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08.04.2014

19:38 Uhr

Spanien und die Katalanen

Unglückliche Ehe ohne Scheidungsoption

VonAnne Grüttner

Die Katalanen wollen raus aus Spanien. Doch wie wahrscheinlich ist eine Abspaltung? Welche Folgen hätte sie? Und warum will die Region nichts mehr mit Spanien zu tun haben? Teil eins unserer Separatisten-Serie.

Kampf mit allen Mitteln: Viele Katalanen finden, dass sie nicht zu Spanien gehören. dpa

Kampf mit allen Mitteln: Viele Katalanen finden, dass sie nicht zu Spanien gehören.

Madrid„Katalonien ist meine Heimat. Und Katalonien ist nicht Spanien.“ Pep Guardiola, der Trainer von Bayern München, ist wohl der bekannteste Spanier, der sich für die Abspaltung Katalonien von Spanien einsetzt. Er fordert per Videobotschaft für die Bürgerinitiative Assemblea Nacional Catalana (ANC) „das Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung“ ein. Doch die Katalanen sind nicht die einzigen, die unabhängig sein wollen: Nicht von Europa, aber von ihrem Land. Handelsblatt Online zeigt, in welchen Ländern es Separatistenbewegungen gibt und warum. Lesen Sie heute Teil eins der Serie von unserer Korrespondentin Anne Grüttner aus Madrid.

In Spaniens Parlament hat am Dienstag die Debatte darüber begonnen, ob die katalanische Regionalregierung ein Referendum über die Unabhängigkeit abhalten darf. Der Ausgang der Abstimmung war schon vorab bekannt: Die konservative Regierungspartei „Partido Popular” wird den Vorschlag mit ihrer absoluten Mehrheit abschmettern. Die spanische Verfassung, so machte Spaniens Finanzminister Cristóbal Montoro gestern nochmals klar, setze der Debatte enge Grenzen: Die Befugnis zur Abhaltung eines Unabhängigkeitsreferendums könne nicht delegiert werden. Laut Verfassung habe nur die Nationalregierung die Befugnis für eine solche Befragung.

Damit aber ist das Problem noch lange nicht beigelegt. Der Konflikt zwischen der Regionalregierung in der wunderschönen Mittelmeerstadt Barcelona und der Zentrale im kargen Hochland von Madrid schwelt seit vielen Jahren. „Das ist wie ein Bandscheibenvorfall, mal ist es sehr lästig, mal merkt man auch gar nichts davon“, erklärte ein spanischer Politiker unlängst den Disput mit Katalonien.

Nach dem Tod von Diktator Francisco Franco 1975 hatten die Katalanen noch maßgeblich mitgearbeitet an der neuen, föderal ausgerichteten Verfassung, und sich mit dem demokratischen, zunehmend europäischen Spanien identifiziert. Die Katalanen erhielten ein eigenes Regionalparlament mit weitreichenden Befugnissen. An den Schulen durfte wieder in katalanischer Sprache unterrichtet werden.

Konjunkturaussichten für die Euro-Länder

Spanien

Spanien könnte 2014 wieder um ein Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit soll jedoch mit 25,7 Prozent hoch bleiben. Das Haushaltsdefizit wird auf 5,8 Prozent der Wirtschaftsleistung geschätzt.

Frankreich

Frankreichs Wachstum dürfte 2014 mit 1,0 Prozent unter dem Durchschnitt der Euro-Zone bleiben. Die Arbeitslosigkeit soll auf elf Prozent steigen.

Griechenland

Die griechische Wirtschaft soll 2014 erstmals seit sechs Jahren wieder um 0,6 Prozent wachsen. Trotz der erwarteten Besserung dürfte die Arbeitslosigkeit mit 26 Prozent vergleichsweise hoch bleiben. Bei der Verschuldung werden 177 Prozent der Wirtschaftsleistung erwartet.

Italien

Italiens Wirtschaft soll 2014 um 0,6 Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit dürfte hingegen auf einen Rekord von 12,6 Prozent klettern. Der Schuldenstand bleibt hartnäckig hoch: 2015 soll er mit 132,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts leicht unter dem diesjährigen Niveau liegen.

Zypern

Um 4,8 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt einbrechen. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf den Rekordwert von 19,2 Prozent steigen.

Portugal

Für Portugal erwartet die EU-Kommission 2014 ein Wachstum von 0,8 Prozent. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 16,5 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen. Der Schuldenstand dürfte nach dem Rekordwert von 129,4 Prozent im vorigen Jahr bis 2015 wieder auf 125,8 Prozent zurückgehen.

