt.

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