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27.04.2013

16:04 Uhr

Sitten-Patrouille

Londoner Islamisten wollen Scharia einführen

Islamisten wollen sich Ost-London zurechtbiegen: Videos zeigen vermummte selbsternannte Sittenwahrer, die Unwürdige vor Moscheen vertreiben. Die islamische Gemeinde der britischen Hauptstadt distanziert sich entsetzt.

Die Moschee von Walthamstow in East London. Reuters

Die Moschee von Walthamstow in East London.

LondonEine Gruppe bärtiger Männer zieht nachts durch die Straßen des Londoner Viertels Waltham Forest. Sie halten rote Schilder mit Slogans wie „Keine Prostitution“ und „Schmeißt die Freier raus“ in die Luft, reißen Sex-Werbezettel von Telefonzellen und rufen Prostituierten zu: „Verschwindet von unseren Straßen!“ Mit solchen Aktionen wollen die Islamisten nach ihren Worten den unzüchtigen Lebensstil der Menschen stoppen. „Und wir hoffen, dass sich unsere Kampagne in ganz Europa ausbreitet“, sagt Abu Usamah vom „Shariah Project“ der Nachrichtenagentur dpa.

In seinem Stadtteil leben über 250 000 Menschen. Fast die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Jeder Fünfte ist Muslim. Diese ethnische und religiöse Vielfalt gibt es nicht zuletzt wegen der britischen Kolonialgeschichte zwar in der gesamten Multikulti-Metropole, aber Waltham Forest ist eines der Viertel mit der höchsten Konzentration von Islam-Gläubigen. Deswegen ist es für Abu Usamah und seine Mitstreiter die ideale Gegend, um die Scharia einzuführen. Nach der Auslegung von Extremisten wie ihnen ist die islamische Rechts- und Lebensordnung allerdings nicht mit demokratischen Werten vereinbar.

Anschläge von Al-Kaida

US-Botschaften in Nairobi und Daressalam

7. August 1998: Bei fast zeitgleichen Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) sterben 230 Menschen. Mehr als 5000 Menschen wurden verletzt. Als Drahtzieher gelten bin Laden und sein Netzwerk Al-Kaida. Besonders verheerend war der Anschlag in Nairobi, bei dem 219 Menschen ums Leben kamen. Unter den Toten waren zwölf Amerikaner und rund 100 kenianische Botschaftsmitarbeiter. In Daressalam, wo eine Bombe die Fassade der Botschaft wegriss, starben elf tansanische Angestellte. 75 Menschen wurden verletzt.

Die Angriff auf die USA

11. September 2001: Die Terror-Anschläge vom 11. September haben die Welt verändert. An diesem Tag greifen 19 islamistische Terroristen Symbole amerikanischer Macht an und töten rund 3000 Menschen. Die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers in New York gingen um die Welt und lösten Entsetzen aus.

Am Morgen kaperten die Terroristen vier zivile US-Boeings mit insgesamt 265 Menschen an Bord. Ein Flugzeug raste in den Nordturm des World Trade Centers und setzte ihn in Brand, kurze Zeit später krachte die zweite Maschine in den Südturm. Das dritte Flugzeug zerschellte 34 Minuten später im Westteil des Pentagon in Washington. Offenbar nach einem Kampf im Cockpit stürzte kurz darauf bei Pittsburgh (Pennsylvania) die vierte Maschine auf freiem Feld ab.

Unter dem eingestürzten World Trade Center wurden mehr als 2750 Opfer begraben. Auch die Entführer starben. In Washington gab es rund 190 Tote, darunter fünf Entführer. In Pennsylvania starben alle 44 Flugzeuginsassen, darunter die vier Entführer.

U-Bahn-Bombe in Moskau

31. August 2004: Eine mutmaßliche Tschetschenin sprengt sich in Moskau am Eingang der belebten U-Bahn-Station Rischskaja in die Luft. Elf Menschen sterben, darunter die Attentäterin und ihr Komplize, ein seit langem gesuchter Terrorist aus der nordkaukasischen Teilrepublik Karatschai-Tscherkessien. Rund 50 Menschen werden verletzt. Die Terrorgruppe Islambuli-Brigaden der Al-Kaida bekennt sich zu der Tat.

Selbstmordattentat in Scharm el Scheich

23. Juli 2005: Bei einer Serie von Anschlägen im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich werden 66 Menschen getötet. Ein Terrorist rast mit seinem Auto in die Eingangshalle des Ghazala Garden Hotels und sprengt sich dort in die Luft. Zu den Anschlägen bekennen sich eine mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbundene Organisation und die Gruppe „Heilige Krieger von Ägypten“.

