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16.11.2011

10:30 Uhr

Spanien

Eurokrise kostet Zapatero das Amt

Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordhöhe, die Wirtschaft stagniert und das Schuldenproblem spitzt sich zu. Die Krise wird auch die Parlamentswahlen in Spanien beeinflussen - ein Machtwechsel steht bevor.

Ministerpräsident Zapatero setzt schmerzhafte Einsparungen durch. Reuters

Ministerpräsident Zapatero setzt schmerzhafte Einsparungen durch.

MadridDie Wirtschaftskrise in Spanien macht nicht einmal vor den Toten Halt. In Saragossa lassen Behörden auf dem städtischen Friedhof Gräber räumen, wenn die Angehörigen der Verstorbenen mit der Zahlung der Mietgebühren in Verzug geraten sind. Die Toten werden dann in Massengräber umgebettet. Für die Lebenden ist die Krise zu einem Bestandteil des Alltagslebens geworden: Die Einnahmen der Privathaushalte sanken in diesem Jahr im Vergleich zu 2010 um 4,4 Prozent; fünf Millionen Spanier sind arbeitslos; in 1,3 Millionen Familien hat kein Mitglied einen Job.

Die Krise wird maßgeblich den Ausgang der Parlamentswahl an diesem Sonntag bestimmen. Alle Umfragen deuten darauf hin, dass die seit 2004 regierenden Sozialisten ein Debakel erleben. Demnach werden die Konservativen nicht nur die absolute Mehrheit der Mandate, sondern einen Rekordsieg erringen. Mariano Rajoy, der konservative Oppositionsführer der vergangenen sieben Jahre, scheint für viele Spanier zur letzten Hoffnung geworden zu sein.

Spaniens Baustellen

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote beträgt laut Statistikbehörde 24,4 Prozent und befindet sich auf den höchsten Stand seit 18 Jahren. Insgesamt sind in Spanien 5,6 Millionen Menschen arbeitslos. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem. Die europäische Statistikbehörde Eurostat berichtete unlängst, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit sei in Spanien mit einem Wert von 50,5 Prozent am höchsten. Zum Vergleich: Mit 8,2 Prozent hatte Deutschland die niedrigste Quote.

Immobilienmarkt

In der Vor-Krisenzeit lockte die Kombination aus hohem Wirtschaftswachstum und niedrigem Zinsniveau die Spanier an den Immobilienmarkt. Viele legten sich eine zweite, dritte oder gar vierte Wohnung zu. Doch der Boom war größtenteils auf Pump finanziert. Nachdem auch internationale Anleger wie Pensions- und Investmentfonds in großem Stil einstiegen, wurden Immobilien rasch zu Spekulationsobjekten. Die Finanzkrise 2008 bereitete dem ein jähes Ende: Die spanischen Banken - anfangs noch gelobt wegen ihrer Zurückhaltung bei Schrottpapieren - gerieten in den Krisenstrudel und wurden Opfer der lockeren Kreditvergabe.

Haushaltslage

In der Eurozone war Spanien 2011 mit einem Fehlbetrag von 8,9 Prozent der drittgrößte Haushaltssünder. Das Haushaltsloch war zwar kleiner als 2010 (9,3 Prozent), aber deutlich höher als angestrebt. Die spanische Wirtschaft stürzte zudem zu Jahresbeginn in die Rezession. Mit drastischen Sparmaßnahmen und weitreichenden Reformen versucht die Regierung des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy gegenzusteuern. Ursprünglich sollte das Defizit schon 2013 wieder unter die erlaubten 3 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, nun soll Spanien dafür ein Jahr länger Zeit bekommen.

Bankenkrise

Die Lage am Immobilienmarkt schlägt voll auf den Bankensektor durch: Die Großbanken Santander und BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) verzeichneten wegen der Vorsorge für faule Immobilienkredite Gewinnrückgänge. Spaniens Regierung hatte höhere Rücklagen der Banken angesichts der kriselnden Wirtschaft verlangt. Anderen Geldhäusern erging es noch schlechter: Die Großbank Bankia will vom Staat mehr als 23 Milliarden Euro für ihre Sanierung.

Spanien hatte in der Schuldenkrise zuletzt nicht mehr in der ersten Linie der Problemländer gestanden, weil die Aufmerksamkeit der Märkte sich auf Italien und Griechenland richtete. Aber nach der Ablösung der Regierungschefs Silvio Berlusconi in Rom und Giorgos Papandreou in Athen geraten auch Spaniens Finanzen wieder verstärkt unter Druck. Am Dienstag erreichte der Risikozuschlag, den der spanische Staat für seine Schulden zahlen muss, eine Rekordhöhe.

Spanien unterscheidet sich von den anderen Volkswirtschaften in Europa durch seine Arbeitslosenquote von fast 22 Prozent. Das ist die mit Abstand höchste in der EU. „Das Erstaunliche daran ist, dass es keine Aufstände gibt“, sagte José Manuel González-Páramo, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), der Zeitung „El País“. „Auf die Dauer ist so ein Zustand nicht tragbar.“ Viele Arbeitslosen schlagen sich mit Schwarzarbeit durch, andere bekommen Hilfe von Familienangehörigen.

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