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18.12.2015

07:37 Uhr

Sierens Welt

Ihr Kinderlein kommet

VonFrank Sieren

Die Ein-Kind-Politik in China ist Vergangenheit. Doch viele Paare entscheiden sich auch freiwillig gegen ein zweites Kind. Ein Problem, das Peking teuer zu stehen kommen kann, meint Frank Sieren.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Der Autor

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

PekingEs ist der Ton, in dem darüber gesprochen wird, der irritiert. Auch im Westen denken manche vielleicht so, aber sie würden es nie so offen aussprechen: Über eine Abtreibung diskutieren Chinesen in Peking so, wie über den Kauf einer neuen Schrankwand. Wir sind schwanger, sagten chinesische Freunde neulich, beim Abendessen, aber wir werden abtreiben. Die Großeltern wollen es so. Es sollte das zweite Kind werden.

Beide Eltern sind Mitte dreißig. Sie wollen weiter arbeiten und müssen vielleicht auch, um ihren neuen Lebensstandard zu halten: eine Eigentumswohnung, ein kleines Auto, Urlaub im Ausland. Die Großeltern passen während der Arbeit auf das Kind auf. Dafür reisen manche von weit aus der Provinz an und wohnen unter beengten Verhältnissen bei ihren Kindern.

China: Zum Einzelkind gezwungen

China

Zum Einzelkind gezwungen

Nach mehr als drei Jahrzehnten hat China die drakonische Ein-Kind-Politik abgeschafft. Zwei chinesische Einzelkinder erzählen von ihrer Jugend, ihren Träumen – und einem Leben ohne Geschwister.

Im besten Fall teilt sich jedes Großelternpaar den Kindermädchenjob ein halbes Jahr. Im schlechtesten Fall kommt nur eine Großmutter allein angereist. Ihr Mann hat keine Lust und die anderen Großeltern sind nicht mehr belastbar genug.

Bei den Freunden sind immerhin ihre Eltern die ganze Zeit verfügbar. Als ihnen ihre Tochter eröffnete, dass sie nochmal schwanger ist, waren die Großeltern nicht begeistert. Sie seien nun zu alt. Und zwei Kinder zu betreuen, sei viel anstrengender, als ein Kind. Wir wollen das Kind nicht, sagen die Großeltern einhellig. Ich will nicht aufhören zu arbeiten, sagt die Frau. „Also treiben wir ab“, sagt ihr Mann und nimmt sich noch eine Ladung Tofu in Fleischsoße.

An diese Offenheit mag man sich gewöhnen oder nicht. Das viel größere Problem hat der Staat. Die Familie hat das allein entschieden, ohne die Überlegungen des Staates oder der Partei mit einzubeziehen.

Das ist ein gewaltiger Fortschritt für die Menschen, wenn man bedenkt, dass noch vor 30 Jahren die Danwei, die kleinste soziale Einheit staatlicher Lenkung in China, entschieden hat, wer wen heiraten darf und wer wann Kinder kriegen soll. Seitdem hat sich der Staat mehr und mehr aus dem Privatleben seiner Bürger zurückgezogen.

Selbst die Ein-Kind-Politik wurde schon lange gelockert. In Peking haben dennoch 90 Prozent der Familien nur ein Kind. Aber eben nicht mehr nur aus Zwang, sondern zunehmend auch aus freiem Willen.

Gleichzeitig entstehen neue wirtschaftliche Zwänge, die jedoch den Interessen des Staates nun zuwiderlaufen. Es ist nun schwieriger denn je, den individuellen Eigensinn und den Gemeinsinn zusammenzubringen. Die Menschen handeln eben nicht mehr nur patriotisch, sondern aus ihrer Sicht vernünftig.

Bis Mai 2015 haben nur 13 Prozent der elf Millionen Paare, die eigentlich einen Anspruch auf ein zweites Kind gehabt hätten, einen entsprechenden Antrag gestellt. Gleichzeitig sinkt seit 2012 die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter.

Das Einzige, was der Staat nun tun kann, ist durch Subventionen eine andere Entscheidung vernünftig werden zu lassen. Die Subventionen müssen jedoch so hoch sein, dass die Frau oder der Mann aufhören können zu arbeiten, die Oma durch eine Nanny ersetzt werden kann oder sie bekommen gleich einen Kindertagesstätten-Platz. Das ist jedoch dem Staat derzeit zu teuer. Das Projekt „Ihr Kinderlein kommet“ wird der chinesischen Regierung noch viel Kopfschmerzen bereiten.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Kommentare (3)

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Frau Annette Bollmohr

18.12.2015, 09:33 Uhr

"(...) Über eine Abtreibung diskutieren Chinesen in Peking so, wie über den Kauf einer neuen Schrankwand. Wir sind schwanger, sagten chinesische Freunde neulich, beim Abendessen, aber wir werden abtreiben. Die Großeltern wollen es so."

Wenn ich sowas lese, könnte ich heulen.

Obwohl ich mich keinesfalls als besonders "religiös" bezeichnen würde (das letzte Mal, dass ich eine Kirche von innen gesehen habe, war, glaube ich, anlässlich der Kommunion meiner Nichte vor ein paar Jahren) empfinde es als deprimierendes Symptom einer totalen Entmenschlichung zugunsten der Vergötzung materieller Werte.

Hat jemand übrigens den passenden Beitrag zu diesem Thema letzten Sonntag im ARD-Weltspiegel gesehen:

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/ndr/china-390.html ?

Herr Günther Schemutat

18.12.2015, 10:48 Uhr

Man muss sich wirklich Sorgen um die 1,3 Milliarden Chinesen machen und um ihren Fortbestand fürchten.

Zum Glück haben wir in Deutschland alles getan das uns dieses Schicksal erspart bleibt, Nach Jahrzehnten von Kinderfeindlichkeit und
ohne Programme und Werbung für die Familie , haben wir die Abtreibung auf 120 000 Tausend Kinder hochgeschraubt und kaufen den Nachwuchs über Asylanten und Flüchtlinge ein, während unsere jungen Leute nicht weiter als bis zu ihren Handy mehr sehen.

Die Chinesen werden einen Weg finden ihr Kinder Problem in den Griff zu bekommen da bin ich mir sicher.

Chinesen wird es noch geben , während Deutsche Ur Bürger dann ein Fall für Historiker sind.

Frau Ellis Müller

18.12.2015, 11:12 Uhr

noch nie warn soviele Menschen auf der Flucht wie heute und alle kommen aus Kinderreichen gebieten. Ich jedenfalls mag nicht so recht an den Segen der vielen Kinder glauben. Mir scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Wenige Kinder scheinen doch mehr zum Wohlsatnd beizutragen als viele Kinder. Immer nur überall auf Wachstum zu setzen, ist wohl etwas kurzscihtig.

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