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05.11.2015

11:19 Uhr

Sierens Welt

Tabubruch in Taiwan

VonFrank Sieren

Für das Treffen mit dem taiwanesischen Präsidenten Ma braucht Chinas Präsident Xi sehr viel Fingerspitzengefühl. Gegenüber den Konservativen zu Hause und auch gegenüber Taiwans Jugend, meint Frank Sieren.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Der Autor

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

PekingChinas Präsident Xi Jinping ist immer für eine Überraschung gut. Am Samstag bricht er ein Tabu, das Chinas Kommunisten noch viel heiliger war als die Ein-Kind-Politik. 66 Jahre lang galt es als undenkbar, dass sich ein chinesischer Präsident mit dem Taiwans trifft. Denn das hätte bedeutet, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, von Staat zu Staat gewissermaßen. Das war jedoch bisher ein No-Go für Chinas Kommunisten. In Peking gilt Taiwan als abtrünnige Provinz.

Xi jedoch schert sich darum nicht. Am Samstag trifft er Taiwans Präsidenten Ma Ying-jeou in Singapur. Das ist beeindruckend. Die Macht, diese geschichtliche Last abzuwerfen, muss man erst einmal haben. Ab 1927 kämpften die kapitalistischen Nationalisten und die Kommunisten in einem erbitterten Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in China. Nur als die Japaner über China herfielen, bildeten beide eine brüchige Einheitsfront, die jedoch 1946 sofort zerbrach, als Japan kapitulierte.

China im Streit mit den Nachbarn

Streitpunkt Aufrüstung

Chinas Aufrüstung wird von den Nachbarländern kritisch verfolgt. Peking streitet über Territorien im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer. Zudem ist das Tauziehen um Nordkoreas Atomwaffenprogramm ein Dauerthema.

Quelle: dpa

Ostchinesisches Meer

Die chinesisch Diaoyu und japanisch Senkaku genannten Inseln 200 Kilometer nordöstlich von Taiwan sind nur unbewohnte Felsen. Angesichts großer Fischbestände und vermuteter Gas- und Ölvorkommen sind sie aber von strategischer Bedeutung. China macht alte Ansprüche auf das heute von Japan verwaltete Territorium geltend. Der Streit flammte 2012 neu auf, als Japans Regierung drei Inseln von privater Hand kaufte. In China gab es heftige japanfeindliche Proteste. Die Fronten sind verhärtet.

Südchinesisches Meer

China streitet mit Vietnam um die Paracel genannten 130 Korallen-Inseln südöstlich von Hainan. Außerdem ringt China mit seinen Nachbarn um die Spratly-Inseln genannten 200 Korallenriffe und Sandbänke, die ganz oder teilweise von Vietnam, Taiwan, den Philippinen, Malaysia und Brunei beansprucht werden. In dem Gebiet an wichtigen Schifffahrtswegen werden Öl- und Gasvorkommen vermutet. Die Philippinen haben 2013 den Seegerichtshof in Den Haag angerufen. Doch erkennt China das Verfahren nicht an.

Nordkorea

Trotz diplomatischer Isolation und Armut im Lande baut Nordkorea eine Atomstreitmacht auf, die als große Bedrohung angesehen wird. Nordkorea hat seit 2006 drei Atomtests durchgeführt. Nach US-Einschätzung ist Nordkorea heute prinzipiell in der Lage, einen Atomsprengkopf für eine Interkontinentalrakete zu bauen. Die Sechser-Gespräche über ein Ende des Atomprogramms mit Nordkorea, China, den USA, Russland, Südkorea und Japan sind seit 2009 eingefroren. Pjöngjang unterstellt den USA eine feindselige Politik.

Lange galten die Nationalisten als Favoriten für die Macht in China. Doch mit der Landbevölkerung im Rücken und viel Glück gelang es Mao Zedong, das Ruder am Ende herumzureißen. Die Nationalisten mussten nach Taiwan fliehen, der Kommunist Mao regierte China.

Das passte dem Westen gar nicht. Bis in die 70er-Jahre unterhielt Washington diplomatische Beziehungen zu Taiwan. 1959 zerstritt sich Mao auch noch mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow. Er hielt ihn für ein Weichei.

Nun war China weitgehend isoliert, bis es 1972 zu einer Sensation kam: die USA nährte sich China noch während der Kulturrevolution an. Und es kam noch verrückter: Nicht etwa Mao, der starke Mann eines schwachen Landes, musste nach Washington reisen, sondern der US-Präsident Richard Nixon, der mächtigste Mann der Welt, macht ihm die Aufwartung in Peking. Eine große, wenn auch späte Genugtuung für Mao.

Nixons Sinneswandel war einfach: Ein Feind der Sowjetunion ist ein Freund der USA. Washington umarmte Peking, um die Sowjetunion einzukreisen. Dass Taiwan dabei durch den Rost viel, nahm Nixon in Kauf. Der faule Kompromiss: Washington bekennt sich zur Ein-China-Politik, steht Taiwan aber zur Seite, sollte China die Insel angreifen.

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