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10.07.2013

15:53 Uhr

Snowdens Vorgänger

Das Schicksal der Geheimnisverräter

Seit es Geheimnisse gibt, gibt es auch Leute, die sie verraten. Zuletzt standen Edward Snowden oder Bradley Manning im Mittelpunkt. Im Kalten Krieg wurde oft an die Gegenseite verraten. Viele bezahlten einen hohen Preis.

Daniel Ellsberg gab sich als Quelle der „Pentagon-Papiere“ zu erkennen. ap

Daniel Ellsberg gab sich als Quelle der „Pentagon-Papiere“ zu erkennen.

BerlinDie Enthüllung der ausufernden Internet-Überwachung durch westliche Geheimdienste hat Edward Snowden von einem idyllischen Haus auf Hawaii in den trostlosen Transitbereich des Moskauer Flughafens gebracht. Der 30-jährige Amerikaner ist aber trotz der unklaren Zukunftsaussichten noch besser dran als einige seiner Vorgänger: Er kann sich Hoffnung auf ein Leben in Freiheit machen, während viele Geheimnisverräter mit langen Haftstrafen oder ihrem Leben dafür bezahlten. Manch einer kam aber auch davon.

So etwa „Deep Throat“, der legendäre Informant, der eine zentrale Rolle im Watergate-Skandal spielte. Die „Washington Post“-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein bekamen bei geheimen Treffen in einem unterirdischen Parkhaus den Weg von einem einflussreichen Helfer gewiesen. Das ermöglichte ihnen, das volle Ausmaß der Affäre aufzudecken, die schließlich zum beispiellosen Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führte. Die Identität von „Deep Throat“ blieb mehr als 30 Jahre lang eines der spannendsten Geheimnisse der amerikanischen Politgeschichte, bis sich der frühere FBI-Beamte Mark Felt schließlich selbst outete.

US-Informant Snowden seit Wochen auf der Flucht

6. Juni 2013:

Nach Zeitungsberichten in den USA und Großbritannien zapft die US-Regierung die Rechner von Internetfirmen an, um sich Zugang zu Videos, Fotos, E-Mails und Kontaktdaten zu verschaffen. Das geheime Programm mit dem Code-Namen „Prism“ wurde demnach 2007 ins Leben gerufen.

7. Juni:

Davon profitiert hat nach Informationen des „Guardian“ auch der britische Geheimdienst GCHQ. US-Präsident Barack Obama verteidigt „Prism“ als Mittel im Kampf gegen den Terror.

9. Juni:

Hinter den Enthüllungen steckt der IT-Spezialist Edward Snowden, der zuletzt für den US-Abhördienst NSA gearbeitet hatte. Der britische „Guardian“ veröffentlicht ein Interview mit Snowden, der rund drei Wochen zuvor mit geheimen Dokumenten von Hawaii nach Hongkong geflohen war und nun auf Asyl hofft.

16. Juni:

Kurz vor Beginn des G8-Gipfels in Nordirland sorgen weitere Berichte für Aufsehen: Unter Berufung auf Snowden schreibt der „Guardian“, britische Geheimdienstler hätten 2009 die Teilnehmer des G20-Gipfeltreffens in London ausgespäht.

21. Juni:

Unter Berufung auf Gerichte heißt es in US-Medien, die USA hätten Anklage gegen Snowden wegen Spionage und Diebstahls erhoben. Der „Guardian“ berichtet, der britische GCHQ überwache Telefon und Internet weltweit in ungeahntem Ausmaß. Datenschützer sind empört.

23. Juni:

Nach Zeitungsberichten ist Snowden von Hongkong nach Moskau weitergereist. Er wolle von dort aus nach Südamerika. Ecuadors Außenminister teilt mit, Snowden habe dort einen Asylantrag gestellt. Rechtsberater von Wikileaks unterstützten Snowden auf der Flucht, teilt die Enthüllungsplattform mit.

24. Juni:

Rätselraten um Snowdens Aufenthaltsort: Während einige russische Medien berichten, er habe das Land verlassen, behaupten andere, er sei weiter im Transitbereich des Moskauer Flughafens.

25. Juni:

Russlands Präsident Wladimir Putin bestätigt, dass Snowden als Transitpassagier noch auf dem Moskauer Flughafen ist. Eine Auslieferung drohe ihm nicht.

26. Juni:

Der 30-Jährige hat nach der Annullierung seiner Dokumente durch die USA keinen gültigen Pass mehr, wie der Airport mitteilt. Die USA fordern erneut, Snowden auszuliefern.

27. Juni:

Mitglieder des US-Kongresses drohen Ecuador mit wirtschaftlichen Konsequenzen, sollte Snowdens Asylantrag bewilligt werden. Ecuador verzichtet daraufhin auf Zollvergünstigungen in den USA. Nach Meldungen in Moskau wartet Russland auf einen offiziellen Auslieferungsantrag der USA.

28. Juni:

Snowdens Vater schließt auch eine Rückkehr seines Sohnes in die USA nicht aus. Allerdings stellt dieser Bedingungen. So will Edward Snowden bis Prozessbeginn auf freiem Fuß bleiben und nicht zum Schweigen gezwungen werden.

