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02.10.2013

12:29 Uhr

Skurrile Auswüchse des Shutdown

Kongressabgeordnete zahlen in Bars doppelt

Viele Bars, Kneipen und Restaurants haben spezielle Shutdown-Speisekarten und -angebote eingeführt. Bei etlichen gilt: Kongressabgeordnete zahlen doppelt. Es sind nicht die einzigen skurrilen Auswüchse des Shutdowns.

Spezielle Preise während des Shutdowns: Das Restaurant „The Daily Dish“ bittet Kongressabgeordnete doppelt zur Kasse. Screenshot

Spezielle Preise während des Shutdowns: Das Restaurant „The Daily Dish“ bittet Kongressabgeordnete doppelt zur Kasse.

WashingtonMit speziellen Speisekarten kennen sie sich aus, die Abgeordneten im US-Kongress. Im Jahr 2003, als Frankreich die USA nicht im Irak-Krieg unterstützen wollte, nannte das Repräsentantenhaus die „French fries“ in der Kantine kurzerhand um in „Freedom Fries“ (Freiheitspommes).

Jetzt schlagen die Kneipenwirte in Washington den Abgeordneten wegen des „Shutdowns“ der Regierung ein Schnippchen – und nutzen den Regierungsstillstand für ungewöhnliche Marketingaktionen.

Das Pizza Restaurant The Daily Dish in Silver Springs, etwa zehn Kilometer nördlich von Washington, gibt Staatsbediensteten bei Vorlage ihres Ausweises einen Kaffee aus. Allerdings nicht allen: Kongressabgeordnete lässt das Restaurant dafür doppelt zahlen. Auch das Café Kramerbooks & Afterwords Cafe in Washington „wirbt“ damit, Kongressabgeordnete gleich doppelt zur Kasse zu bitten.

Internationales Medienecho zur US-Haushaltskrise

Der Standard (Österreich):

„Die gelassene Reaktion der Finanzmärkte täuscht: Die Gefahr für einen finanziellen Super-GAU ist in den kommenden Wochen größer denn je. (...) Erst wenn die Wähler im eigenen Wahlkreis die Folgen solch verantwortungslosen Handelns zu spüren beginnen, könnte bei den Abgeordneten ein Umdenken einsetzen.“

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz):

„Die Stilllegung von Teilen der amerikanischen Bundesregierung dürfte nur geringe wirtschaftliche Auswirkungen haben, wenn sie nicht zu lange dauert. Sie kann aber die ökonomische Ungewissheit erhöhen.“

De Volkskrant (Niederlande):

„Der Fanatismus, mit dem die Republikaner kämpfen, muss nicht nur Amerikanern Sorgen bereiten. Ende des Monats steht im Kongress die Entscheidung über die Erhöhung der Obergrenze der Staatsschulden an. Wenn die Republikaner dann dieselbe Taktik anwenden - so wie das einige Anführer der Tea Party verlangen -, können sie einen noch weit größeren Kollateralschaden verursachen. Dann stürzen sie die gesamte Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession.“

Le Monde (Frankreich):

„Es gibt keine vernünftige Erklärung für das Verhalten des extremistischen und fundamentalistischen Kerns der Republikaner, der Tea Party. Eine Mehrheit der Amerikaner lehnt die Tea Party ab. Doch ihre Vertreter riskieren nichts, denn ihre Wiederwahl ist ihnen durch die Aufteilung der Wahlkreise gesichert. Die heutige Demokratie in den USA beschämt die Gründerväter dieser großen Republik.“

La Croix (Frankreich):

„Das politische System des Gleichgewichts zwischen dem Präsidenten, dem Kongress und den Bundesstaaten existiert seit 200 Jahren. Doch die Entfernung zwischen der öffentlichen Meinung und den Institutionen ist so groß geworden, dass die Botschaft der Regierenden kaum mehr bei den Bürgern ankommt. In einem solchen Umfeld wird ein nachhaltiges Reformprogramm zu einem Ding der Unmöglichkeit.“

El Mundo (Spanien):

„Die Haushaltskrise lädiert das Image der USA, die das klägliche Bild eines zerstrittenen Landes abgeben. Die Republikaner haben das Recht, die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama abzulehnen, aber sie dürfen nicht die Handlungsfähigkeit der Regierung auf einem Gebiet blockieren, das mit dem eigentlichen Streitpunkt nichts zu tun hat. Sie gebärden sich wie parlamentarische Freibeuter.“

