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10.10.2014

11:14 Uhr

Sierens Welt

Lieber ungezwungen

Bei den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen sind die Gespräche ohne Öffentlichkeit die wichtigsten, sagt Frank Sieren

Handelsblatt: Frank Sieren [2703241]

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Frank Sieren [2703241]

Frank Sieren ist China- Korrespondent

Wenn die Regierungen Chinas und Deutschlands sich zu ihrem jährlichen Austausch treffen, folgt die Begegnung einem festen Ritual. So auch dieses Jahr, wenn es um die "Innovationspartnerschaft" geht. Das hofstaatartige Protokoll der Chinesen dient dem Ziel, die Spitzenkader in vorteilhaftes Licht zu rücken. Und auch die Bundesregierung will möglichst Erfolge verkünden und Vertragsunterschriften vorweisen können.
Die wirklich wichtigen Gespräche finden hinter verschlossenen Türen statt - und von den Ergebnissen erfährt die Öffentlichkeit in der Regel wenig bis nichts. In diesem Rahmen kann über die spannenden Fragen geredet werden. Zum Beispiel, wie Peking mit der Forderung nach freien Wahlen in Hongkong umgehen wird. Wichtig ist der Ton dabei: Das ist wie bei Beziehungsgesprächen. Man hält seine eigene Position nicht für allein gültig, kann sich in die Zwänge und Nöte des anderen hineinversetzen, darf auch mal ins Unreine sprechen und wird nicht gleich festgenagelt.
In so einem Klima könnte Kanzlerin Angela Merkel auch mal betonen, dass selbst kaum einer der protestierenden Studenten glaubte, dass Peking in der Frage nachgibt. Oder, dass für die Studenten das Gemeinschaftserlebnis in der kommerzgeprägten Stadt mindestens so wichtig war wie ihre politischen Ziele. Gewissermaßen Protest und Kirchentag in einem - und Kirchentage sind eben irgendwann zu Ende. Merkel könnte auch einräumen, dass dieses Ereignis von manchen in den westlichen Medien hochgejubelt wurde und manche schon wie 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens auf die Panzer gewartet haben. Und sie kann sagen, es sei sehr klug gewesen, dass die Polizei sich sehr zurückgehalten hat.
Dann würde die Kanzlerin ein wenig ihrem Gegenüber Li Keqiang zuhören, bevor sie die Katze aus dem Sack lässt: China kontrolliere ja Hongkong so oder so, etwa weil es entscheide, wie viele Hongkong-Chinesen aufs Festland reisen dürfen und wie viele Festländer ein Ausreisevisum für Hongkong bekommen. Ist es unter diesen Umständen nicht egal, ob die Menschen in Hongkong ihre Politiker frei wählen oder nicht? Man könnte also freie Wahlen in Hongkong durchaus gefahrlos ausprobieren.
Premier Li könnte dann antworten: Die Erfahrungen in anderen Ländern haben gezeigt, dass man am besten fährt, wenn schon die Möglichkeit, dass unkontrollierbare Situationen entstehen, im Keim erstickt werde. Und, was wäre, wenn nach den freien Wahlen die neuen Politiker immer neue Forderungen stellten? Dann sei doch nichts gewonnen.
Merkel würde über das Essen reden und schließlich noch einen Punkt nachschieben. Wie kommt denn die Hongkong-Politik Pekings in Taiwan an? Das Prinzip "Ein Land, drei Systeme" sei China doch sehr wichtig. Wäre es nicht allein deshalb angebracht, Hongkong zum Demokratielabor zu machen und damit die Taiwaner zu überzeugen.
Ja, da ist was dran, würde Li sagen, um dann über die Schwächen der westlichen Demokratie zu sprechen. Und Merkel würde zustimmen, dass es einiges zu verbessern gibt, sie viel nervt, und ihn sogar fragen, was er anders machen würde. So schön könnte es werden. Wird es aber nicht, weil Merkel und Li ihr Protokoll nicht abschütteln und einfach am Müggelsee angeln gehen können. Ohne den Druck, dicke Fische nach Hause bringen zu müssen.
Unser Korrespondent ist einer der führenden China-Kenner und Bestsellerautor ("Geldmacht China"). Sie erreichen ihn unter: sieren@handelsblatt.com

Von

fsi

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