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23.08.2011

07:55 Uhr

Sexaffäre Strauss-Kahn

Das jähe Ende einer Anklage

VonNils Rüdel

Sie hatten ihn in Handschellen der Weltpresse vorgeführt, nun wollen die Staatsanwälte den Prozess gegen Dominique Strauss-Kahn einstellen. Die glauben ihrer eigenen Zeugin nicht mehr, wie ihr Brief an den Richter zeigt.

Verfahren gegen Strauss-Kahn vor der Einstellung

Video: Verfahren gegen Strauss-Kahn vor der Einstellung

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New YorkWenn Dominique Strauss-Kahn heute Vormittag die Stufen des Supreme Court in Manhattan heruntersteigt, wird er mit jenem unrasierten Mann im Regenmantel und Handschellen nicht mehr viel gemein haben, der er war, als er im Mai zum ersten Mal vor Gericht erschien. Der ehemalige IWF-Chef, vor 100 Tagen der Weltpresse als mutmaßlicher Vergewaltiger vorgeführt, verlässt heute aller Wahrscheinlichkeit nach den Gerichtssaal als freier Mann. Richter Michael Obus muss bei der Anhörung nur noch gewähren, um was ihn Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance am Vorabend gebeten hatte: Das Verfahren einzustellen.

Vances Brief, unterzeichnet von den Staatsanwälten Joan Illuzzi-Orbon und John McConnell, trägt den schmucklosen Titel „Empfehlung zur Einstellung“ – und ist das jähe Ende einer Anklage. Auf 25 Seiten räumen die Strafverfolger ein, dass das angebliche Opfer, das 33-jährige Zimmermädchen Nafissatou Diallo, während der Vernehmungen einfach zu oft gelogen habe, selbst unter Eid. Dass ihre Behauptung, DSK habe sie zu sexuellen Handlungen gezwungen, vor den Geschworenen deshalb nicht standhalten könne. Schließlich „steht und fällt das Verfahren mit den Angaben der Zeugin“.

Während der Vernehmungen, so die Staatsanwälte, habe Diallo drei Mal eine neue Version ihrer Geschichte erzählt. Dazu komme ein wahres „Muster an Unwahrheiten“ über ihre Vergangenheit. So habe die Zeugin bei der Einreise in die USA behauptet, in ihrem Heimatland Guinea von einer Gruppe Soldaten vergewaltigt worden zu sein. In der Vernehmung gab sie zu: Es war eine Lüge.

Diallo habe darüber hinaus beteuert, mit den Vorwürfen gegen DSK kein Geld verdienen zu wollen – konnte aber Geldeingänge über 60.000 Dollar auf ihr Konto aus vier verschiedenen Bundesstaaten nicht erklären. Strauss-Kahns Anwälte hätten Diallo im Zeugenstand auseinandergenommen.

Zur ihrer Verteidigung schreiben die Staatsanwälte, Diallos Schilderungen hätten immerhin am Anfang glaubwürdig geklungen. Auch gebe es unbestreitbar Spuren DSKs an der Strumpfhose der Zeugin – irgendeine Art von „flüchtigem sexuellen Kontakt“ habe es in jener Mai-Nacht im New Yorker Sofitel also gegeben. Doch ob Zwang im Spiel war, könne man einfach nicht beweisen. „Obwohl die Sorge für Verbrechensopfer jedem Strafverfolger ein tiefes Anliegen ist", heißt es in dem Brief, "kann diese Sorge nicht über unserer Verpflichtung stehen, allein auf Grundlage von Fakten zu handeln“.

„Kein Strafverfolger gibt gerne einen Fehler zu“, sagte der Ex-Staatsanwalt und heutige Strafverteidiger Gordon Mehler am Montagabend der Nachrichtenagentur Bloomberg. Was Cyrus Vance jetzt tun müsse, sei „Klartext reden und mit den Konsequenzen klarkommen“. Strafverfolger seien eben verpflichtet offenzulegen, wenn sie entlastende Fakten über den Angeklagten entdeckt haben.

Diallos Anwalt Kenneth Thompson griff am Abend den Staatsanwalt frontal an: „Cyrus Vance hat sich geweigert, einer vergewaltigten Frau Gerechtigkeit zukommen zu lassen“, so Thompson vor dem Richter. „Er hat nicht nur ein unschuldiges Opfer ignoriert, sondern auch forensische, medizinische und andere physische Beweise“. Vance gehöre deshalb durch einen anderen Staatsanwalt ersetzt.

