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15.06.2015

16:56 Uhr

Snowden und der britische Geheimdienst

James Bond in Gefahr?

VonMatthias Thibaut

Seit zwei Jahren ist Edward Snowden in Russland untergetaucht. Hat er seine Gastgeber dafür mit brisanten Daten versorgt – und damit britische Geheimagenten in große Gefahr gebracht? Bürgerrechtler haben so ihre Zweifel.

007-Darsteller Daniel Craig mit Schauspielkollegin Olga Kurilenko in Moskau – die echten britischen Geheimdienstagenten sollen laut Medienberichten sich nicht mehr sicher in Russland bewegen können.

James Bond

007-Darsteller Daniel Craig mit Schauspielkollegin Olga Kurilenko in Moskau – die echten britischen Geheimdienstagenten sollen laut Medienberichten sich nicht mehr sicher in Russland bewegen können.

LondonBritische Zeitungsberichte, wonach Großbritannien Agenten aus exponierten Situationen in China und Russland abziehen mussten, weil sie durch Datenverrat des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden in Gefahr waren, werden in Großbritannien als „Propaganda“ in Zweifel gezogen.

„Wir haben keine Fakten bekommen, nur Behauptungen“, zitiert der „Guardian“ den konservativen Abgeordneten David Davis, der seit langem gegen Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte durch die Anti-Terrorgesetzgebung kämpft. Davis wird allerdings sehr gut wissen, dass die britischen Geheimdienste und ihre politischen Aufseher zu Geheimdienst-Interna nie Stellung nehmen. Die „Behauptung“, Snowden habe „Blut an den Händen“, wurde oft erhoben. Ob sie sich beweisen lässt, solange die Geheimdienste geheim sind, ist eine andere Frage.

Der Fall Snowden

Warum verließ Snowden Hongkong?

Es wird vermutet, dass die Regierung in Hongkong Snowden zum Verlassen des Territoriums bewegen wollte, um die Beziehungen zu den USA nicht zu belasten. Er selbst befürchtete offenbar, dass die Regierung ihn in Gewahrsam nehmen würde, sollte er bleiben und Widerspruch gegen einen US-Auslieferungsantrag einlegen. Der örtliche Abgeordnete Albert Ho sagte, er habe im Auftrag Snowdens vorgefühlt, ob dieser bis zu einer Entscheidung über den Antrag auf freiem Fuß bleiben oder ausreisen könne. Von den Behörden habe er darauf keine Antwort erhalten, sagte Ho. Ein Mittelsmann, der nach eigenen Angaben für die Regierung sprach, habe Snowden aber gesagt, dass es ihm freistehe zu gehen - und dass er dies tun solle.


Warum Russland?

Präsident Wladimir Putin bietet den USA gern die Stirn. Als sich Snowden noch in Hongkong aufhielt, erklärte Putins Sprecher, Russland würde erwägen, ihm Asyl zu gewähren, sollte er einen Antrag stellen. Möglicherweise betrachtete Snowden Russland als sicheren Zufluchtsort, von wo er unter keinen Umständen an die USA ausgeliefert würde. Bislang erfüllte Putin diese Erwartung. Einen Auslieferungsantrag Washingtons wies er umgehend zurück.

Wo ist Snowden derzeit?

Putin hat erklärt, Snowden halte sich weiterhin im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo auf. Der ecuadorianische Präsident Rafael Correa sagte der AP, der Botschafter des Landes habe Snowden in Moskau gesehen. Zahlreiche Journalisten, die sich auf dem Flughafen auf die Suche nach dem prominenten Flüchtling machten, entdeckten keine Spur von ihm. Einige Sicherheitsexperten haben spekuliert, dass sich Snowden in den Händen russischer Geheimdienste befinden könnte, die sich von ihm Informationen erhofften. Putin hat Vermutungen, dass der russische Geheimdienst Snowden befragt habe, rundweg zurückgewiesen.

Welche Beziehung hat Snowden zu WikiLeaks?

Snowden hat sich nicht an die Enthüllungsplattform WikiLeaks gewandt, um die Welt vor dem umfassenden Überwachungsprogramm des US-Geheimdienstes NSA zu warnen. Er erklärte, er wolle es mit Journalisten zu tun haben. Denn sie könnten beurteilen, was veröffentlicht werden solle und was nicht. WikiLeaks nahm sich des Falls Snowden allerdings rasch an und bot Unterstützung für das weitere Vorgehen an. Snowdens Vater bezweifelte öffentlich, dass die Internetplattform der beste Ratgeber für seinen Sohn sei.

Wer begleitet Snowden?

Nach Angaben von WikiLeaks ist die Rechtsberaterin der Plattform, Sarah Harrison, Snowdens ständige Begleiterin. Auch sie ist öffentlich nicht in Erscheinung getreten. WikiLeaks erklärte, Harrison habe am Sonntag dem russischen Konsulat auf dem Moskauer Flughafen Snowdens Asylanträge für 21 Staaten übergeben.

