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09.09.2011

11:12 Uhr

Serie: Mein 11. September

„Ich saß im 34. Stock des Eurotowers“

VonOtmar Issing

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Der damalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing saß im 34. Stock des Eurotowers als die Sekretärin eines Kollegen in sein Zimmer stürmte.

Otmar Issing war von 1998 bis 2006 Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB). Reuters

Otmar Issing war von 1998 bis 2006 Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB).

FrankfurtAm Nachmittag des 11. September 2001 saß ich an meinem Schreibtisch im 34. Stock des Eurotowers. Plötzlich stürmte die Sekretärin meines Kollegen Eugenio Domingo Solans ins Zimmer und rief mir in einem wie mir schien hysterischen Anfall zu, ich solle sofort den Fernseher einschalten. Das Bild zeigte ein Flugzeug, das in einen Wolkenkratzer raste und explodierte. Unverständnis wurde bald durch Fassungslosigkeit abgelöst. Beim Blick über den oberen Rand des Bildschirms sah ich wie immer Flugzeuge im Landeanflug auf den Frankfurter Flughafen. Zwangsläufig schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Von dort bis zum Eurotower würde es wohl keine 3 Minuten dauern.

Als zudem bekannt wurde, dass eine Maschine mit unbekanntem Ort und Ziel unterwegs war, galt die Sorge der Sicherheit unserer Mitarbeiter. Die anwesenden Mitglieder des Direktoriums beriefen ein Meeting mit den führenden Mitarbeitern ein. Sehr bald zeichnete sich Übereinstimmung ab, alle Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Für den folgenden Tag verabredeten wir ein Treffen in der Frühe um 5 Uhr. Obgleich inzwischen eine Anordnung der Hessischen Landesregierung vorlag, alle Hochhäuser an diesem Tag zu schließen, entschieden wir für die EZB – die als quasi exterritoriale europäische Institution handelte – mit „business as usual“ fortzufahren. Es war aber jedem Mitarbeiter freigestellt, ohne weitere Angaben von Gründen nach Hause zu gehen.

Gleichzeitig galt es für die EZB, möglichen Marktturbulenzen vorzubeugen. Deswegen stellten wir in einem Schnelltender, wie er in unserem Instrumentarium vorgesehen war, den Märkten ausreichend Liquidität zur Verfügung. Diese Operation wurde am darauf folgenden Tag wiederholt. Am dritten Tag hatten sich die Märkte wieder vollständig erholt; es bestand keine Nachfrage mehr nach diesen Operationen. Dazu hatte auch beigetragen, dass es uns gelungen war, trotz technischer Schwierigkeiten ein Swap-Abkommen mit der Fed zu vereinbaren, um eine Lücke in der Dollarliquidität der Banken zu schließen.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

Ablauf der Anschläge vom 11. September 2001

08.38 Uhr

Die US-Luftfahrtbehörde FAA alarmiert die militärische Luftüberwachung NORAD, dass offenbar American Airlines Flug 11 von Boston nach Los Angeles entführt wurde.

08.46 Uhr

Der Flug AA 11, eine Boeing 767 mit 92 Menschen an Bord, schlägt im Nordturm des World Trade Centers ein. In der Fassade klafft einriesiges Loch, die oberen Stockwerke gehen in Flammen auf. Viele Menschen sind eingeschlossen, hunderte Rettungskräfte eilen zu dem Gebäudekomplex im Süden Manhattans.

09.03 Uhr

Eine zweite Boeing 767 von United Airlines mit 65 Menschen an Bord, die ebenfalls von Boston nach Los Angeles fliegen sollte, rast in den Südturm des World Trade Centers. Das Ereignis wird von Fernsehzuschauern rund um die Welt live verfolgt.

09.30 Uhr

US-Präsident George W. Bush, der eine Schule in Sarasota im Bundesstaat Florida besucht, tritt vor die Presse und sagt, das Land werde offenbar von Terroristen angegriffen.

09.37 Uhr

Eine Boeing 757 von American Airlines, unterwegs mit 64 Menschen von Washington nach Los Angeles, stürzt in das Pentagon und bringt einen Teil des Westflügels des Verteidigungsministeriums zum Einsturz.

09.45 Uhr

Die FAA schließt den Luftraum der USA, alle Flugzeuge müssen auf dem nächstgelegenen Flughafen landen. In Washington wird das Weiße Haus evakuiert.

09.59 Uhr

Der Südturm des World Trade Centers stürzt in einer gigantischen Staubwolke in sich zusammen. Hunderte Zivilisten und Rettungskräfte werden von den Trümmern verschüttet.

10.03 Uhr

Eine Boeing 757 von United Airlines mit 44 Menschen an Bord, die von New York nach San Francisco fliegen sollte, stürzt nahe Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania in ein Feld. Offenbar hatten Passagiere über Handy von den Anschlägen erfahren und sich gegen die Flugzeugentführer aufgelehnt.

10.28 Uhr

Auch der Nordturm des World Trade Centers stürzt ein. Über den Süden Manhattans legt sich eine dicke Schicht aus Schutt und Staub.

12.39 Uhr

Bush verspricht in einer weiteren Stellungnahme, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Die US-Streitkräfte seien in die höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Anschließend wird der Präsident auf die Luftwaffenbasis Offutt im Bundesstaat Nebraska in Sicherheit gebracht.

13.50 Uhr

Der Bürgermeister von Washington, Anthony Williams, ruft für die US-Hauptstadt den Notstand aus.

15.35 Uhr

Ein US-Regierungsvertreter erklärt, dass das Terrornetzwerk El Kaida von Osama bin Laden verdächtigt werde, hinter den Anschlägen zu stecken.

17.20 Uhr

Ein Nachbargebäude der Zwillingstürme am World Trade Center stürzt ebenfalls ein. Das Hochhaus war durch herabfallende Trümmer schwer beschädigt worden.

20.30 Uhr

Der inzwischen ins Weiße Haus zurückgekehrte Bush wendet sich in einer im Fernsehen übertragenen Rede an die US-Bevölkerung. Darin kündigt er ein hartes Vorgehen gegen die Terroristen und diejenigen an, die den Drahtziehern der Anschläge Unterschlupf gewährt haben.

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