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14.03.2006

08:32 Uhr

Sozialisten fordern Staatsbegräbnis

Serbiens Regierung wackelt

VonReihold Vetter

Der Tod des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic hat in seiner Heimat Serbien zu einer erbitterten öffentlichen Auseinandersetzung geführt, die sogar die Regierung gefährdet.

WARSCHAU. Die Sozialisten, deren Ehrenvorsitzender Milosevic war, forderten ein Staatsbegräbnis für den Verstorbenen und drohten, anderenfalls das Parlament zu verlassen. Die Minderheitsregierung von Premier Vojislav Kostunica ist aber von den Stimmen der Sozialisten abhängig. Zweifel gibt es auch an der offiziellen Todesursache.

Milosevic war am Samstag tot in seiner Zelle aufgefunden worden. Der 64-Jährige gilt als Hauptschuldiger für die vier Balkankriege in den 90er-Jahren und musste sich deshalb vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in den Haag verantworten. Laut dem vorläufigen Autopsiebericht ist der Angeklagte an einem Herzinfarkt gestorben. Die zuständigen Ärzte stellten zwei Herzkrankheiten fest, die den Infarkt verursacht haben könnten. Der Untersuchung, die auf Video aufgezeichnet wurde, wohnten auch zwei Spezialisten der medizinischen Akademie des serbischen Militärs bei. Ein endgültiges Ergebnis soll erst in einigen Tagen feststehen, hieß es in Den Haag.

Milosevics Anwalt Zdenko Tomanovic äußerte den Verdacht, sein Mandant sei möglicherweise in Uno-Haft vergiftet worden. „In einem Brief sprach Milosevic von hohen Dosen eines Medikaments gegen Lepra, die in seinem Körper festgestellt worden seien“, so der Anwalt. Der niederländische Toxikologe Ronald Uges hatte in einer zwei Wochen alten Blutprobe des Ex-Präsidenten Spuren des Medikaments festgestellt. Er hält es für möglich, dass Milosevic das Mittel einnahm, um Selbstmord zu begehen. Auch Serbiens Außenminister Vuk Draskovic, der unter dem Milosevic-Regime zu leiden hatte, hält dies für möglich: „Er wollte sich der Nachwelt als Märtyrer präsentieren“, sagte der Minister.

Serbiens Staatspräsident Boris Tadic, der in den 90er-Jahren der Opposition gegen Milosevic angehörte, lehnte ein Staatsbegräbnis für den Verstorbenen kategorisch ab: „Angesichts der Rolle, die Milosevic in der serbischen Geschichte gespielt hat, wäre dies völlig unangebracht“, erklärte sein Sprecher. Die Sozialisten fordern dagegen ein Staatsbegräbnis und werden dabei auch von den Nationalisten der Radikalen Partei unterstützt, die im Parlament die stärkste Fraktion stellt.

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