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02.08.2011

04:19 Uhr

Skandal um japanische Atomaufsicht

Wenn Aufseher zu Anstiftern werden

VonJan Keuchel

Japans Atomaufsicht hat offenbar versucht, Hand in Hand mit den Energiekonzernen die Stimmung zugunsten der Kernkraft zu manipulieren. Den Bürgern nimmt das den letzten Rest Vertrauen in die öffentlichen Institutionen.

Japans Premier Naoto Kan: Er will eine wirklich unabhängige Aufsichtsbehörde schaffen. Quelle: dapd

Japans Premier Naoto Kan: Er will eine wirklich unabhängige Aufsichtsbehörde schaffen.

TokioDie Meinung war schon vordiktiert. „Lasst uns das negative Image der Nuklearenergie auslöschen“, lautete etwa die Vorgabe für einen Wortbeitrag. In einem anderen Fall kam die Anweisung verschleiert. Man solle bitte auf dem Symposium zur Atomkraft eine „kreative Debatte“ entfachen. Gemeint war offenbar: die Atomkraft vehement verteidigen. 

Denn tatsächlich, so kommt nun ans Tageslicht, stecken hinter diesen Vorgängen perfide Manipulationsversuche von Japans Atomkonzernen, die versucht haben, die Meinung in Japan zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Was die japanische Bevölkerung aber am meisten erschreckt: Mittlerweile deutet immer mehr darauf hin, dass die Atomaufsichtsbehörde dabei nicht nur mit den Konzernen unter einer Decke steckte – sie war sogar die treibende Kraft. 

Der in Japan viel kritisierte Kurs von Premier Naoto Kan, langfristig aus der Atomenergie auszusteigen, dürfte damit neue Anhänger finden. Selbst so konservative und atomkraftfreundliche Massenblätter wie die „Yomiuri“ sehen sich mittlerweile veranlasst, den Skandal mehrfach auf die Titelseiten zu heben. 

Grund dafür sind Belege, dass die ans Wirtschaftsministerium (METI) angekoppelte und diesem unterstehende Nuklear- und Industriesicherheitsagentur (NISA) versteckt auf die Energiekonzerne eingewirkt hat, ihre Mitarbeiter auf Veranstaltungen zur Kernkraft zu schicken. Dort sollten diese unter Verschleierung ihrer wahren Identität offensiv für die Kernenergie eintreten und insbesondere die gefährlichen Meiler, die sowohl Plutonium wie auch Uran verwenden, in ein positives Licht rücken. Dies geschah in vielen Fällen. 

Premier Naoto Kan, der schon früh nach Beginn der Atomkrise um das havarierte Kraftwerk Fukushima Daiichi von einem Herauslösen der Organisation NISA aus dem METI gesprochen hatte und eine wirklich unabhängige Aufsichtsbehörde schaffen will, musste sich damals unter anderem herbe Kritik des zuständigen Wirtschaftsministers Banri Kaieda anhören. Kaieda, ein Befürworter der Kernenergie, spricht nun mittlerweile selbst von einer „schwierigen Situation.“ 

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