Irland

Irlands Wirtschaft dürfte 2014 mit 1,8 Prozent deutlich stärker wachsen als der gesamte Währungsraum. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,2 Prozent fallen, nachdem sie 2013 noch bei 13,1 Prozent lag. Das Defizit soll 2015 auf 4,3 Prozent sinken.

Quelle

EU-Kommission

Seit der Rückkehr zur Demokratie kam den Katalanen auch zugute, dass ihre größte Partei, das Mitte-Rechts Bündnis Convergència i Unió (CiU), im spanischen Parlament oft als eine Art Zünglein an der Waage fungierte. Sowohl der konservative Premier José María Aznar als auch sein sozialistischer Nachfolger José Luis Rodríguez Zapatero waren des Öfteren auf die Stimmen von CiU angewiesen. Sie versprachen den Katalanen immer neue Autonomierechte, damit CiU im Gegenzug etwa für das Haushaltsgesetz oder andere Projekte stimmte.

Hochgekocht ist das Thema Unabhängigkeit vor allem mit Beginn der Wirtschaftskrise. Je mehr die hochverschuldete katalanische Regionalregierung in finanzielle Nöte geriet, um so mehr waren den Katalanen die Abgaben im Zuge des spanischen Länderfinanzausgleichs ein Dorn im Auge. Natürlich ließ sich das Thema auch vortrefflich populistisch ausschlagen, um Madrid den Schwarzen Peter an der Wirtschafts- und Finanzkrise zuzuschieben. „Wir waren bereit, mehr zu zahlen, um ärmere Regionen in Spanien zu unterstützen, aber es ging zu weit“, schrieb Kataloniens Regionalpräsident Artur Mas in einem Gastbeitrag in der New York Times. „Pro Kopf erhalten die Katalanen jetzt weniger aus dem Topf der öffentlichen Ausgaben als mehr als die Hälfte der anderen spanischen Regionen, obwohl wir viel mehr zu den Einnahmen beitragen als der Durchschnitt.“

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

08.04.2014, 20:24 Uhr

Hört sich so an wie in Belgien. Auch da wollen die Flamen nicht mehr für den Rest (Wallonen etc.) blechen.

Account gelöscht!

09.04.2014, 07:36 Uhr

Spanien ist keine Demokratie!
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Spanien ist eine Diktatur wie zu Francos Zeiten.
Catalonia darf sich nicht von Spanien verabschieden. Es ist immerhin die reichste Kolonie Spaniens.
Das wäre das Gleiche, als wenn Bayern sich von Deutschland als autonom erklären würde. Dem würde Berlin NIE zustimmen!

„Dieses Vorhaben ist mit der spanischen Verfassung nicht vereinbar“, sagte Rajoy im Parlament. „Man beansprucht eine Souveränität, die es nicht gibt“, hielt der Regierungschef den Katalanen vor. „Die spanische Verfassung kennt keine provinzielle oder lokale Souveränität.“ Es sei nicht wahr, dass die Katalanen vom übrigen Spanien unterdrückt würden.

Franco hatte seinerzeit Catalan als Sprache verboten.

Account gelöscht!

09.04.2014, 07:41 Uhr

Wie passen diese beiden Absätze zusammen?

"Denn die Region bildet zusammen mit dem Baskenland das industrielle Herz Spaniens. Vor allem die Autoindustrie und ihre Zulieferer sind in Katalonien ansässig, aber auch die Pharmaindustrie oder die Lebensmittelindustrie haben große Werke in der Region. Von deutscher Seite produziert etwa Seat ausschließlich in Katalonien. Auch BASF hat seine wichtigsten spanischen Standorte in und um Barcelona. "

und

"Es gibt keine Finanzierung durch die Europäische Zentralbank mehr, auch keinen freien Verkehr der Arbeiter, Waren, Dienstleistungen und des Kapitals.“ All dies, so warnen die Wirtschaftsvertreter, hätte „verheerende Folgen für die Wirtschaft in Katalonien.“

Wenn sich das industrielle Potential neben dem Baskenland besonders auf Katalonien konzentriert, sehe ich eigentlich keine Probleme kommen, die nicht künstlich herbeigeredet werden, zumal die ständige zahlerei an die armen Gegenden wegfällt. Ich bin kein Volkswirt, aber das prognostizierte Horrorszenario leuchtet mir nicht ein. Geht's hier vielleicht nur darum, daß man den katalonischen Zahlesel nicht verlieren will? Irgend wie sehe ich da ein ähnliche Verhältnis wie von Deutschland zur Eurozone: Wer ordentlich schafft, soll gefälligst auch noch für die anderen blechen.

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