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04.06.2015

13:06 Uhr

Sierens Welt

Die guten Chinesen

VonFrank Sieren

Unser Kolumnist ist einer der führenden deutsche China-Spezialisten. Er sagt: Amerikanische Actionfilme mit chinesischer Softpower werden wir nun öfter sehen.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Der Autor

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Fast hätte ich auf dem Flug nach Peking den US-Actionfilm „Blackhat“ nicht angeklickt. Denn es ging um Chinesen, Amerikaner und Cyberkrieg. Die Logik dieser Filme ist meist platt, damit sich Average Joe aus Ohio noch darin zurechtfindet. Bis in den 1990er-Jahren waren die Deutschen als Nazis die Bösen oder die Russen als Sowjets. Seitdem sind es eher die Chinesen und die Nordkoreaner.

Weil es bei den Chinesen immer schwieriger wird und selbst die Nordkoreaner sich inzwischen nicht mehr alles gefallen lassen, werden sie immer mehr durch wahnsinnige Einzelgänger ersetzt. Alle diese Schurken haben in den Hollywoodfilmen das gleiche Ziel. Sie wollen die Weltherrschaft. Ein Held aus der westlichen Welt schafft es jedoch in letzter Minute dies zu verhindern.

Ich hatte schon fast den nächsten Film im Auge, als ich sah, dass „Blackhat“ ein Michael-Mann-Film ist. Der Produzent, Drehbuchautor und Regisseur gilt als einer der wenigen Autorenfilmer Hollywoods und hat in der Vergangenheit immer wieder neue Maßstäbe gesetzt. Mit Serien wie „Miami Vice“ hat er die Popkultur einer ganzen Generation verdichtet. Er hat die erste Folge der Hannibal Lecter Serie erfunden und steht hinter Action-Filmen wie Heat, der Insider und Collateral.

Und tatsächlich: Ich kam in den 133 Minuten nicht aus dem Staunen heraus. Das ist ein politisch mutiger Actionfilm. Die sympathischen Hauptdarsteller sind ausgerechnet ein junger, chinesischer Offizier und Cyberwar-Spezialist der Volksbefreiungsarmee namens Chen Dawai sowie ein inhaftierter amerikanischer Hacker namens Nick, der geheime US-Sites geknackt hat.

Die Handlung ist ebenso ungewöhnlich für amerikanisches Mainstream-Kino: Das amerikanische FBI entschließt sich, mit dem chinesischen Militär zusammenzuarbeiten, um eine internationale Verbrecherbande zu schnappen. Sie hat einen schweren Störfall in einem Hongkonger Atomkraftwerk ausgelöst und westliche Börsen manipuliert. Chen fordert vom FBI, dass ihm der Häftling Nick dabei hilft. Chen und Nick haben gemeinsam an der amerikanischen Elite-Uni MIT studiert. Das FBI stimmt murrend zu.

Gemeinsam mit Lien der Schwester von Chen, einer zivilen Hackerspezialistin, kämpfen die drei nun gegen die Bösen. Chen stirbt den Heldentod. Nick und Lien verlieben sich und halten auch zusammen als Nick sich in den NSA-Server hackt, um wichtige Informationen über die Verbrecherbande zu kriegen. Das Blatt wendet sich. Nun will das FBI auch Nick wieder einsperren. Auch die chinesischen Generäle knicken ein. Sie wollen nicht noch mehr Ärger mit Washington und beschließen, Nick zu fangen, um ihn den Amerikanern als Geschenk zu übergeben. Dem chinesisch-amerikanischen Liebespaar gelingt es jedoch mit falschen Pässen, den beiden Mächten zu entkommen.

Ich kenne keinen amerikanischen Mainstreamfilm in dem Chinesen so gut wegkommen. Die Softpower der Chinesen wächst also. Lange galt sie als das wichtigste Argument für die Weltmacht USA. Dies ändert sich nun offensichtlich. Filme und Musik spielen dabei eine Rolle, aber auch Hightech-Produkte wie neue Smartphones von Huawei und HTC.

Die chinesischen Schauspieler, die das Geschwisterpaar Chen in „Blackhat“ spielen, stehen in Asien schon lange für chinesische Softpower und zwar trotz des Territorialstreits um Inseln im Südchinesischen Meer. Der Amerikaner chinesischer Herkunft Wang Leehom ist ein in großen Teilen Asiens von jungen Frauen verehrter Sänger. 2012 war er der erste Solokünstler, der im sogenannten Pekinger Vogelnest, dem größten Stadion Chinas ein Konzert geben durfte.

Seine Filmschwester erhielt schon 2011 als erste ausländische Schauspielerin überhaupt drei wichtige südkoreanische Filmpreise. Und das, obwohl die Amerikaner der engste Verbündete der Südkoreaner sind. Tang Wei wurde 2007 als Hauptdarstellerin in Ang Lees Thriller „Gefahr und Begierde“ international bekannt. Der Film bekam den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig.

Softpower entsteht, wenn man beliebt ist, respektiert wird. Das dürfen die Chinesen in diesem Film ausstrahlen und deshalb wurde der Film auch von der New York Times als eine „spektakuläre Arbeit“ gelobt, die das „konventionelle Filmemachen aus den Angeln hebt“. Doch, obwohl der Film „Blackhat“ alles hat, was ein guter Actionfilm braucht, war er in den Kinos nicht sehr erfolgreich. Michael Mann ist offensichtlich seiner Zeit voraus. Average Joe und Lieschen Müller müssen sich erst noch an die neue Rolle der Chinesen gewöhnen. Es wurde ihnen ja bisher immer anders erzählt.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

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