Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.03.2016

17:15 Uhr

Sierens Welt

Die Gefahr nuklearer Anschläge eint die USA und China

VonFrank Sieren

Vor kaum etwas hat Chinas Regierung so große Angst wie vor nuklearen Anschlägen. Darum ist Xi Jinping auch nach Washington zum Atomgipfel gereist. Wenn es ernst wird, arbeiten die Rivalen China und USA zusammen.

Der US-Präsident und sein chinesischer Amtskollege: Wenn es heikel wird, sind die rivalisierenden Weltmächte zur Zusammenarbeit bereit (Archivbild). AP

Barack Obama und Xi Jinping

Der US-Präsident und sein chinesischer Amtskollege: Wenn es heikel wird, sind die rivalisierenden Weltmächte zur Zusammenarbeit bereit (Archivbild).

PekingEs war eine kleine Meldung, im Chaos der Brüsseler Attentate, die selbst in Peking den Schrecken noch größer machte als er sowieso schon war. Es war die Nachricht, dass das belgische Atomkraftwerk Tihange evakuiert wurde. Chinesische Sicherheitskräfte brachten die Meldung sogleich in Verbindung mit den Erkenntnissen der belgischen Polizei, die im vergangenen November bei einer Hausdurchsuchung eines mutmaßlichen IS-Mitgliedes heimlich gedrehtes Filmmaterial über einen belgischen Atomforscher gefunden hatte.

Nukleare Anschläge sind eine der größten Sorgen der chinesischen Regierung. Es genügt ja nicht, die Atomkraftwerke zu schützen. Schon das Nuklearmaterial von medizinischen Geräten zur Strahlenbehandlung reicht für eine kleine schmutzige Bombe aus. Diese könnte – mit einem konventionellen Sprengsatz gezündet – radioaktives Material bis zu zwei Kilometern weit verbreiten und alles Leben dort verseuchen.
Deshalb ist der vierte Gipfel zur nuklearen Sicherheit, der am Donnerstag in Washington beginnt, viel mehr als Politzirkus – für die USA und noch viel mehr für China. Denn kein Land der Welt setzt so stark auf Atomkraft wie die Volksrepublik. Derzeit sind 24 Kraftwerke im Bau, 30 sind schon in Betrieb.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Der Autor

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Hinzu kommt: Kein anderes Land der Welt baut seine medizinische Versorgung so schnell aus wie China. Der Bedarf an Geräten zu Strahlenbehandlung ist angesichts einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen enorm. Zudem hat China Grenzen mit Pakistan, das in Besitz einer Atombombe ist, und dem Krisenland Afghanistan. Aus diesen drei Gründen steigt für China gewissermaßen automatisch das Risiko, dass radioaktives Material gestohlen werden könnte.
Die US-Regulierungsbehörde für die zivile Nutzung der Atomenergie, NRC, hat einräumt, dass in den USA binnen fünf Jahren mehr als 800 Geräte verschwunden seien, die radioaktives Material enthalten. Solche Zahlen gibt es aus China leider noch nicht.
Eine positive Nebenwirkung hat die Gefahr von atomaren Anschlägen: Sie zeigt, dass China und die USA – die aufsteigende und die amtierende Weltmacht –zusammenarbeiten, wenn beide gleiche Sorgen haben.
Es war keine Frage, dass Chinas Präsident zum Atomgipfel nach Washington reist – auch wenn das Verhältnis zwischen Peking und Washington selten harmonisch ist. Schon lange nicht mehr hat man amerikanische Politiker und Diplomaten so freundlich über China sprechen hören wie im Vorfeld dieses Gipfels. Das gilt auch umgekehrt.

Die Kooperation zwischen China und den USA sei „sehr vital“ sagte Thomas Countryman, Spitzendiplomat im US State Department. Und Bonnie Jenkins, die US-Koordinatorin für Anschlagsicherheit, sprach sogar davon, dass Washington und Peking „sehr gut“ und „sehr eng“ zusammenarbeiten. Im Februar diesen Jahres wurde ein chinesisch-amerikanischer Dialog zur nuklearen Sicherheit ins Leben gerufen. Am vergangenen Freitag wurde in Peking das größte gemeinsame Zentrum für nukleare Sicherheit im asiatisch-pazifischen Raum eröffnet.

Diese Zusammenarbeit von USA und China ist eine gute Nachricht – und weit über den Atomgipfel in Washington hinaus. Das sollte man nicht vergessen, wenn Chinesen und Amerikaner wieder einmal versuchen, im Südchinesischen Meer „Schiffe-versenken“ zu spielen. Oder wenn die amerikanischen Kandidaten im Vorwahlkampf über China schimpfen: Ist der Druck nur groß genug, arbeiten die Rivalen zusammen.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×