Público (Portugal):

„Wenn sich dieses Tauziehen die nächsten zwei Wochen fortsetzt, werden Demokraten und Republikaner auch nicht in der Lage sein, sich auf eine Erhöhung der Schuldengrenze zu einigen. Dann könnten die USA einen technischen Zahlungsausfall erleiden. Ein solches Szenario hätte katastrophale Folgen für die Weltwirtschaft.“

The Times (Großbritannien):

„In dieser lähmenden Machtprobe beanspruchen beide Seiten die moralische Oberhand, aber keine von beiden verdient sie. Amerikas Führer müssen zur Führerschaft zurückkehren.“

Svenska Dagbladet (Schweden):

„Politik kann ein schmutziges Spiel sein. Aber es liegt kaum außerhalb des Erwartungsrahmens, dass die Opposition das Regelwerk bis zum Äußersten ausnutzt, um ihren Gegner am Durchsetzen seiner Politik zu hindern. Es ist Obamas Verantwortung, die USA aus der Sackgasse zu führen.“

Wedomosti (Russland):

„Die große Einkommenslücke und die Unzufriedenheit eines großen Teils der Mittelklasse haben zu einer Polarisierung der Wähler geführt. Ihr erheblicher Einfluss auf die Kongressleute zeigt sich in der harten, kompromisslosen Haltung vieler Republikaner, welche die Finanzfrage in eine ideologische verdrehen. Die aktuelle Krise bedeutet, dass es in der Zukunft für die Gegner immer schwieriger werden wird, sich in Schlüsselfragen zu verständigen.“

China Daily (China):

„Glauben Sie es oder nicht, die Regierung der größten Weltwirtschaft und einzigen Supermacht ist seit Dienstag teilweise lahmgelegt.“

Die Kneipenwirte in Washington haben bei ihren Sonderangeboten im Blick, dass viele der Staatsbediensteten nur kleine Gehälter beziehen und für sie der ausbleibende Lohn zu großen Problemen führt. Sie bieten daher den zwangsbeurlaubten Angestellten bei Vorlage ihres Mitarbeiterausweises ermäßigte Angebote: Bier für zwei US-Dollar oder ganz frei, einen Donut gratis zum Essen, ein Glas Sherry oder eine zehnprozentige Ermäßigung.

Die Gastronomen machen für sich aus dem Shutdown eine Tugend und versuchen die Staatsbediensteten in ihre Bars, Restaurants und Cafés zu holen – und bei den Lockangeboten aber gleichzeitig den Politkern einen Seitenhieb zu verpassen.

Die Capital Lounge etwa gewährt daher allen Staatsbediensteten Freibier am Mittwochabend, in der Bar Irish Whisky gibt's zehn Prozent Rabatt und im Kangaroo Boxing Club ist das erste Getränk für die Zwangsurlauber kostenlos. Mango Mike's serviert „Shutdown-Nachos“ oder Quesadillas – gratis für zwangsbeurlaubte Arbeiter.

Doch die Spezialangebote sind nicht die einzigen skurrilen Auswüchse, die der Shutdown in den USA hervorbringt. In Washington etwa halfen Kongressmitglieder US-Veteranen dabei, die Absperrungen rund um das National World War II Memorial zu durchbrechen.

Die Absperrungen waren errichtet worden, weil die Gedenkstätte wegen des Etatstreits geschlossen werden musste. Die etwa 100 Veteranen aus Mississippi, viele von ihnen in Rollstühlen, hatten den Ausflug lange geplant und ließen sich auch nicht von Absperrgittern von ihrem Besuch abhalten.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

02.10.2013, 13:15 Uhr

Gerecht wäre doch wohl, wenn die Kongressabgeordneten genau so lang kein Geld bekommen würden, wie die von ihnen in Zwangsurlaub geschickten Angestellten.
Dann würde so was gar nicht erst passieren.

Account gelöscht!

02.10.2013, 13:19 Uhr

die schmerzlich vermisste Panda-Kamera im Zoo....

Na, wenn die keine anderen Sorgen haben....

Account gelöscht!

02.10.2013, 13:56 Uhr

Alle nach Hause schicken.
Keiner wurde es merken.
Die rechtsradikalen Teapartisten vorneweg.

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