Attacke auf jordanische Hotels

9. November 2005: Drei Selbstmordattentäter reißen in der jordanischen Hauptstadt Amman 60 Menschen mit in den Tod. Die stärkste Explosion ereignet sich im Radisson SAS Hotel während einer Hochzeitsfeier, wo sich der Terrorist unter die Gäste mischte. Auch in den Fünf-Sterne-Hotels Grand Hyatt und Days Inn detonieren Bomben. Die bis dahin im Irak operierende Terrorgruppe Al-Kaida im Zweistromland um den Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi bekennt sich zu der Tat.

So erhofft sich Abu Usamah von der Kampagne, dass sie das „Übel von Demokratie und Gesetzen aus weltlicher Hand entlarve“ und bekehrte Nicht-Muslime folglich zum Islam konvertieren. Erste Erfolge auf dem Weg dahin will er bereits erkannt haben. „Unsere Aktion "Nein zur Prostitution" hat viel Unterstützung innerhalb unserer Gemeinschaft bekommen und es gibt schon weitere Patrouillen in Großbritannien“, sagt er. Von einer dieser Sub-Gruppen tauchte Anfang des Jahres ein YouTube-Video auf, das bis in die arabische Welt für Aufsehen sorgte.

Darin zieht eine vermummte Gang von muslimischen Jugendlichen als selbst ernannte „Muslim Patrol“ durch Stadtteile im Osten Londons und vertreibt dort betrunkene Männer, Homosexuelle und leichtbekleidete Frauen. „Dies ist eine muslimische Gegend, geht weg aus der Nähe der Moschee“, rufen sie den Passanten in harschem Tonfall zu. Eine Frau setzt sich dagegen zur Wehr: „Ich bin entsetzt! Das hier ist Großbritannien! Hier haben Frauen Rechte!“ Doch die Männer lassen sich auf keine Diskussion mit ihr ein. „Wir respektieren niemanden, der Gott nicht gehorcht.“

Diktatoren-Dämmerung in Arabien

Ägypten

Nach tunesischem Vorbild demonstrierten am 25. Januar 2011 im ganzen Land Zehntausende. Husni Mubarak wurde am 11. Februar nach 30 Jahren im Amt gestürzt, das Militär übernahm die Macht. Mubarak soll für den Tod von 846 Menschen während der Proteste mitverantwortlich sein und muss sich seit August in Kairo vor Gericht verantworten.

Viele Ägypter sehen aber ihre Hoffnungen auf einen demokratischen Wandel enttäuscht und gehen wieder auf die Straße. Rund um den Tahrir-Platz in Kairo harren seit Tagen Oppositionelle aus und rufen Parolen gegen die Armee. Das Militär reagiert mit harter Hand. Seit dem 19. November sollen 35 Menschen getötet worden sein. In Ägypten wird am 28. November gewählt.

Syrien

Auch im Polizeistaat des Präsidenten Baschar al-Assad forderten am 18. März 2011 erstmals tausende Demonstranten Reformen. Die Proteste wuchsen, am 22. April verlangten im ganzen Land 100.000 Menschen ein Ende der Gewaltherrschaft. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen töteten Heckenschützen des Sicherheitsapparats mindestens 112 Demonstranten. Seitdem hat sich die Lage zugespitzt, das Regime geht weiterhin hart gegen Oppositionelle vor. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wurden bisher 3000 Menschen getötet.

Dass der UN-Sicherheitsrat das Regime am 3. August verurteilte, konnte weitere Gewalt nicht verhindern. Um das Blutvergießen zu stoppen, kamen 24. November in Kairo die arabischen Außenminister zu Beratungen über Wirtschaftssanktionen gegen Syrien zusammen.

Jemen

Im Armenhaus der arabischen Halbinsel riefen Demonstranten im Januar 2011 eine Protestbewegung zum Sturz des seit 33 Jahren herrschenden Staatschefs Ali Abdullah Salih ins Leben. Zehntausende gingen auf die Straße, Sicherheitskräfte schossen gezielt auf Demonstranten. Seine Gegner machen Salih seit Beginn der Protestwelle für den Tod von fast 1500 Menschen verantwortlich.

