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30.04.2015

10:19 Uhr

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Der Autor

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

Seit mehr als zwanzig Jahren lebe ich in China, und seither vergeht kaum ein Quartal, in dem es nicht um den faszinierenden Wettbewerb zwischen Indien und China geht. Zwischendurch war sogar von Chindia die Rede, als ob China und Indien siamesische Zwillinge wären. Meist jedoch geht es um die einfache Frage, wer gewinnt.

Auf der Hannover Messe warb Indiens Premierminister Narendra Modi ausgiebig für sein Land: "Make in India" heißt die Bewegung, die er angestoßen hat. Er wurde mit offenen Armen empfangen. Wieder einmal war erstaunlich, wie tief der Wunsch sitzt, dass Indien mit China ökonomisch endlich gleichziehe. Diesen Wunsch haben Journalisten, Manager und Politiker gleichermaßen.

Journalisten, weil es langweilig ist, dass China stets vorn wegfährt. Politiker, weil sie wollen, dass die Demokratie gewinnt, und die Manager, weil sie in die Lage kommen wollen, China gegen Indien auszuspielen: "Lieber Chinese, wenn du nicht willig bist, dann gehen wir zum Inder", lautet die Drohung, von der sie bei Verhandlungen träumen. Kaum jemand jedoch traut sich, den Satz auszusprechen, weil man sich die grinsende Antwort vorstellen kann: "Geh doch. Viel Spaß."

Die Formel dieses gefühlten Verhältnisses zu China und Indien lautet: je größer die Macht Chinas, desto größer die Sehnsucht nach einem starken Indien. In den vergangenen beiden Dekaden ist diese Sehnsucht immer stärker gewachsen. Auch unüberlegte Argumente erhalten eine Chance. Zum Beispiel: Die Inder sind im Durchschnitt zehn Jahre jünger als die Chinesen. Das Verhältnis von Rentnern und Arbeitskräften ist deswegen viel günstiger. China altert deutlich schneller. Die Brasilianer sind nur wenig älter als die Inder, und trotzdem läuft es in Brasilien überhaupt nicht rund.

Eine Zahl hingegen kann die "Make in India"-Bewegung auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Eine Zahl, die kaum jemand benutzen mag, weil sie unseren Wünschen entgegenläuft. Es ist die Zahl, die man als Antwort auf die folgende Frage bekommt: Wann ist Indiens Wirtschaft so groß wie die Chinas? In 114 Jahren, wenn man annimmt, dass Indien konstant mit 7,5 und China nur mit sechs Prozent wächst. Und selbst, wenn China nur noch mit 5,5 Prozent wachsen sollte, werden die Inder in diesem Jahrhundert die Chinesen wirtschaftlich nicht mehr einholen.

Dennoch kann man Premier Modi bei seinen Reformen nur alles Gute wünschen. Jeder Prozentpunkt zählt, und nie standen die Chancen besser, dass sich etwas ändert. Immerhin: In diesem Jahr wird sich zum ersten Mal der wirtschaftliche Abstand zwischen China und Indien verkleinern, wenn nichts dazwischenkommt. Mehr nicht. Es hilft niemandem, die Erwartungen zu überdehnen.

Als Faustregel merke ich mir: Wenn in meiner Generation Indien noch mit China gleichziehen soll, also bis 2050, dann müsste Indien von nun an pro Jahr um rund 4,5 Prozentpunkte mehr wachsen als China. Da bin ich sehr skeptisch. Solange das jedoch nicht der Fall ist, wird es kein Duell der Giganten geben. Die wirtschaftlichen Machtverhältnisse in Asien bleiben, wie sie sind, und die Inder können bestenfalls von sich behaupten: Yes, we make!

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: sieren@handelsblatt.com

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