Die Anwälte Strauss-Kahns können dagegen den Sekt kalt stellen. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass unser Mandant unschuldig ist“, schrieben William Taylor und Benjamin Brafman am Montag in einer Stellungnahme. Es gebe viele Gründe, warum die Zeugin unglaubwürdig sei.

Der spektakuläre Prozess hatte am 14. Mai begonnen, als Polizisten den 62-jährigen IWF-Chef aus einem Flugzeug nach Paris holten. Die Bilder von Strauss-Kahn vor Gericht gingen um die Welt. Nachdem er die ersten Nächte in einem New Yorker Gefängnis verbracht hatte, durfte er gegen eine Millionenkaution unter strengsten Sicherheitsvorschriften in ein Apartment umziehen. Später wurden die Haftbedingungen dann gelockert.

Was sich in dem New Yorker Hotelzimmer tatsächlich abgespielt hat, bleibt das Geheimnis zweier Menschen. Strauss-Kahn darf jedenfalls nach der heutigen Anhörung wohl nach Hause reisen, so wie er es an jenem Mai-Tag vorhatte. Doch in Frankreich allerdings erwartet ihn schon der nächste Prozess: Eine Französin hat ihn angezeigt wegen sexueller Übergriffe.

Und auch die Anwälte von Nafissatou Diallo wollen nicht ruhen: Sie haben DSK bereits auf Schadenersatz verklagt.

Kommentare (4)

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Pendler

23.08.2011, 08:39 Uhr

Ein abgekartetes Spiel gegen Strauss-Kahn: Der amerikanische Polizeistaat auf dem Vormarsch
Veröffentlicht am 20. Mai 2011 von infowars in Nachrichten, Polizeistaat, USA, Weltbank/IMF

Am vergangenen Sonntag wurde der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) Dominique Strauss-Kahn in New York aufgrund der Beschuldigung eines Zimmermädchens festgenommen, er habe versucht, sie in seinem Hotelzimmer zu vergewaltigen. Ein New Yorker Richter lehnte eine Freilassung Strauss-Kahns auf Kaution wegen angeblicher Fluchtgefahr ab. Der amerikanische Präsident Bill Clinton überstand seine sexuellen Eskapaden politisch, weil er für das System nützlich war und keine Bedrohung darstellte. Aber Strauss-Kahn wurde ebenso wie der frühere New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer als Bedrohung angesehen, und ebenso wie dieser wurde auch Strauss-Kahn abserviert.

Wenn ich mich recht erinnere, war Strauss-Kahn der erste IWF-Direktor zu meinen Lebzeiten, der mit der traditionellen IWF-Politik brach, die Kosten der Rettungspakete für die Wall Street und die westlichen Banken den Armen und der Normalbevölkerung aufzubürden. Strauss-Kahn erklärte, der von Gier getriebene und betrugsanfällige Finanzsektor müsse wieder reguliert werden, weil er ohne Regulierungen das Leben der Normalbevölkerung zerstöre. Strauss-Kahn hörte auch auf den Rat des Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Steglitz, einer der wenigen Ökonomen, die über ein soziales Gewissen verfügen.

Der gefährlichste »Makel« für Strauss-Kahn war wahrscheinlich, dass er bei den im kommenden Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich [in der Gunst der Wähler] weit vor dem Amtsinhaber Nicolas Sarkozy lag, der als amerikanische Marionette gilt. Strauss-Kahn musste einfach ausgeschaltet werden.

Es ist durchaus möglich, dass Strauss-Kahn sich selbst hineingeritten hat und Washington damit den Ärger ersparte.

Petra

23.08.2011, 09:42 Uhr

Bekommt er seinen alten Job zurück? Die Französin dürfte sich nicht halten können, da sie ja selbst ein Verfahren am Hals hat. Falls sich kein Politker mehr findet, der keinen Dreck am Stecken hat, melde ich mich. Natürlich nur gegen eine deutlich Gehaltserhöhung, großzügiges Spesenkonto, frei verfügbare Bonusmeilen und eine fürstliche Altersversorgung...

Account gelöscht!

23.08.2011, 09:51 Uhr

Ich hoffe, DSK hat etwas gelernt und fragt erst, ob die Dame aus Guinea kommt.

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