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08.02.2012

18:27 Uhr

Sondertreffen vereinbart

Euro-Finanzminister sprechen morgen über Griechenland

In die Verhandlungen über den griechischen Schuldenschnitt und ein zweites Rettungspaket in dreistelliger Milliardenhöhe kommt Bewegung.

BrüsselDie Euro-Finanzminister wollen am (morgigen) Donnerstagabend über die Rettung des hoch verschuldeten Griechenland beraten. Der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Premier- und Schatzminister Jean-Claude Juncker, teilte am Mittwoch in Luxemburg mit, er habe die Sitzung für 18 Uhr einberufen. Nähere Angaben zum Programm machte er nicht.

Laut Diplomaten wollen die Kassenhüter über das neue Hilfsprogramm für Griechenland entscheiden, das einen Umfang von mindestens 130 Milliarden Euro haben soll. Ursprünglich sollte das Treffen schon Anfang der Woche stattfinden.#

Offene Fragen zum griechischen Schuldenschnitt

Wie gehen Großinvestoren mit dem Schuldenschnitt um?

Mit Bekanntgabe des Schuldenschnitts wird nicht feststehen, welche Gläubiger daran teilnehmen werden. Zwar haben sich etwa Banken mit griechischen Anleihen im Bestand wie etwa die Commerzbank und die verstaatlichte Bad Bank der Hypo Real Estate dazu bereit erklärt. Aber vor allem eine Reihe von Hedgefonds werden nicht mitmachen. So hatte etwa der Fonds Vega Asset Management angekündigt, keine Übereinkunft zu akzeptieren, die mehr als 50 Prozent Abschreibungsbedarf bedeutet.

Was gilt für Privatanleger mit Griechenland-Anleihen?

Privatanlegern sollte ersten Berichten zufolge das gleiche Angebot gemacht werden wie den professionellen Investoren. Die Teilnahme dürfte also auch für diese freiwillig sein, solange nicht nachträglich Umschuldungsregeln in die Anleihen eingebaut werden. Dann könnte eine Minderheit von Anlegern durch eine große Mehrheit (z.B. 75 Prozent) zum Forderungsverzicht gezwungen werden.

Eine Ausnahme soll es übrigens für Privatanleger geben, die griechische Anleihen unmittelbar bei Emission der Papiere erworben haben, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Allerdings kommen Privatanleger bei Erstemissionen eigentlich nie zum Zuge - das Privileg des Erstzuschlags haben große Banken und Fonds.

Wie sieht es mit öffentlichen Gläubigern aus?

Aus dem ersten Rettungspaket für Griechenland hat die Kreditanstalt für Wiederaufbau 15 Milliarden Euro bereits nach Griechenland überwiesen. Da es sich dabei um einen bilateralen Kredit und keine Anleihe handelt, ist zunächst unklar, ob die KfW beim Schuldenschnitt mitmachen wird. Die Gewinn- und Verlustrechnung des öffentlichen Geldhauses wird jedoch selbst ein Verzicht auf Forderungen nicht berühren. Denn der Bund - also der Steuerzahler - hat das volle Verlustrisiko aus dieser Kreditvergabe übernommen.

Werden die Sparmaßnahmen wirklich umgesetzt?

Die Forderung aus der CDU nach einem Sparkommissar für Griechenland waren von europäischen Regierungschefs wegen einer vermeintlich institutionalisierten Bevormundung scharf kritisiert worden. Doch die Sorge, ob das nächste Sparpaket tatsächlich in die Tat umgesetzt werden wird, ist berechtigt. Schließlich hinkte die griechische Regierung zuletzt bereits etwa bei den versprochenen Privatisierungen deutlich hinterher. Die Schuldentragfähigkeit des Landes steht also weiter in den Sternen. Das könnte für Gläubiger, die dem Schuldenschnitt nicht zustimmen, teuer werden. Denn ein unverhandelter Schnitt für diese Anleger könnte durchaus erfolgen.

Werden Gläubiger zur Teilnahme gezwungen?

