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11.09.2011

10:41 Uhr

Serie: Mein 11. September

"Barfuss aus der Apokalypse"

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Die damalige Handelsblatt-Korrespondentin in New York, Gertrud Hussla, schildert, wie sie den Tag erlebte.

Gertrud Hussla ist Redakteurin beim Handelsblatt. 2001 berichtete sie aus New York über die Wall Street. FRANK BEER für Handelsblatt

Gertrud Hussla ist Redakteurin beim Handelsblatt. 2001 berichtete sie aus New York über die Wall Street.

Geknallt hat es in dieser Umgebung immer mal. Jede Menge Baustellen, unten donnerte der West Side Highway vorbei. Doch diesmal sah ich trotzdem von der Arbeit auf. Wir hatten unser Büro im südlichsten Gebäude des Financial Centers, die Türme des World Trade Centers standen direkt vor unseren Fenstern.

Aus mehreren Stockwerken des Nord-Turms quoll dicker schwarzer Rauch, tausende weiße Papierzettel flatterten auf den Platz unter den Türmen, wo noch die kleine, weiß gekalkte griechisch-orthodoxe St. Nicholas Kirche stand. Mehrere der dort aufgereihten Limousinen brannten. Ich blickte wieder zur Explosionsstelle, dachte an die Menschen, die dort eingeschlossen sein mussten. Ich informierte die Kollegen in Düsseldorf.

Aus der Lautsprecheranlage tönte die Stimme des Hausmeisters. Es gebe keinen Grund zur Panik, wir seien hier sicher und könnten unsere Arbeit fortsetzen. Ich schrieb sogar noch ein paar Zeilen.

Dokumentation: „Dies ist ein zweites Pearl Harbour“

Dokumentation

„Dies ist ein zweites Pearl Harbour“

Vor zehn Jahren wurde die USA von den Anschlägen des 11. Septembers erschüttert. Am 12.9.2001 erschien im Handelsblatt dieser Text der drei damaligen US-Korrespondenten - ein Zeitzeugnis aus dem Zentrum der Katastrophe.

Dann der zweite Knall. Der zweite Turm brannte. Jetzt war alles klar. "Das ist kein Unfall, das ist Absicht", rief ich noch einmal die Redaktion an, "ich gehe." Im Treppenhaus waren schon hunderte Angestellte aus den oberen Büros unterwegs.

Unten sprach ich mit Zeugen. Ein Limousinenchauffeur hatte gerade noch eine Gruppe Menschen zum Geschäftsfrühstück im "Windows of the World" abgeliefert. Dem Restaurant im 107. Stock des Nordturms, unter dem es zuerst brannte. Seine Stimme versagte fast: "Die sind jetzt dort oben."

Zwei Frauen aus dem Südturm waren erst wieder zurück in die Büros geschickt worden und dann noch einmal geflüchtet. Ich ließ mir alle Namen buchstabieren, mitten unter den brennenden Türmen. Dann suchte ich den Weg Richtung Ufer. Im nahen Batterie-Park erzählte eine Frau, auch das Pentagon brenne, ein Flugzeug sei noch unterwegs.

Krieg. Den Einsturz des Südturms nahm ich wie einen Film wahr. Ich warf mich unter einen Mauervorsprung im Park, um mich vor möglichen Trümmern zu schützen. Eine dicke Wolke rollte auf uns zu, es wurde finster, Schiffe tuteten, um nicht ineinander zu stoßen.

Ich überlegte, ob ich ins Wasser springen sollte, um schwimmend noch an Luft zu kommen. Da beruhigte mich eine Stimme: "Es ist nur Staub, kein Rauch, Du kannst noch atmen."

Ablauf der Anschläge vom 11. September 2001

08.38 Uhr

Die US-Luftfahrtbehörde FAA alarmiert die militärische Luftüberwachung NORAD, dass offenbar American Airlines Flug 11 von Boston nach Los Angeles entführt wurde.

