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24.01.2014

06:47 Uhr

Snowden im Livechat

„Die Regierung weiß alles“

VonAxel Postinett

US-Präsident Obama verteidigte kürzlich erneut seinen Geheimdienst NSA. Jetzt antwortete Edward Snowden. In einem Livechat im Internet stellte sich der Informant Fragen der Nutzer – und gab teils überraschende Antworten.

Informant Snowden: „Sie erinnern sich vielleicht nicht, wo Sie am 12. Juni 2009 zum Dinner waren. Aber die Regierung weiß es.“

Informant Snowden: „Sie erinnern sich vielleicht nicht, wo Sie am 12. Juni 2009 zum Dinner waren. Aber die Regierung weiß es.“

San FranciscoEdward Snowden befürwortet Spionage. Aber nicht so, wie sie derzeit in den USA von der NSA betrieben wird. In einer Fragestunde rechtfertigte er die Weitergabe von hunderttausenden geheimen Datensätzen über zweifelhafte Praktiken an die Medien. Denn die gesellschaftlichen Auswirkungen dessen, was da geschehe, könne man überhaupt gar nicht überbewerten. Aber noch sei Zeit, umzudenken.

Vor einer Woche verteidigte US-Präsident Barack Obama vehement die Spionageprogramme der amerikanischen Geheimdienste und nannte sie in vollem Umfang legal. Jetzt antwortet der, der den mächtigsten Mann der Welt zur Ankündigung leichter Reformen gezwungen hatte: Edward Snowden.

Der frühere freie Mitarbeiter der NSA sieht das Ganze völlig anders. Gezielte Spionage ist manchmal nötig, räumt er in der über einstündigen Frage-und-Antwort-Sitzung am Donnerstag auf seiner Unterstützer-Seite ein. Aber hier werde nicht spioniert, hier würden gerade die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens verändert. Die US-Geheimdienste sammeln Snowdens Informationen zufolge hunderte Millionen SMS-Nachrichten pro Tag, hören Internet- und E-Mail-Kommunikation ab, wissen, wann Regierungsmitglieder befreundeter Nationen mit wem telefonieren, verfügen über Hintertüren in iPhones und Android-Smartphones und vieles mehr. Darunter ist eine gigantische Datenbank über die Telefonate, die innerhalb der USA geführt werden. Und das alles, um einer Bedrohung zu begegnen, durch die jährlich laut Snowden weniger Amerikaner zu Tode kämen als durch „Badewannenunfälle oder Polizeibeamte.“

Ein kleines Lexikon der Spähaffäre

Prism

Das ist der Name des US-Geheimdienstprogramms, das gleich zu Beginn enthüllt wurde und deshalb zum Inbegriff der gesamten Spähaffäre wurde. Die Abkürzung steht für „Planning Tool for Resource Integration, Synchronization and Management“ (etwa Planungswerkzeug für Quellenintegration, -synchronisierung und -management). Es ist bislang nicht ganz klar, wie das Programm funktioniert. Nach den von Snowden der Presse übergebenen Dokumenten erlaubt oder organisiert „Prism“ den Zugriff auf Daten der Nutzer großer Internetfirmen wie Microsoft, Google und Facebook. Experten glauben, dass US-Dienste damit verdachtsunabhängig große Mengen Nutzerdaten abgreifen. Die gespeicherten Daten werden dann mit Filterbegriffen genauer durchsucht.

Tempora

So lautet der Deckname eines Überwachungsprogramms des britischen Geheimdienstes und NSA-Partners GCHQ, das es auf Daten aus Seekabeln abgesehen hat. Durch diese Glasfaserverbindungen fließt der überwiegende Teil der globalen Telefon- und Internetkommunikation. „Tempora“ erlaubt es demnach, den Datenverkehr in Pufferspeichern zu sammeln und Emails, Telefonate und Videochats zu rekonstruieren. Die Daten können einige Tage, einzelne Informationsteile wie Absender und Empfänger sogar wochenlang gespeichert werden. Mit der entsprechenden Software können so nachträglich Nachrichten von Verdächtigen gefunden oder die Stimmen von Gesuchten identifiziert werden.

Muscular

Hierbei geht es den bislang vorliegenden Berichten zufolge um das wahllose Abfangen der Datenströme aus Glasfaserkabeln zwischen den Rechenzentren der Internetkonzerne Google und Yahoo durch die NSA und ihren britischen Partnerdienst GCHQ. Google betreibt weltweit 13 dieser Anlagen, auf denen die Daten von Nutzern und deren Informationsströme verwaltet werden. Die Zentren tauschen ständig gigantische Datenmengen untereinander aus. NSA und GCHQ haben sich angeblich heimlich Zugang zu den Verbindungskabeln verschafft und kopieren Massen unverschlüsselter Daten.

