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06.08.2015

13:20 Uhr

Sierens Welt

Nicht ohne Plan

Im Westen macht man sich gerne über Chinas Planwirtschaft lustig. Doch so ein Klischee wird mit der Zeit nicht richtiger. Die Planwirtschaft in China gibt es längst nicht mehr, meint unser Korrespondent Frank Sieren.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Der Autor

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Manche westlichen Klischees über China halten sich schon sehr lange. Sie werden dadurch nicht richtiger. Im Gegenteil: Sie werden mit den Jahren einfältiger. Immer, wenn in China alles nicht ganz rund läuft, und das ist noch oft, tauchen sie wieder auf. Diese Woche zum Beispiel im „Spiegel“ unter dem Titel „Wohlstand nach Drehbuch“.

Die Ansätze sind stets ähnlich. Die Autoren machen sich darüber lustig, dass China plant. Derzeit geht es um den im Frühjahr verabschiedeten Masterplan „China 2025“. China möchte bis dahin zum Beispiel 70 Prozent seiner Kernkomponenten im eigenen Land fertigen. Oder die Betriebskosten sollen um 50 Prozent gesenkt werden. Das könne man auf den Prozentpunkt genau nicht festlegen, so der Vorwurf.

Das ist schon richtig. Nur das Urteil, welches dann folgt, wird schon ein wenig schnell gefällt: kommunistischer Staatskapitalismus. Also Teufelszeug. Blöd ist nur: Jedes westlich kapitalistische Unternehmen plant ähnlich. Bei Siemens möchte man auch hin und wieder die Kosten um 25 Prozent senken. Und bei VW die Rendite pro Auto um zwei Prozent steigern. Westliche Unternehmensberatungen werden für Sanierungspläne wie „China 2025“ nicht als kommunistisch, sondern neoliberal bezeichnet.

Zahlen und Fakten zu China

Bevölkerung

China ist mit 1,37 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde.

Fläche

Auf einer Fläche von rund 9,5 Millionen Quadratkilometern ist China in 22 Provinzen und fünf Autonome Regionen gegliedert.

Sonderverwaltungszonen

Dazu kommen die beiden Sonderverwaltungsregionen Hongkong und Macau.

Hauptstadt

Die Hauptstadt des Reichs der Mitte ist Peking. Dort allein leben mehr als 20 Millionen Menschen – und das sind nur die offiziellen Zahlen.

Han und Minderheiten

Die große Mehrheit der Bevölkerung sind Han-Chinesen (91,6 Prozent), dazu kommen 55 Minderheiten.

Religion

Rund ein Fünftel der Bevölkerung hängt Volksreligionen an, dazu kommen sechs Prozent Buddhisten und 2,4 Prozent Muslime.

Stadt und Land

Mit 749 Millionen Menschen lebt die Mehrheit der Bürger (55 Prozent) in Städten.

Dass dieser chinesische „Aberwitz“ erstaunlich gut funktioniert, müssen selbst die größten Kritiker einräumen. Aber eben nur bis jetzt. Planen, so das Resümee, ist jedenfalls kein Zukunftsmodell. Als Beleg muss der jüngste Börseneinbruch ran. Man kann halt nicht alles steuern. Aber war der Börsenhype nicht gerade das Ergebnis von zu wenig Steuerung und Planung?

Die marktliberalen Reformer haben sich in diesem Fall doch gegen die skeptischen Planer durchgesetzt. Das Ergebnis war nicht überzeugend: Die Zocker konnten zeitweilig machen, was sie wollten. Alle, von den Kleininvestoren bis zur Regierung, sind sich jedenfalls nun einig: Chinas Börsen brauchen einen Plan, bessere Spielregeln, damit der freie Markt sich austarieren kann, ohne überzukochen. Nun streiten viele Fachleute noch darüber, welche Regeln die besten sind.

Kommentare (1)

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Herr Tom Schmidt

06.08.2015, 14:19 Uhr

Ich denke der Artikel ist misslungen, weil er sich zu sehr an dem Umgang mit dem Plan verfangen hat. Pläne zu haben ist ja in Ordnung. Die Skeptiker in Sachen China kritisieren viel mehr, dass jeder Plan der chinesischen Regierung scheinbar auf das zehntel genau in Erfüllung. Und das ist eben ein fundamentaler Unterschied zum Rest der Welt. Da gibt es Pläne die werden erreicht, mal übererfüllt und manchmal untererfüllt.

Viel mehr stellt sich doch die Frage, inwieweit chinesische Wirtschaftszahlen überhaupt etwas mit der Realität zu tun haben. Wenn z.B. die chinesische Industrie schon ein halbes Jahr Stagnation bzw. am Rande der Rezession ist, dann darf man schon fragen, was da angeblich mit 7 % wächst.

Wenn dann solche Nachrichten auftauchen, kommt kurz darauf die nächste Erfolgsmeldung. Dieses Frühjahr ist der chin. Export dann doch gewachsen, weil er 20% mehr in die EU exportiert hat. Zum selben Zeitpunkt hat wegen der Stagnation hier Herr Draghi die Druckerpresse angeworfen. Wer könnte also hier seinen Import aus China um 20% steigern? Das sind keine Wirtschaftszahlen, sondern Propaganda!
Ich verweise noch mal auf die Analysen von Finn Mayer-Kuckuk und den versteckten Kapitalimport (den die Zollbehörde aufgedeckt hat). Wenn man davon ausgeht, dass die Zollbehörde nur 75% aller Fälle entdeckt hat (von einem Monat auf den nächsten), dann löst sich der chin. Handelsüberschuss in Nichts auf! Komischerweise werden aber nach so einem Sondereffekt nicht 1 Jahr lang schlechtere Daten publiziert, sondern ab da, gibt es wieder nur erfolgreiche Wachstumszahlen... mathematisch ein Ding der Unmöglichkeit!

Und dementsprechend gehe ich soweit, dass ich die Existenz des chin. Wachstumswunder in Frage stelle. Wenn mir jemand (z.B. ein Journalist) das Wachstum aufgrund der Zahlen der Handelspartner nachweisen kann... gerne! In Wirklichkeit werden doch nur die Meldungen der chin. Regierung weiterverbreitet, ohne eine Reflexion!

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