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10.04.2015

10:19 Uhr

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

„Chinas Marine rettet Ausländer in Jemen“ lautete eine Zeitungsüberschrift in dieser Woche. Das ist neu. Denn Chinas Marine hat zum ersten Mal in einem fernen Land Chinesen und Ausländer aus einer Krise gerettet. Und sogar Deutsche waren darunter. Dennoch blättert man bei dieser Überschrift weiter.

Auch die Zeile zum Jemenkonflikt lädt nicht zum Verweilen ein: "Unser Militär wird vom Ausland oft negativ beurteilt", meldet die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, "doch die Ausländer, die wir jetzt mit befreiten, sehen unsere rote Fünf-Sterne-Fahne in ganz anderem Licht." Patriotischer Stolz. Nicht schlimm, aber anstrengend triumphierend. Liebe Chinesen, die Inder haben mit ihren Kriegsschiffen noch mehr Menschen gerettet. Und ein pakistanisches Schiff hat sogar Inder im Jemen aufgenommen. So soll das sein im Notfall. Willkommen im Alltag der humanitären Hilfe. Nächstes Thema bitte.

Einen Moment noch: Hinter der Frage, wer wen im Jemen retten kann, steckt mehr. Es geht um politische Klugheit bei Stellvertreterkriegen. Im Jemen kämpfen nämlich die schiitischen Rebellen, die vom Iran unterstützt werden, gegen den sunnitischen Staat, der Saudi-Arabien im Rücken hat. Mullahs gegen Saudis also.

Inzwischen ist es sogar ein Stellvertreterkrieg zweiten Grades. Denn Amerikaner ringen nun mit den Saudis gegen die Mullahs um Einfluss in der Region. Obwohl sie sich gerade mit Iran über ein Atomabkommen geeinigt haben, liefern sie den Saudis Waffen, Logistik und beraten sie militärisch. Deshalb ist es ihnen zu riskant, ihre Bürger mit US-Kriegsschiffen zu retten. Stattdessen baten sie die Inder, die Evakuierung der Amerikaner aus dem Jemen zu übernehmen.

Asiaten fällt solches leichter. Delhi, aber vor allem Peking gehen mit diesen Konflikten anders um als Amerikaner. Sie versuchen, neutral zu bleiben. Peking und Delhi haben ebenso gute Beziehungen zu Riad wie zu Teheran. Ihre Politik steht für Verhandlungen statt militärischer Einmischung. Weder die Rebellen noch die Regierungstruppen fühlen sich von ihnen bedroht oder verraten. Deshalb konnten ihre Kriegsschiffe gefahrlos Zivilisten aufnehmen. Das ist im Falle Chinas nicht etwa der Erfolg eines erstarkenden chinesischen Militärs, sondern ein Ergebnis ausbalancierender Diplomatie.

Mit beiden Streithähnen zu kooperieren, ohne als parteiisch wahrgenommen zu werden, ist eine Position, die auch der deutschen Außenpolitik gut stehen würde. Außenminister Frank-Walter Steinmeier bewegt sich in diese Richtung, während ihm die traditionellen transatlantischen Machtverhältnisse noch wie Lehm an den Stiefeln kleben. Steinmeier hat einerseits "Verständnis für das saudische Vorgehen": altes Denken. Andererseits ist er überzeugt, dass "diese Probleme sich nicht mit Gewalt eindämmen und sicher nicht lösen lassen werden, weder von innen noch von außen". Er fordert stattdessen "Dialog und Verhandlungen": neues Denken. Davon brauchen wir mehr.

Deutschland muss in die politische Lage kommen, dass auch deutsche Kriegsschiffe Seite an Seite mit chinesischen und indischen gefahrlos helfen können. Dafür gibt es dann auch eine Überschrift, bei der man nicht weiterblättert.

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: sieren@handelsblatt.com

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