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10.03.2014

07:41 Uhr

Sergej Aksjonow

„Der böse Kobold“

Sergej Aksjonows Aufstieg an die Macht auf der Krim war rapide. Als regionaler Regierungschef betreibt er jetzt die Abspaltung von der Ukraine. Nun kommen Zweifel an seiner Vergangenheit auf.

Bis vor kurzem hatte Sergej Aksjonow auch behauptet, dass er keine Abspaltung der Krim von der Ukraine betreibe. Nun die Wende. dpa

Bis vor kurzem hatte Sergej Aksjonow auch behauptet, dass er keine Abspaltung der Krim von der Ukraine betreibe. Nun die Wende.

SimferopolNoch vor zwei Wochen war Sergej Aksjonow ein eher unbedeutender Politiker auf der Krim. Er war Chef einer kleinen prorussischen Partei, die bei der vergangenen Regionalwahl gerade mal vier Prozent der Stimmen holte. Zudem galt er als wenig bekannter Geschäftsmann mit einer zweifelhaften Vergangenheit mit dem Spitznamen „Goblin“. Das bedeutet übersetzt so etwas wie böser Kobold und ist ein Überbleibsel aus Tagen, als auf der Schwarzmeer-Halbinsel nach dem Zerfall der Sowjetunion kriminelle Banden florierten.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist Aksjonow Chef der Regionalregierung, ein Mann, der allem Anschein nach von Moskau in die Machtposition gebracht wurde und nun hart daran arbeitet, die Krim in die russische Föderation einzugliedern.

Aksjonow leitet auch eine brandneue Streitmacht, 30 mit AK-47-Sturmgewehren ausgerüstete Männer, die noch lernen müssen, in einer Formation zu marschieren. Am Samstag wurden sie in einem Park der Regionalhauptstadt Simferopol vereidigt und begrüßten Aksjanow in einem Sprechchor als ihren „Kommandeur“.

Das für den 16. März angesetzte Referendum auf der Krim werde die Insel zu einem Teil Russlands machen, sagte der ehemalige Halbprofi-Boxer während der Zeremonie. Aber er hege keinen Groll gegen die Ukraine. „Wir sind keine Feinde jener Soldaten, die dem ukrainischen Staat Treue geschworen haben“, versicherte Aksjonow mit Bezug auf die Ukrainer in Uniform, die sich jetzt auf der Krim in ihren Stützpunkten verbarrikadiert haben - unsicher, was mit ihnen geschehen wird. Sie könnten die Insel verlassen und in die Ukraine gehen, sagte der Krim-Regierungschef, der sich selbst als „Friedensstifter“ bezeichnet.

Krim-Krise alarmiert osteuropäische Länder

Polen

Polen hat sich als Nachbar der Ukraine früh an die Spitze der Initiativen gegen Russland gestellt. Präsident Bronislaw Komorowski forderte wegen des russischen Eingreifens in der Ukraine „Konsultationen gemäß Artikel 4 des Nato-Vertrages“. Dieser regelt das Vorgehen, wenn ein Mitgliedstaat die Unversehrtheit des Nato-Gebiets oder die Sicherheit bedroht sieht. Die Sicherheit Polens sei zwar nicht direkt bedroht, Russland habe aber zweifellos das Völkerrecht gebrochen, sagte Komorowski.

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski verurteilte die „Verletzung der ukrainischen Grenze“: „Weder Polen noch die Welt kann das tolerieren. Denn wir wissen, dass das Raubtier durch das Fressen immer noch mehr Appetit bekommt. Für die freie Welt ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein.“

Tschechien

Die Mitte-Links-Regierung in Prag verurteilte die „schleichende Besetzung“ der Schwarzmeer-Halbinsel Krim als einen Akt der Aggression. Er erinnere an den Sowjet-Einmarsch in Prag 1968. Der russische Botschafter wurde ins Außenamt zitiert, der nationale Sicherheitsrat kam zusammen. Auf EU-Ebene plädiert Tschechien für ein härteres Vorgehen gegen Russland und fordert einen sofortigen Stopp der Verhandlungen über Visa-Erleichterungen. Wirtschaftliche Sanktionen lehnt Ministerpräsident Bohuslav Sobotka indes ab, weil sie beide Seiten treffen würden.

Baltikum

Nach der russischen Aggression in der Ukraine wächst auch die Sorge in den drei kleinen Baltenstaaten Estland, Lettland und Litauen. Unmittelbar nach Beginn der Krim-Krise riefen sie ihre Nationalen Sicherheitsräte ein und verurteilten in scharfer Tonlage das Vorgehen Moskaus. Führende Politiker kritisierten auch die Reaktion der internationalen Gemeinschaft im Ukraine-Konflikt mitunter als „zögerlich“, „zu langsam“ und „feige“.

