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14.12.2013

12:36 Uhr

Snowden-Dokumente

NSA kann auf breiter Front Handys abhören

Die NSA überwachte das Handy von Kanzlerin Merkel, so viel steht fest. Jetzt ist auch bekannt wie: Der Geheimdienst nutzte eine Sicherheitslücke des GSM-Standards aus – unklar ist nur das Ausmaß der Abhör-Aktion.

Die Kanzlerin am Telefon: Die NSA nutzte offenbar eine Lücke im GSM-Netz aus, um unter anderem Angela Merkel abzuhören. dpa

Die Kanzlerin am Telefon: Die NSA nutzte offenbar eine Lücke im GSM-Netz aus, um unter anderem Angela Merkel abzuhören.

WashingtonDie NSA kann nach neuen Enthüllungen massenhaft Handy-Gespräche abhören. Dabei nutze der US-Geheimdienst aus, dass die rund 30 Jahre alte Verschlüsselung des Mobilfunk-Standards GSM geknackt sei, schrieb die „Washington Post“ in der Nacht zum Samstag unter Berufung auf Unterlagen des Informanten Edward Snowden. Mit dieser Fähigkeit dürften auch die Gespräche von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört worden sein.

Experten warnen schon seit langem, dass der Schutzmechanismus des vor allem in Europa verbreiteten GSM-Standards durchbrochen ist. In Deutschland kündigte bisher die Deutsche Telekom vor wenigen Tagen an, ihre Netze vom ursprünglichen Verschlüsselungssystem A5/1 rasch auf die als sicherer geltende Variante A5/3 umzustellen. Probleme mit älteren Handys hatten einen schnelleren Wechsel verhindert.

Auch in den neuen schnellen UMTS-Datennetzen werden Sprachtelefonate oft noch über den GSM-Funk abgewickelt. Die eigene Verschlüsselung bei UMTS oder dem extrem schnellen LTE-Datenfunk ist deutlich sicherer.

In welchem Ausmaß genau die NSA ihre Fähigkeit zum Abhören der Handy-Gespräche ausnutze, gehe aus Snowdens Unterlagen nicht hervor, schränkte die „Washington Post“ ein. Experten warnten, dass der US-Geheimdienst wahrscheinlich auch neuere Varianten der Verschlüsselung knacken könne. Dies sei angesichts des größeren Aufwands aber vermutlich eher gezielt bei einzelnen Personen sinnvoll, denn auf breiter Front. Um ein Gespräch mit A5/3-Verschlüsselung zu knacken, sei 100.000 Mal mehr Rechenleistung nötig als bei A5/1, sagte der deutsche IT-Sicherheitsexperte Karsten Nohl der „Washington Post“.

Wo die NSA im Ausland spioniert hat

Frankreich

Für Empörung sorgt diese Woche ein Bericht der französischen Tageszeitung „Le Monde“, wonach die NSA allein innerhalb eines Monats – zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 – 70,3 Millionen Telefonverbindungen in Frankreich überwachte. Bereits Anfang Juli hatte der britische „Guardian“ berichtet, der Geheimdienst habe unter anderem Frankreichs diplomatischen Vertretungen in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York ausgespäht. Im September berichtete der „Spiegel“ auch von Spähangriffen gegen das französische Außenministerium in Paris.

USA

Die „Washington Post“ und der „Guardian“ berichten Anfang Juni, die NSA und die US-Bundespolizei FBI würden auf Serverdaten der großen Internetkonzerne wie Yahoo, Facebook, Google und Microsoft zugreifen. Der Name des geheimen Überwachungsprogramms: Prism.

Großbritannien

Der „Guardian“ berichtet Mitte Juni unter Berufung auf die Snowden-Dokumente, der britische Geheimdienst habe vor vier Jahren Delegierte von zwei in London stattfindenden G-20-Treffen ausgespäht. Ziele waren demnach die Delegationen Südafrikas und der Türkei. Die NSA soll bei der Gelegenheit versucht haben, ein Satelliten-Telefongespräch des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Moskau abzuhören.

EU und Uno

In seiner Ausgabe vom 1. Juli berichtet der „Spiegel“, die NSA habe in EU-Vertretungen in Washington, New York und Brüssel unter anderem Wanzen installiert. Auch sollen interne Computernetzwerke infiltriert worden sein. Ende August berichtet der „Spiegel“, die NSA habe auch die Zentrale der Vereinten Nationen in New York ausspioniert. Dem Geheimdienst gelang es demnach, in die interne Videokonferenzanlage der Uno einzudringen.

Brasilien

Der brasilianische Sender „Globo“ berichtet Anfang September, die NSA habe Telefonate und Internetkommunikation von Staatschefin Dilma Rousseff und ihren Mitarbeitern überwacht. Auch Unternehmen wie der Ölkonzern Petrobras und Millionen brasilianischer Bürger sollen ausgespäht worden sein. Verärgert verschiebt Rousseff einen für Oktober geplanten Staatsbesuch in den USA auf unbestimmte Zeit.

Mexiko

Der „Spiegel“ berichtet diese Woche, schon 2010 sei es einer NSA-Spezialabteilung gelungen, in das E-Mail-Konto des damaligen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón einzudringen. Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto forderte Anfang September Erklärungen von den USA, nachdem Globo berichtet hatte, die NSA habe ihn während des Wahlkampfs 2012 ausgespäht.

China

In einem Interview mit der Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong gibt Snowden an, die NSA hätten chinesische Mobilfunk-Konzerne gehackt und Millionen von SMS ausgespäht. Demnach verübte die NSA auch Cyber-Attacken auf die Tsinghua-Universität in Peking. Dort sind sechs zentrale Netzwerk-Schaltstellen untergebracht, über die Chinas gesamter Internetverkehr läuft.

Die NSA verteidigte in einer Stellungnahme zu dem Bericht ausdrücklicher als sonst das Knacken von Verschlüsselung. „Im Lauf der Geschichte haben Länder Verschlüsselung eingesetzt, um ihre Geheimnisse zu schützen, und heute nutzen auch Terroristen, Cyber-Kriminelle, Menschenhändler und andere die Technologie, um ihre Aktivitäten zu verschleiern.“ Die US-Geheimdienste kämpften dagegen an, um Schaden von Amerikanern und deren Verbündeten abzuwenden.

Die Enthüllung, dass die NSA das Handy von Kanzlerin Merkel abgehört habe, hatte im Oktober für erhebliche diplomatische Spannungen zwischen Berlin und Washington gesorgt. Das Weiße Haus erklärte damals nur, dass dies derzeit nicht der Fall sei und auch in Zukunft nicht passieren werde. Den Snowden-Unterlagen zufolge sollen Telefone von rund 35 internationalen Spitzenpolitikern abgehört worden sein.

Neben der Standard-Verschlüsselung im GSM-Standard gibt es auch Anbieter zusätzlich verschlüsselter Telefondienste. Diese Systeme gelen weiterhin als sicher und werden zunehmend in Behörden und großen Unternehmen eingesetzt.

Von

dpa

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