Das griechische Parlament könnte nachträglich Umschuldungsregeln so genannte Collective Action Clauses (CAC) in die Anleihen einfügen. Sie sind etwa bei nach britischem Recht begebenen Staatspapieren üblich. Eine Mehrheit von Anleihegläubigern kann dann eine Minderheit per Abstimmung zu bestimmten Forderungsverzichten verpflichten.

Wird der Schuldenschnitt sich als juristisch wasserdicht erweisen?

Die Europäische Zentralbank hat Mitte Februar ihre griechischen Staatsanleihen gegen Papiere mit den gleichen Bedingungen aber anderen Wertpapierkennnummern getauscht. Damit entgeht sie der Teilnahme an einem Schuldenschnitt. Das könnte juristische als Ungleichbehandlung von Gläubigern ausgelegt werden und juristische Streitigkeiten nach sich ziehen.

Auch die nachträgliche Einführung spezieller Schuldenklauseln für Anleihen, die unter griechischem Recht begeben wurden, könnte zu Streitigkeiten führen. Allerdings halten Juristen die Chancen auf einen Sieg für gering - und ein solches Verfahren dürfte Jahre dauern.

Werden Kreditausfallversicherungen (CDS) ausgelöst?

Bei der ursprünglichen Verhandlung über den Schuldenschnitt durch private Gläubiger mit den europäischen Staats- und Regierungschefs galt es als ein Knackpunkt, dass durch den Forderungsverzicht keine Kreditausfallversicherungen (CDS) ausgelöst werden. Denn die Sorge war, dass die CDS-ausgebenden Banken dann in zusätzliche Bedrängnis geraten könnten. Die Käufer von CDS, die mit den Papieren ihre Bestände an Griechenland-Anleihen abgesichert haben, muss das allerdings wie blanker Hohn vorkommen. Denn sie sind doppelt geschädigt: Sie erhalten ihre ursprünglichen Forderungen nur teilweise zurück und haben zudem die Kosten für die Versicherung in Form eines CDS bezahlt.

Allerdings hat sich durch die monatelange Hängepartie in den Verhandlungen die Stimmung etwas gewandelt. Eine CDS-Auslösung wird wegen relativ niedriger Nettoausstände bei den größten Banken nicht mehr wirklich befürchtet.

Mehr zum Stand der Verhandlungen in Griechenland auf Handelsblatt Online.

Von

dapd

Kommentare (3)

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Machiavelli

08.02.2012, 18:56 Uhr

Die deutsche Wirtschaft, stärkste Wirtschaft der Währungsunion, war in der Lage die Produktion von Spitzen-Exportgüter für sich zu beanspruchen. Dies auf Kosten der schwächeren und weniger wettbewerbsfähige Wirtschaften der anderen Mitgliedern.
Die Jugendarbeitslosigkeit von fast 50% in manchen Euroländer ist Beweis genug.
Die Verträge der Währungsunion sind der Grund und die Ursache dieser Ungleichgewichten. Die Wirtscahftsdivergenzen zwischen den einzelnen Mitglieder nehmen ständig zu.
Die deutsche-französische Achsenmächten haben es so gewollt und den anderen Mitglieder die Vertragsbedingungen diktiert.
Davon hat vor allem Deutschland, mehr als Frankreich profitiert.
Es ist aber nicht mehr und nicht weniger als Wirtschaftskannibalismus, Griechenland ist das erste Opfer, andere Länder werden folgen. Die Rettung für die Opfer liegt in der Fahnenflucht und kann eigentlich nur von Außen kommen. Vielleicht aus China?

Spartakus

08.02.2012, 19:20 Uhr

@ Machiavelli,
und warum nicht eine Änderung der Verträge zu Gunsten der schwächeren Länder?
Bevor man an Fahnenflucht denkt sollte man überlegen ob man nicht diese Missstände ändern könnte.
Ein vereintes Europa sollte das Ziel bleiben.

Petain

08.02.2012, 19:24 Uhr

@ Spartakus
Ganz einfach, weil Deutschland und auch Frankreich gerne diese für sie günstige Verträge nicht ändern werden.
Zwingen kann man sie doch nicht, also Fahnenflucht und Kollaboration mit dem Feind.

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