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19.09.2011

14:40 Uhr

Serie: Wege aus der Euro-Krise

"Kein Kauf von Staatsanleihen"

VonHans-Werner Sinn

Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, warnt vor dem riesige Geldfluss in die Peripherieländer. Der Hahn für neue Kredite müsse zugedreht werden.

Hans-Werner Sinn ist Präsident des Ifo-Instituts. IFO-Institut

Hans-Werner Sinn ist Präsident des Ifo-Instituts.

Es gibt keine einfache Lösung für die Euro-Krise. Vielmehr ist Durchwursteln angesagt. Die peripheren Länder sind zu teuer. Billiger werden sie aber nur, wenn der öffentliche Geldfluss allmählich versiegt.

Durch günstigen Kredit für private und öffentliche Zwecke war unter dem Euro in der Euro-Peripherie eine inflationäre Blase entstanden, die die Wettbewerbsfähigkeit vieler Länder unterminiert hat. Heute stecken diese Länder mit ihren überhöhten Preisen für Immobilien, Staatspapiere, Güter und menschliche Arbeit fest und finden keine privaten Anleger mehr, die die daraus resultierenden Leistungsbilanzdefizite finanzieren wollen.

Vier Jahre lang hat die Bundesbank stillschweigend mit Target-Krediten von 350 Milliarden Euro ausgeholfen, aber sie kann bald nicht mehr. Deshalb hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Politik bedrängt, die Finanzierung mit offenen Hilfskrediten der Staatengemeinschaft, faktisch wiederum vor allem Deutschlands, fortzuführen. Diese Kredite stützen die falschen Preise, perpetuieren die Leistungsbilanzdefizite und schaffen auf den Kapitalmärkten ein permanentes Abwärtsrisiko, das immer wieder von Neuem für Unruhe sorgt, wenn Zweifel an der Tiefe der deutschen Taschen aufkommen.

Der riesige öffentliche Kreditfluss setzt Deutschland atemberaubenden Haftungsrisiken aus, aber er bewirkt gar nichts, außer dass er die Auslandsschulden der betroffenen Länder immer weiter anwachsen lässt.

Von Krise zu Krise wird dem deutschen Portemonnaie mehr und mehr Geld entnommen, bis es leer ist und der Euro zerbricht. Solange der deutsche Kredit fließt, können die Leistungsbilanzdefizite weiter finanziert werden, doch wenn er nicht mehr fließt, werden viele Defizitländer austreten, um ihr Heil in der offenen Abwertung zu suchen. Um zu verhindern, dass entweder Deutschland insolvent wird oder der Euro kaputtgeht, muss man nun, im vierten Jahr der öffentlichen Finanzierung der Krisenländer, allmählich, aber mit fester Hand damit beginnen, den Hahn für neue Kredite zuzudrehen.

Nur so kann die notwendige reale Abwertung im Euro-Raum, also die Kürzung der Löhne, Güterpreise und Assetpreise relativ zu den anderen Euro-Ländern, eingeleitet werden. Für Griechenland wird die Belastung angesichts des riesigen Abstandes zwischen tatsächlichen und gleichgewichtigen Preisen zu groß sein. Es wird sein Heil vermutlich außerhalb des Euro-Raums suchen. Aber die anderen Länder könnten es schaffen, wieder wettbewerbsfähig zu werden, wenn der politische Wille der Bevölkerung zu schmerzlichen Kuren vorhanden ist. Sicher ist das nicht, insbesondere nicht für Portugal.

Irland hat aber mit seinem radikalen Deflationskurs gezeigt, dass man durch eine reale Abwertung gesunden und sein Leistungsbilanzdefizit beseitigen kann. Daraus sollten die anderen Länder lernen. Nach der Phase der lockeren Budgetbeschränkungen kann der Euro-Raum nur durch härtere Budgetbeschränkungen gesunden, die eine reale Abwertung erzwingen.

Kommentare (7)

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Palimpalim

19.09.2011, 15:54 Uhr

Super Artikel, endlich mal realitaetsnahe Vorschlaege,die tatsaechlich fuer alle funktionieren koennten, statt staendig die politischen utopia - Traeumereien.

mallobeck

19.09.2011, 16:59 Uhr

Auch wenn ich in Spanien lebe muss ich sagen: lieber jetzt wirklich reformieren als weiter durchwursteln!

Account gelöscht!

19.09.2011, 17:36 Uhr

Herr Prof.Sinn, auch wenn ich nicht alles verstanden habe, zeigen Sie doch umfangreiche Lösungsvorschläge für ein funktionierendes Europa auf, sogar mit dem Euro – ohne eine Transferunion.
Alle anderen Vorschläge, die auf eine Finanz- und Wirtschaftsunion zielen, sind zwar auch nachvollziehbar, doch dies hätte bereits vor!! Einführung des Euros geschehen müssen, und nicht 5min nach 12.
All diese politischen Lösungsversuche, bei denen noch die Wünsche der Banklobbyisten berücksichtigt werden müssen, sonst geht da gar nix, käme dem Versuch gleich, einen ICE zu stoppen, der in einen Kopfbahnhof einfährt und keine Bremsen mehr funktionieren.

Ich freue mich immer wieder, Kommentare von Ihnen zu lesen. Aber wie bringen Sie Herrn Schäuble dazu, Ihre Lösungsvorschläge mal zu überdenken? Bei Frau Merkel ist Hoffnung und Malz verloren. Finanzen und Physik, das passt nicht zusammen. Physik ist berechenbar – Finanzen nicht.

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