Warum sitzt er fest?

Zunächst erklärte WikiLeaks, Snowdens Ziel sei Ecuador, wo er Asyl beantragt hat. Er buchte einen Tag nach seiner Ankunft in Moskau einen Aeroflot-Flug nach Kuba, wo er vermutlich umsteigen wollte. Den Flug trat er jedoch nicht an, sein Sitz blieb leer. Ein Grund für die Änderung seiner Pläne war möglicherweise, dass die USA seinen Pass für ungültig erklärten. Möglicherweise befürchtete er auch, dass die USA das Flugzeug über US-Luftraum zur Landung zwingen könnten, oder er war sich über sein endgültiges Ziel im Unklaren.

Ist mit weiteren Enthüllungen zu rechnen?

Das ist möglich. Snowden hat erklärt, seine Arbeit als NSA- Systemanalyst habe ihm Zugang zu umfangreichem Datenmaterial verschafft. Von den US-Behörden liegen dazu widersprüchliche Angaben vor. Assange hat weitere Enthüllungen in Aussicht gestellt. Es seien Maßnahmen getroffen worden, damit niemand die Veröffentlichung weiterer NSA-Dokumente im Besitz Snowdens verhindern könne. Glenn Greenwald, der Journalist der britischen Zeitung „The Guardian“, der maßgeblich an den ersten Veröffentlichungen beteiligt war, ließ durchblicken, dass Medienorganisationen bereits im Besitz des gesamten Materials seien, das Snowden publik machen wollte. Greenwald deutete an, dass es an den Zeitungen liege, was sie wann veröffentlichen wollten.

Die „Sunday Times“ hatte unter Berufung auf anonyme „hohe Offizielle“ in der Downing Street berichtet, der britische Auslandsgeheimdienst MI6 habe Spione aus „Feindländern“ abziehen müssen und bei den Kollegen vom amerikanischen CIA „Alarm geschlagen“, nachdem Russland und China verschlüsselte Daten aus Snowdens Dokumentenschatz geknackt haben.

„Russen und Chinesen haben die Informationen. Deshalb mussten wir Agenten abziehen. Das Wissen, wie wir operieren, hat uns daran gehindert, entscheidende Informationen zu bekommen“, soll eine anonyme „Downing Street Quelle“ der „Sunday Times“ gesteckt haben. Allerdings, so wird hinzugefügt, gebe es „keine Hinweise, dass jemand zu Schaden kam“.

Snowden, ein Computerexperte, der für die amerikanische NSA arbeitete, hatte 2013 heimlich 1,7 Millionen streng geheime Computerdateien kopiert und war damit zunächst nach Hongkong, dann nach Moskau geflüchtet, wo er sich weiter aufhält. Seine Enthüllungen machten die Arbeitsweise und den Umfang des Zugriffs westlicher Geheimdienste auf private Computerdaten bekannt.

Kommentare (1)

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Herr C L

16.06.2015, 11:58 Uhr

"Snowden, ein Computerexperte, der für die amerikanische NSA arbeitete, hatte 2013 heimlich 1,7 Millionen streng geheime Computerdateien kopiert und war damit zunächst nach Hongkong, dann nach Moskau geflüchtet, wo er sich weiter aufhält. Seine Enthüllungen machten die Arbeitsweise und den Umfang des Zugriffs westlicher Geheimdienste auf private Computerdaten bekannt.“

Tatsächlich ist selbst der NSA die Menge der kopierten Geheimdokumente nicht bekannt. Ohne die Aussagen der amerikanischen Presse zu überprüfen, schreiben Sie in Ihrem Artikel darüber als wäre das ein Fakt.

"As the NSA itself admits, the 1.7 million number is not the number the NSA claims Snowden downloaded — they admit they don’t and can’t know that number — but merely the amount of documents he interacted with in his years of working at NSA. Here’s then-NSA chief Keith Alexander explaining exactly that in a 2014 interview with the Australian Financial Review:

AFR: Can you now quantify the number of documents [Snowden] stole?

Gen. Alexander: Well, I don’t think anybody really knows what he actually took with him, because the way he did it, we don’t have an accurate way of counting. What we do have an accurate way of counting is what he touched, what he may have downloaded, and that was more than a million documents.“

(https://firstlook.org/theintercept/2015/06/14/sunday-times-report-snowden-files-journalism-worst-also-filled-falsehoods/)

Darüber hinaus versteht man Ihre Aussage, dass Snowden „zunächst nach Hong Kong, dann nach Moskau geflüchtet“ war, so als hätte das Snowden genauso gewollt. Tatsächlich sind aber die USA dafür verantwortlich, dass Snowden in Russland festsitzt. Snowden plante nach Südamerika zu flüchten, ehe die USA seinen Reisepass sperrten und er somit in der Transitzone im Moskauer Flughafen festsaß. Von einer „Flucht nach Moskau“ kann also wahrlich nicht die Rede sein. (siehe Link oben und das kann man auch in 2 Sekunden googlen…)

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