In allen drei Ländern diskutiert die Öffentlichkeit, inwieweit der Westen tatsächlich bereit wäre einzugreifen, sollte Russland etwa zum Schutz der starken russischen Minderheiten in Estland und Lettland ins Baltikum einmarschieren. Dabei überwiegt die Überzeugung, dass das militärische Machtstreben des Kremls an den Grenzen der drei EU- und Nato-Länder haltmachen würde. „Wir sind bereit, uns selbst zu verteidigen, und wir werden von der Nato geschützt“, sagte Litauens Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite bei einer Visite auf dem litauischen Militärflugplatz in Zokniai. Dort werden die USA auf gemeinsame Bitte der drei Länder zusätzliche Kampfjets für die Nato-Mission zur Sicherung des baltischen Luftraums stationieren.

Slowakei

Die Slowakei befindet sich als direktes Nachbarland der Ukraine in einer Zwickmühle. Einerseits verurteilte Regierungschef Robert Fico den russischen „Bruch des Völkerrechts“ und betonte mehrfach, sein Land werde alle Maßnahmen der EU gegen Russland mittragen. Auch an einer OSZE-Inspektionsgruppe in der Ukraine beteiligt sich die Slowakei. Andererseits würden Wirtschaftssanktionen auch die Slowakei selbst treffen. Nicht nur wegen ihrer Abhängigkeit von russischen Gasimporten, sondern auch weil der russische Markt für slowakische Firmen - allen voran Volkswagen Slovakia als größter Exporteur – immer wichtiger wird.

Bulgarien

Bulgarien fürchtet wegen des Ukraine-Konflikts um seine Energielieferungen aus Russland. Ein Krisenstab wurde einberufen, um die Risiken zu erörtern. Das EU-Land ist im Energiebereich noch immer fast komplett von Russland abhängig. Die Regierung der Sozialisten wollte wohl deswegen eine Stellungnahme zum Ukraine-Konflikt abwarten und sehen, was der EU-Sondergipfel beschließt. Der bürgerliche Staatschef Rossen Plewneliew verurteilte dagegen die „Anwendung militärischer Gewalt zur Okkupation von fremden Staatsgebieten“. In der Ukraine leben mehr als 200 000 ethnische Bulgaren, die auf den Gebrauch der Muttersprache bestehen.

Aber in Simferopol erinnern sich die Menschen an Aksjonows Spitznamen aus den 1990er Jahren. Er sei kein großer Krimineller gewesen, sagt Andrej Sentschenko, ein Mitglied der Vaterlandspartei, die bei den Protesten gegen den inzwischen gestürzten prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch eine Hauptrolle spielte. Er beschreibt Aksjonow als einen „Brigadeführer“ in einer Bande, die oft in Erpressungen und Betrügereien verwickelt gewesen sei.

Aber Sentschenko ist nicht unvoreingenommen, seine Partei tritt vehement gegen einen Anschluss der Krim an Russland ein. Doch auch Michail Bacharew von der größten prorussischen Regionalzeitung „Crimean Truth“ hat vor fünf Jahren ähnliche Vorwürfe gegen Aksjonow erhoben, der damals gerade in der politischen Krim-Szene auftauchte. Aksjonow verklagte Bacharew wegen Verleumdung und gewann, aber ein höheres Gericht stellte das Verfahren später ein.

Kommentare (7)

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10.03.2014, 08:46 Uhr

Viel interessanter als der Herr ist doch die Frage nach den Schützen auf dem Maidan? Waren es wirklich die ukrainischen Faschisten, die ja jetzt in der neuen - vom Westen sofort anerkannten - Regierung sitzen?
Dann wäre bewiessen, dass es sich um einen faschistischen Umsturz handelte, bei dem die immerhin demokratische Regierung der Ukraine gestürzt wurde!
Und dann ist die Problematik Krim Nebensache.

Wobei auf der Krim klar wird, dass in der Ukraine zahlreiche Russen leben, die sich der Einverleibung der Ukraine durch den Westen widersetzen, und keineswegs eine kleine Minderheit darstellen!

Account gelöscht!

10.03.2014, 09:02 Uhr


Schön, dass alle Oligarchen ihren Reichtum aus der Heilslehre einer Orthodoxen Klosterschule heraus scheffelten.

Blöddeutschland huldigt Mafiaoligarchen.

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10.03.2014, 09:08 Uhr

Zitat : Krim-Regierungschef mit fragwürdiger Vergangenheit

- das musste ja kommen..... ?

Wo sind die Beiträge des HB über die Vergangenheit der kompletten korrupten und neonazionalistischen Regierung aus Kiew ?

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