08.46 Uhr

Der Flug AA 11, eine Boeing 767 mit 92 Menschen an Bord, schlägt im Nordturm des World Trade Centers ein. In der Fassade klafft einriesiges Loch, die oberen Stockwerke gehen in Flammen auf. Viele Menschen sind eingeschlossen, hunderte Rettungskräfte eilen zu dem Gebäudekomplex im Süden Manhattans.

09.03 Uhr

Eine zweite Boeing 767 von United Airlines mit 65 Menschen an Bord, die ebenfalls von Boston nach Los Angeles fliegen sollte, rast in den Südturm des World Trade Centers. Das Ereignis wird von Fernsehzuschauern rund um die Welt live verfolgt.

09.30 Uhr

US-Präsident George W. Bush, der eine Schule in Sarasota im Bundesstaat Florida besucht, tritt vor die Presse und sagt, das Land werde offenbar von Terroristen angegriffen.

09.37 Uhr

Eine Boeing 757 von American Airlines, unterwegs mit 64 Menschen von Washington nach Los Angeles, stürzt in das Pentagon und bringt einen Teil des Westflügels des Verteidigungsministeriums zum Einsturz.

09.45 Uhr

Die FAA schließt den Luftraum der USA, alle Flugzeuge müssen auf dem nächstgelegenen Flughafen landen. In Washington wird das Weiße Haus evakuiert.

09.59 Uhr

Der Südturm des World Trade Centers stürzt in einer gigantischen Staubwolke in sich zusammen. Hunderte Zivilisten und Rettungskräfte werden von den Trümmern verschüttet.

10.03 Uhr

Eine Boeing 757 von United Airlines mit 44 Menschen an Bord, die von New York nach San Francisco fliegen sollte, stürzt nahe Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania in ein Feld. Offenbar hatten Passagiere über Handy von den Anschlägen erfahren und sich gegen die Flugzeugentführer aufgelehnt.

10.28 Uhr

Auch der Nordturm des World Trade Centers stürzt ein. Über den Süden Manhattans legt sich eine dicke Schicht aus Schutt und Staub.

12.39 Uhr

Bush verspricht in einer weiteren Stellungnahme, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Die US-Streitkräfte seien in die höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Anschließend wird der Präsident auf die Luftwaffenbasis Offutt im Bundesstaat Nebraska in Sicherheit gebracht.

13.50 Uhr

Der Bürgermeister von Washington, Anthony Williams, ruft für die US-Hauptstadt den Notstand aus.

15.35 Uhr

Ein US-Regierungsvertreter erklärt, dass das Terrornetzwerk El Kaida von Osama bin Laden verdächtigt werde, hinter den Anschlägen zu stecken.

17.20 Uhr

Ein Nachbargebäude der Zwillingstürme am World Trade Center stürzt ebenfalls ein. Das Hochhaus war durch herabfallende Trümmer schwer beschädigt worden.

20.30 Uhr

Der inzwischen ins Weiße Haus zurückgekehrte Bush wendet sich in einer im Fernsehen übertragenen Rede an die US-Bevölkerung. Darin kündigt er ein hartes Vorgehen gegen die Terroristen und diejenigen an, die den Drahtziehern der Anschläge Unterschlupf gewährt haben.

Menschen rannten ziellos hin und her. Ich entschloss mich einfach nur zu gehen: Weg von hohen Gebäuden, immer am Wasser entlang. Bloß keine Subway.South Ferry, Schnellstraße FDR-Drive.

Tausende wanderten jetzt mit mir. Es war immer noch finster. Ich fing wieder an, Notizen zu machen. Neuer Donner, entfernte Schreie, das musste der zweite Turm gewesen sein.

Erst auf Höhe der Brooklyn Bridge wurde es wieder Tag. Ich blickte zurück: Beide Türme waren verschwunden.

Mein Handy funktionierte wieder. Ich gab meine Eindrücke und alle Namen durch. Dann lief ich den ganzen Weg bis nach Hause, zum nördlichen Ende des Central Parks. Auf der Sixth Avenue zog ich meine hohen Schuhe aus, die letzten sechs Kilometer legte ich barfuß zurück.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September 2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

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