29. Juni:

Der „Spiegel“ enthüllt, dass auch Deutschland von der US-Datenspionage betroffen ist. Die US-Geheimdienste haben demnach offenbar Kommunikations-Daten hierzulande ausgespäht. Das Magazin beruft sich auf die Unterlagen von Snowden.

01. Juli:

Snowden stellt einen Asylantrag in Russland. Zuvor hatte Präsident Putin ihm bereits Asyl angeboten – sofern er aufhöre, den USA mit seinen Veröffentlichungen Schaden zuzufügen.

02. Juli:

Der Whistleblower überlegt es sich anders und zieht seinen Antrag auf Asyl in Russland zurück. Stattdessen bittet er in 20 anderen Staaten um Asyl – darunter auch Deutschland.

05. Juli

Lateinamerika heißt Snowden willkommen: Venezuela, Bolivien und Nicaragua stellen ihm Asyl in Aussicht.

06. Juli

Snowden beantragt in Venezuela offiziell Asyl. Aus humanitären Gründen wird das lateinamerikanische Land dem Gesuch wohl stattgeben.

Während Felt im Schatten agierte, gab sich wenige Jahre zuvor Daniel Ellsberg als Quelle der „Pentagon-Papiere“ zu erkennen, jener geheimen Dokumente, die der amerikanischen Öffentlichkeit düstere Seiten der Kriegsführung in Vietnam vor Augen führten und möglicherweise das Ende des Krieges beschleunigten. Er stand vor Gericht, wurde aber schließlich freigesprochen - unter anderem weil die Behörden ihn illegal bespitzelt hatten.

Der heute 82-jährige Ellsberg, dem seinerzeit bis zu 115 Jahre Gefängnis drohten, stärkte Snowden mit Blick auf dessen Flucht ausdrücklich den Rücken: „Das Amerika, in dem ich geblieben bin, war ein anderes Land.“ Snowden wäre heute wie der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning für Jahre in einer Gefängniszelle verschwunden.

Kommentare (9)

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10.07.2013, 17:36 Uhr

Für mich sind die Geheimdienste das Backboone (Rückgrad) der konservativen westlichen Welt. Daten sammeln allein darf man noch nicht verteufeln, es sei denn, man ist GRÜNER und will seine peinlichen Laster (Kindesmissbrauch, Kleinkriminalität, Drogenmissbrauch) verheimlichen, wie von Ströbele angestrebt, der sich gegen alle überwachenden Geheimdienste wehrt.

Nein, ob die Daten missbraucht werden ist relevant ! Und davon habe ich bislang nichts gemerkt, weder in Deutschland noch in den USA. Dazu sollte es auch nicht kommen, dass Computer Menschen kategorisieren und Drohnen sie dann verfolgen. Das wäre in jedem Fall zuviel ! Die Offenheit der westlichen Welt ist zugleich ihre Achilles-Ferse und die muss von unseren westlichen Geheimdiensten bewacht werden.

Die Schattenseite ist dabei, dass wir mit den radikalen Bevölkerungen im Nahen Osten und in Nordafrika nichts weiter anfangen können, als dass die kampfeswilligen Gruppen, wie 2 Mühlräder gleich, gegeneinander aufgehetzt werden, damit zum Schluss alle Agressiven weg sind. Auf beiden Seiten. So wurde in Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Ägypten immer ein Teil der Bevölkerung gegen den anderen Teil aufgebracht - es entstehen Bürgerkriege, die die Agressionslust als Treibstoff in sich haben, bis endlich Friedenswille einkehrt.

Somit kann man sagen, NSA, sammle Daten, bewahre uns vor Gefahren, aber das ist keine Berechtigung für Geheimnisverrat, wie Herr Snowden ihn vorhat. Vielleicht war er überfordert täglich mit all den geheimen Daten umzugehen, die sonst ein Normalbürger nicht kennen kann und ehrlich gesagt auch nicht kennen will, solange keine eindeutige absolute Übermacht daraus entsteht.

Zur Politik des NSA habe ich jedenfalls mehr Vertrauen als zur ad-hoc-Plotik von Frau Merkel. Eine Freihandelszone unter dem Schutz und Einfluss der USA in Europa scheint mir die beste Variante für ganz Europa. EURO abschaffen, Dollar einführen in Europa. FERTIG.

Account gelöscht!

10.07.2013, 17:37 Uhr

Fehlt nur noch, dass alle Abwasser-Leitungen auf "Inhalt" untersucht wird, dann ist die Überwachung komplett und jede Behörde weiss sofort, wer Durchfall hatte oder Verstopfung, weil zu viele Bananen und Schokolade gegessen hat ..... diese Informationslücke gilt es noch zu schliessen. Diese Aufgabe bekommt der BND in Deutschland zugeteilt. :O)

Account gelöscht!

10.07.2013, 18:31 Uhr

Ihre Naivität ist beängstigend. Warum wandern sie nicht in die USA aus und leben ihren Traum vom Cowboy? Mir fällt kein Land ein, das in der Neuzeit mehr Kriege und Tote zu verantworten hat. Ausser vielleicht bei der Roten Khmer.

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