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26.05.2011

16:29 Uhr

Soziale Unruhen

Explosionen erschüttern China

VonFinn Mayer-Kuckuk

Hilflosigkeit und Unzufriedenheit des einfachen Volkes gegenüber der Justiz und der regierenden Kommunistischen Partei schlagen immer wieder in Gewalt um. Neuer Höhepunkt sind koordinierte Bombenanschläge im Süden.

In der Stadt Fuzhou sind vor Regierungsgebäuden drei Bomben explodiert. Quelle: dapd

In der Stadt Fuzhou sind vor Regierungsgebäuden drei Bomben explodiert.

PekingEine Serie von Explosionen in Südchina wirft ein Schlaglicht auf die sozialen Spannungen und die Unzufriedenheit in der chinesischen Gesellschaft. Gestern sind zwischen neun und zehn Uhr Ortszeit in der Stadt Fuzhou vor Regierungsgebäuden drei Bomben explodiert, wie das zuständige Informationsamt der Provinz Jiangxi bestätigte. Die Detonationen haben zwei Menschen getötet, sechs weitere sind schwer verletzt. Betroffen waren der Sitz der Regierung des Bezirks Linchuan, die örtlichen Staatsanwaltschaft und die Behörde für Arzneimittelsicherheit. Privatfotos in Blogs zeigen schwere Schäden an den Fassaden der Gebäude.

Der Terroranschlag gilt als Ausdruck der Hilflosigkeit und Unzufriedenheit des einfachen Volkes gegenüber der Justiz und der regierenden Kommunistischen Partei (KP). Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua nannte schon sehr früh einen Bauern als möglichen Täter, der sich von der Justiz ungerecht behandelt fühlt. Gerichtsurteile fallen in China oft schon nach sehr kurzen Verfahren. Gute Kontakte zur örtlichen Vertretern der KP können den Ausgang erheblich beeinflussen.

Auch altgediente Marxisten selbst sehen in der grassierenden Korruption eine gefährliche Fehlentwicklung. „Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich schafft soziale Spannungen“, sagt Shang Dewen, emeritierter Professor für Ökonomie an der Universität Peking, dem Handelsblatt. „Die einfachen Leute haben es schwer, zu ihrem Recht zu kommen.“

Es gebe zwar die Möglichkeit, mit Petitionen auf erlittenes Unrecht aufmerksam zu machen, doch die Regierung kümmere sich meistens nicht darum. Die Beamten seien heute korrupter denn je. Die Regierung suche keine echte Lösung für das Problem, sondern versuche bloß, die Protest zu unterdrücken. Die drei Explosionen vor öffentlichen Gebäuden können da kein Zufall sein, glaubt Wirtschaftswissenschaftler Shang. „Die Bürger setzen in ihrer Verzweiflung alle Mittel ein, um auf die Missstände aufmerksam zu machen.“

Der Gewaltakt findet auch unerwartet viel Zustimmung beim Volk – zumindest wenn es nach den Meinungsäußerungen im Internet geht. „Die steigende Feindseligkeit gegenüber den Reichen und Mächtigen ist ein Trend, und dieser Trend ist unaufhaltsam“, schreibt ein Blogger auf Weibo.com. „Die Anschläge zeigen, dass der Ärger des Volkes in eine Phase der Rache an der Regierung übergeht“, lautet eine andere Online-Kurznachricht. „Bravo, Fuzhou!“, schreibt einer sogar.

Schon im Februar hatte ein Internetnutzer aus Jiangxi, wo jetzt die Bomben explodiert sind, die Regierung aufgefordert, endlich die Korruption wirksam zu bekämpfen. „Wir wollen endlich eine gerechte Gesellschaft“, forderte der Bürger zu Beginn der Plenarsaison des chinesischen Parlaments.

Doch trotz der großzügig verhängten Todesstrafe für bestechliche Beamte: Im Einparteienstaat blüht die Vorteilsnahme weiter. „Korruption hat einen erheblichen Einfluss auf das Alltagsleben der Chinesen und hat sich in zahlreiche Bereiche hinein ausgebreitet“, sagt Ren Jianmin, Chef des Zentrums für Verwaltungswissenschaft an der Qingua-Universität.

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