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15.05.2015

11:37 Uhr

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Es brodelt im Südchinesischen Meer. Das ist sehr beunruhigend, obwohl die Region weit weg ist. Spätestens seit dem Ukraine-Desaster und dem Libyen-Chaos sind wir dünnhäutig geworden. Es kann eben doch mehr schiefgehen, als kurzsichtige Politiker glauben. Seit einiger Zeit lässt China kleine Inseln weit draußen im Meer befestigen. Peking baut dort Landebahnen, Häfen und Unterkünfte, um Chinas weitläufigen Grenzverlauf nach Osten und Süden zu zementieren. Es geht um Militärstrategie, Schifffahrtsstraßen, Öl und Fischbestände.

Dennoch ist der Konflikt weniger gefährlich, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn es fehlen verhärtete Fronten. Chinas südliche und östliche Nachbarn ärgern sich zwar. Die Amerikaner zeigen sich erbost. Aber niemand will riskieren, den Chinesen auf die Füße zu treten. Japaner und Amerikaner intensivierten jüngst zwar ihre Militärkooperation. Aber ein Ultimatum? Zu gefährlich. Für die Japaner ist China ihr wichtigster Absatzmarkt und Produktionsstandort. Die Amerikaner wollen den Konflikt nutzen, um ihre Präsenz in Asien zu sichern. Die Inseln für Chinas Nachbarn zurückerobern wollen sie dennoch nicht.

Unter den Nachbarn protestiert der philippinische Präsident Benigno Aquino III. derzeit am lautesten. Aber auch er weiß genau, wie weit er gehen möchte. Er hat im kommenden Jahr Wahlen und will mit antichinesischen Parolen beliebter werden. Vergangene Woche forderte er bei einem Treffen der Asean-Länder, gegen China Front zu machen. Peking zeigte sich empört. Aber beiden, Aquino und der chinesischen Regierung, war selbstverständlich klar, dass dies nicht klappen würde. Nur vier der zehn Asean-Staaten haben Seegrenzen zu China. Welchen Nutzen hätten sie davon, sich mit Peking anzulegen?

Also gingen die Asean-Staaten nur so nahe ans Feuer, dass sie sich die Finger nicht verbrannten. Die Landgewinnung der Chinesen "könnte" eine Gefahr für die Stabilität und Sicherheit der Region werden, heißt es. Die Gemeinschaft teile die schweren Bedenken "einiger Mitglieder". Ein Appell, die maritimen Bauarbeiten einzustellen, wie Aquino gefordert hat, wurde nicht einmal diskutiert. Asean pfeift lieber die Melodie der Realpolitik aus dem gleichen Grund wie Japan: China ist Wirtschaftspartner. Ein politischer Konflikt also, in dem wirtschaftliche Interessen ein militärisches Eingreifen zu riskant erscheinen lassen. Oft genug war es umgekehrt.

Selbst Peking zeigt sich inzwischen konziliant. Auch andere Länder könnten die Inseln benutzen, heißt es. Es ist die Großzügigkeit eines Hausherrn. Sie kommt bei denjenigen, die Peking für einen Hausbesetzer des eigenen Grundstücks halten, nicht gut an. Anstachelnde Konzilianz, gewissermaßen. Doch bei wem reicht man die Räumungsklage ein? Und: Wer vollstreckt?

Die beiden Fragen machen eines deutlich: Die Entscheidung ist offensichtlich gefallen. Die Inseln und die umliegenden Gewässer werden wohl von China kontrolliert werden. Die Europäer und die Amerikaner sollten sich über den Wankelmut der chinesischen Nachbarn nicht echauffieren. Bei den jüngsten Minsker Friedensverhandlungen mit Putin spielte die Frage, wem die Krim gehört, auch keine Rolle mehr. Und das war klug.

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: sieren@handelsblatt.com

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