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19.04.2015

08:30 Uhr

Soziale Ungleichheit

„Aldi Mum“ erobert britischen Wahlkampf

Die Ungleichheit zwischen Armen und Reichen in Großbritannien wird immer größer. Viele Menschen mit geringem Einkommen kaufen deshalb fast ausschließlich in Discountern ein. Premier Cameron verteidigt seine Politik.

Kundin in einem britischen Aldi-Markt: Die Preise steigen in Großbritannien stärker als das Einkommen, was zu großen sozialen Problemen führt. Imago

"Aldi Mum"

Kundin in einem britischen Aldi-Markt: Die Preise steigen in Großbritannien stärker als das Einkommen, was zu großen sozialen Problemen führt.

WorcesterSie gilt als Sinnbild der sozialen Misere der Mittelschicht in Großbritannien: die „Aldi Mum“. Im britischen Wahlkampf ist dieser Tage viel die Rede von den Frauen, die ihre Familie nur noch durch das Einkaufen im Discounter über Wasser halten können. Schuld an der Misere ist nicht nur nach Ansicht der Opposition die regierende Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten – auch die Anglikanische Kirche hat die Sozialpolitik von Premierminister David Cameron schon scharf kritisiert.

Ganze Städte und Regionen seien in einer „scheinbar unentrinnbaren wirtschaftlichen Abwärtsspirale“ gefangen, die durch Sozialkürzungen weiter verschärft werde, schrieb der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, in einem Beitrag für ein Mitte Januar vorgestelltes Buch. Während London und sein Umland ständig weiter wüchsen, seien die meisten anderen Städte in einem „scheinbar unaufhaltsamen Niedergang“ begriffen.

Die Essaysammlung „On Rock or Sand?“ (Auf Fels oder Sand?) kritisiert, dass sich unter Cameron die Spaltung der Gesellschaft verschärft habe. Das Buch verurteilt das „Übel“ der Ungleichheit und wirft der Gesellschaft vor, seit den marktliberalen Reformen von Premierministerin Margaret Thatcher „Konsumverhalten und Individualismus“ zu huldigen.

Warum Aldi billig ist

Es ging ums Sattwerden

Es ist eine Gretchenfrage: Wie viele Artikel biete ich meinen Kunden an? 1946 ging es um nichts mehr als ums Sattwerden. Die Aldi-Brüder schauten auf ihren Tages- und Wocheneinkauf. Erst im Laufe der Jahre kamen Non-Food-Artikel hinzu – anfangs waren sie verpönt.

Zahl der Artikel

Mit der Zeit pendelte man sich bei 400 Artikeln ein. Inzwischen – in Zeiten der feiner werdenden Nuancen – ist die Zahl auf 900 Artikel gewachsen. Der Stellplatz in den Filialen hat natürliche Grenzen. Zudem ist Produktpflege ein aufwändiges Geschäft.

Das oberste Gebot

Von Beginn an galt bei den Albrechts das Gebot der Warengleichheit: In allen Filialen sollten die Kunden dieselben Produkte finden. Schnell ging es soweit, dass sie es sogar an derselben Stelle fanden.

Die Revolution

Eine echte Revolution war die Einführung von Kühlware in den 70er-Jahren. Sowohl bei Aldi Nord als auch bei Aldi Süd gingen Grundsatz-Diskussionen voraus. Entgegen der Behauptungen gab es darüber aber keinen brüderlichen Zwist. Allerdings musste der vorpreschende Karl Überzeugungsarbeit leisten beim abwägenden Theo. Doch die Kühltruhe kam, erst im Kleinformat, dann immer mehr.

Markenartikel? Nein, Danke!

Seit Jahren macht andere Discounter wie Netto (vorher Plus) gute Geschäfte mit Markenartikeln. Aldi hat stets eine Aversion gegen sie gehabt. Auf der anderen Seite taten sich die Hersteller von Markenartikeln anfangs auch sehr schwer, bei einer Billigkette zu listen, als die Aldi galt.

Aldis Problem

Vereinfacht gesagt besteht Aldis größtes Problem darin, die erforderlichen Liefermengen von mehreren Anbietern zu beziehen. Bei vergleichenden Qualitätsstandards heißt es immer wieder: Bedarfsdeckung versus Preis. Gerade zu Ostern und Weihnachten ist es eine Sisyphusarbeit in Planung und Organisation, für ausreichend Waren zu sorgen und sie auf die Filialen zu verteilen.

Harte Gespräche mit Lieferanten

Die Preisfindung in diesem „Wettkampf“ ist das eigentliche Erfolgsrezept Aldis. Als Marktführer, ausgestattet mit dem Hebel der Mengemacht, hat man hier natürlich Vorteile. Dabei bündeln Aldi Nord und Aldi Süd ihre Einkaufsstrategie in vielen Sortimenten. Auf der anderen Seite hat Aldi auch kein Interesse, die Lieferanten so sehr zu schröpfen, dass sie in den Ruin gehen. 

Die große Verlockung

Lieferanten unterliegen leicht der großen Verlockung, mit Aldi so zu verhandeln, dass die eigentlichen Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Zwar kann man mit Aldi vermögend werden, aber das Risiko, sich zu sehr abhängig zu machen, ist groß. Denn Aldi streicht durchaus schnell einen Lieferanten. Fachleute raten dazu, maximal 50 Prozent seiner Produkte an Aldi zu verkaufen.

Das Preisdiktat

Die Wettbewerber sind dem Preisdiktat ausgesetzt. In den vergangenen Jahres war gut zu beobachten, was passiert, wenn Aldi die Preise für Alltagsprodukte wie Milch senkte: Die Konkurrenz zog innerhalb weniger Stunden nach. Preisvergleich und Preispolitik sind Tagesaufgaben.

Wie preissensibel ist der Kunde

Doch warum agieren die Discounter eigentlich so nah am „gerechten Preis“? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn die Durchschnittskunde ist eigentlich sehr wenig mit den Preisen vertraut. Er stellt seinen Warenkorb den Bedürfnissen und Gepflogenheiten zusammen. Die meisten gehen nicht mit offenen Augen durch die Läden. Angebote werden auch bei Aldi sehr deutlich mit andersfarbigen Schildern gekennzeichnet, damit sie überhaupt auffallen. Umso wichtiger ist also, dauerhaft der Preisführer zu sein – und dieses Image zu pflegen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während die Preise in den vergangenen fünf Jahren um 11,5 Prozent anstiegen, legten die Gehälter im gleichen Zeitraum nur um 7,5 Prozent zu, wie das Nationale Statistikamt mitteilte. Einen Rückgang der Reallöhne wie in den vergangenen fünf Jahren habe Großbritannien zuvor noch nicht erlebt, sagt Wirtschaftsprofessor Simon Wren-Lewis von der Universität Oxford. Zwar sei seit 2013 auch die Arbeitslosenzahl gesunken, aber ein großer Teil der neuen Jobs werde extrem schlecht bezahlt.

So nimmt die Ungleichheit immer weiter zu: Während die reichsten zehn Prozent in London in den Jahren 2007 bis 2013 ihr Vermögen um ein Viertel erhöht hätten, seien die Einkünfte der ärmsten zehn Prozent im selben Zeitraum um ein Fünftel gefallen, heißt es in einer Studie der London School of Economics.

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