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25.08.2016

16:09 Uhr

Sierens Welt

Deutsche Werften profitieren von Chinas Kreuzfahrt-Boom

VonFrank Sieren

Die Globalisierung ist stets für Überraschungen gut, meint unser China-Kolumnist Frank Sieren. So zwingt der boomende Kreuzfahrtmarkt der Volksrepublik nun Malaysier dazu, die deutsche Werftindustrie zu retten.

Für rund 260 Millionen Euro hat der malaysischer Tourismuskonzern Genting im Frühjahr Werften in Wismar, Warnemünde, Stralsund und Bremerhaven gekauft. dpa

Werft in Bremerhaven

Für rund 260 Millionen Euro hat der malaysischer Tourismuskonzern Genting im Frühjahr Werften in Wismar, Warnemünde, Stralsund und Bremerhaven gekauft.

Die Asiaten ruinieren die deutsche Werftindustrie, weil sie so billig produzieren, dass die Deutschen nicht mithalten können, lautet die gängige Vorstellung. Die Werften müssen deshalb Mitarbeiter entlassen.

Das stimmt: Jahrzehntelang waren deutsche Werften bis auf wenige Ausnahmen nicht wettbewerbsfähig. Der Weltmarktanteil zuletzt: ein Prozent. Der Staat hat seit der Wiedervereinigung allein über eine Milliarde Euro investiert, um die ostdeutschen Werften über Wasser zu halten. Untersuchungsausschüsse wegen geplatzter Werftenkredite tagten.

Aber die These, dass die Asiaten die deutsche Werftindustrie ruinieren, stimmt eben nicht immer. Die Globalisierung ist stets für Überraschungen gut: Genting, ein malaysischer Tourismuskonzern, der in Hongkong gelistet ist, hat im Frühjahr die Werften in Wismar, Warnemünde, Stralsund und Bremerhaven gekauft. Gut 260 Millionen Euro haben die Malaysier dafür bezahlt.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Der Autor

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Klar, wenden die Skeptiker ein, die wollen deutsches Know-how abziehen. Das Gegenteil ist jedoch richtig: Die Investoren sind ihre eigenen Kunden und haben dem Werftenverbund umgehend einen Auftrag von 3,5 Milliarden Euro erteilt: zehn Passagierschiffe der Luxusklasse – drei Ozeanliner, sechs Flussschiffe und eine Megayacht werden gebaut.

Die Schiffe sollen den boomenden chinesischen Kreuzfahrtmarkt bedienen. 100 Millionen Euro werden in die deutschen Standorte investiert. Von insgesamt 3000 Arbeitsplätzen ist die Rede. Doppelt so viele wie bisher.

Dieser Winkelzug der Globalisierung ist schnell erklärt: Der Kreuzfahrtschiffsmarkt in China boomt. Gentings Einnahmen aus diesem Geschäft stiegen im ersten Halbjahr um 44 Prozent. Um ihre Wettbewerbsposition zu halten, braucht Genting Schiffe für seine Marke Star Cruises – und zwar dalli. Die asiatischen Werften sind jedoch ausgebucht oder nicht spezialisiert genug. In dieser Not sind die Malaysier auf die Norddeutschen gekommen, die ihr Glück kaum fassen können.

Einen Nachteil haben die neuen malaysischen Besitzer jedoch. Oder einen Vorteil, je nachdem: Sie sind nicht in die regionalen Animositäten verstrickt. Eigentlich sollte die Lloyd-Werft in Bremerhaven, die zuerst gekauft wurde, die Federführung übernehmen. Doch nun haben die Malaysier festgestellt, dass die ostdeutschen Werften viel besser ausgestattet sind.

Deshalb haben sie in Asien jüngst entschieden, dass in Bremerhaven geplant, repariert und umgebaut wird, während die neuen Schiffe ausschließlich in Ostdeutschland entstehen. Wismar und nicht Bremerhaven wird der Hauptsitz des Werftenverbundes. In Bremerhaven geht es nunmehr nicht mehr um neue Arbeitsplätze, sondern allenfalls um die Erhaltung der alten.

Die Belegschaft ist sehr enttäuscht. Jahrelang hat sie gelitten – und mit dem Soli den Aufbau Ost finanziert, um nun von den besser aufgestellten ostdeutschen Werften ausgebotet zu werden. Ja, das ist bitter für Bremerhaven. Ob es allerdings ungerecht ist, ist eine viel schwierigere Frage. Eines ist jedenfalls sicher: Damit haben sich die Malaysier sich gar nicht erst beschäftigt. Sorry, zu kleinteilig.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in Peking.

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