Im Juni hatte der bei einem Anschlag schwer verletzte Präsident sein Land verlassen, war aber im September aus Saudi-Arabien zurückgekehrt. Einen Rücktritt lehnte er bisher immer ab. Am 23. November erklärte er in Saudi-Arabien aber schriftlich seinen Verzicht auf die Macht. Im Gegenzug wird ihm Straffreiheit gewährt. Es wird erwartet, dass Salih ins Exil in die USA geht.

Libyen

Die Protestwelle schwappte am 15. Februar 2011 auch auf Libyen über. In Bengasi kam es zu Zusammenstößen zwischen Aufständischen, Polizei und Anhängern von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Blutige Kämpfe folgten, die zum Bürgerkrieg eskalierten. Am 19. März starteten die USA, Frankreich und Großbritannien erste Luftangriffe gegen libysche Militäreinrichtungen. Nach dem Sturm der Rebellen auf die Hauptstadt Tripolis im August blieb der Diktator zunächst verschwunden.

Er wurde erst am 20. Oktober in seiner Heimatstadt Sirte von Rebellen getötet. Der ebenfalls mit internationalem Haftbefehl gesuchte Gaddafi-Sohn Saif al-Islam wurde am 19. November festgenommen und soll nun in Libyen vor Gericht gestellt werden. Die neue Übergangsregierung unter Abderrahim al-Kib soll jetzt den demokratischen Aufbau in Libyen in Angriff nehmen.

Tunesien

Dort wo der Arabischen Frühling begann, ist die Demokratisierung am weitesten vorangeschritten. Vier Wochen nach den ersten freien Wahlen in Tunesien trat erstmals die verfassungsgebende Versammlung zusammen - begleitet von hunderten Pro-Demokratie-Demonstranten. Die Ennahda-Bewegung um Rachid Ghannouchi hatte die Wahlen am 23. Oktober mit großem Vorsprung gewonnen. Unter dem im Januar gestürzten Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali galt sie als extremistisch und war verboten. Nach 23 Jahren an der Macht war Ben Ali im Januar ins saudische Exil geflohen.

Die Ost-London-Moschee distanzierte sich nach der Veröffentlichung des Videos sofort von den jungen Islamisten. „Diese Aktionen sind absolut inakzeptabel und nur dafür gedacht, Spannungen zu erzeugen und Zwietracht zu säen. Wir verurteilen dies zutiefst“, hieß es in einer offiziellen Meldung der Moschee. Shams Adduha Muhammad, Direktor des Ebrahim Colleges, sieht in der Gang eine kleine Randgruppe, die den Islam mit ihren demokratiefeindlichen Ansichten in ein falsches Licht rücke. „Wir werden immer Extremisten in jeder Religion und in jeder Rasse haben und wir werden dieses Problem weiterhin gemeinsam anpacken“, heißt es auf seinem Blog.

Auf die nächtlichen Patrouillen reagiert auch die Polizei in London. „Wir nehmen diese Vorgänge sehr ernst und verfolgen jede Spur, um die betroffenen Personen zu identifizieren und zu bestrafen“, sagt ein Polizeisprecher auf Anfrage. Seit Ende Januar hätten die Ermittler bereits sechs verdächtige Personen festgenommen.

Abu Usamah ist ebenfalls kein Fan der „Muslim Patrol“. Nicht etwa, weil er die Jugendlichen für ihr radikales Vorgehen verurteilt. Im Gegenteil: Ihm geht die „Bürgerwehr“ nicht weit genug. „Wir glauben, dass eine kleine Gruppe nichts an Problemen wie Alkohol, Nacktheit und Prostitution ändern kann, solange der Westen diese Dinge erlaubt“, sagt er.

Deswegen gehen er und seine Glaubensbrüder unmaskiert in die Öffentlichkeit, drehen Filme von ihren Aktionen und stellen sie ins Internet. „Unser Ziel ist die Einführung von Gottes Gesetz auf Erden.“ Erst in London. Dann überall.

Von

dpa

Kommentare (30)

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Tabu

27.04.2013, 16:51 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Klaus

27.04.2013, 16:54 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

JEB

27.04.2013, 16:56 Uhr

Ganz so offen fordern es die islamischen Frömmler hierzulande bisher nicht.

Die machen das geschickter, indem sie Vollvermummung von Frauen und Mädchen und die Nichtteilnahme am Sport- und Biologieunterricht gerichtlich einklagen.

Spürbar sind so einige islamische Moralvorstellung schon jetzt in vielen Lebensbereichen, die die Nichtmoslems hinzunehmen haben und das ganze verfassungsgerichtlich abgesegnet.

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