XKeyscore

Der Begriff bezeichnet ein weiteres internes IT-Programm der NSA. Nach bisher vorliegenden Informationen handelt es sich dabei anscheinend um eine Art Analyse-Software, mit der die von der NSA betriebenen Datenbanken durchsucht werden, um Berichte über das Kommunikationsverhalten einer Person zu erstellen. Demnach kann „XKeyscore“ etwa auf Telefonnummern und Emailadressen zugreifen, aber auch Begriffe auflisten, die jemand in die Google-Suche eingegeben hat. Über „XKeyscore“ wurde hierzulande zuletzt viel diskutiert. Der Verfassungsschutz räumte ein, das Programm „testweise“ einzusetzen - wobei der Dienst aber ausdrücklich betont, es lediglich zur Analyse von bereits im eigenen Haus vorliegenden, nach deutschem Recht erhobenen Daten zu testen und damit weder aktiv Informationen zu sammeln noch international Daten etwa mit der NSA auszutauschen.

DE-CIX

Der große Internetknoten in Frankfurt am Main ist den Berichten zufolge ein bevorzugtes Ziel der NSA-Spionage in Deutschland. DE-CIX ist eine Art große Weiche, an der Internetverkehr aus verschiedenen einzelnen Provider- und Datennetzen zusammenfließt und verteilt wird. Gemessen am Datendurchsatz soll DE-CIX laut Betreiber der größte Internetknoten der Welt sein. Unklar ist aber, wie mutmaßliche Spione Zugriff auf den Knoten erhalten haben sollen. Denn DE-CIX besteht aus 18 gesicherten Einrichtungen, die durch Glasfaser verbunden sind. Der Betreiber und deutsche Behörden dementierten, dass die NSA hier Zugriff habe.

G-10-Gesetz

Dieses Gesetz regelt den Zugriff der deutschen Nachrichtendienste auf Telekommunikationsdaten. Vollständig heißt es „Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses“. Da es in Artikel 10 des Grundgesetzes verfassungsrechtlich fixiert ist, lautet die Kurzform G-10-Gesetz. Es verpflichtet Postanbieter sowie Telekom- und Internetkonzerne, den Verfassungsschutzämtern, dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr auf Verlangen Sendungen zu übergeben und ihnen die Aufzeichnung und Überwachung der Telekommunikation technisch zu ermöglichen. Laut Gesetz dürfen die Dienste derartige Maßnahmen etwa zur Abwehr einer „drohenden Gefahr“ für die demokratische Grundordnung beantragen. Genehmigt werden diese von einer speziellen Kommission aus zehn Bundestagsabgeordneten, der sogenannten G-10-Kommission.

Die permanente Dauerüberwachung bleibe nicht ohne Folgen: Da wäre der Effekt der unbewussten Verhaltensänderung, wenn man wisse, dass man permanent überwacht werde, so Snowden. Das sei durch Studien belegt und ein schleichender Prozess. Einer der noch am wenigsten verstandene Effekt dieser gigantischen, alles umspannenden Dauerüberwachung der Menschheit sei die Erstellung eines „permanenten Verhaltensprotokolls“ der täglichen Aktivitäten. Dies ermögliche in Zukunft unbegrenzte rückwärtsgewandte Ermittlungen für den Fall, dass ein bis dahin unbescholtener Bürger doch irgendwann einmal die Neugier der Behörden erregt: „Sie erinnern sich vielleicht nicht, wo Sie am 12. Juni 2009 zum Dinner waren. Aber die Regierung weiß es.“

Warum er sich nicht der amerikanischen Justiz stelle, habe einen einfachen Grund. Der Schutz für „Whistleblower“ – Menschen, die illegale Praktiken in Unternehmen oder Behörden anzeigen – sei in den USA zu schwach, verteidigte Snowden sein russische Exil.  Hätte er seine Bedenken Kongressmitgliedern mitgeteilt, so seine Erklärung, hätte er wegen einer schweren Straftat angeklagt werden können. 

Kommentare (28)

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petervonbremen

24.01.2014, 09:21 Uhr

Wow! Es geschehen noch Zeichen und Wunder!

Dieser Artikel hätte auch Platz in der Süddeutschen gefunden. - Glückwunsch!

Mir fällt zur Bewertung des Inhaltes ein Comic ein:

Ein Mädchen darf beim Besuch von Obama in Berlin des Präsidentens Hand schütteln. Sie sagt zu ihm: Herr Präsident, mein Vater sagt, Sie können in meinen Computer gucken. Obama schaut das Mädchen lächeln an und antwortet etwas verhalten: das ist nicht dein Vater mein Kind :-)

Ich weiß, man soll hier nichts verlinken. Dieses Video ist aber weder kommerziell noch in irgendeiner Weise schändlich, jedoch sehenswert. Wäre klasse, wenn dieser Beitrag nicht gelöscht würde.

https://www.facebook.com/photo.php?v=1409552419270564

Account gelöscht!

24.01.2014, 09:27 Uhr

Snowden gebührt der Friedensnobelpreis, nicht dem verlogenen Obama!

@NSA: Meine IP ist: 192.168.0.2 (kleiner Scherz)

Wrdlbrmft

24.01.2014, 09:31 Uhr

Selbst offizielle amerikanische Stellen stufen die NSA-Aktivitäten als illegal ein:
http://www.bloomberg.com/news/2014-01-23/nsa-s-spying-on-phone-calls-illegal-u-s-privacy-board.html
Präsident Obama hat folgenden Amtseid abgelegt:
„Ich schwöre, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich ausführen und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften wahren, schützen und verteidigen werde.“
Wann fängt er eigentlich damit an???

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