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23.05.2016

19:29 Uhr

Sparpaket in Griechenland

„Am Schluss verkaufen sie noch die Akropolis“

Zu Tode gespart: Dieses Gefühl haben viele Griechen angesichts der neuen Sparrunde. Viele fürchten die Folgen für die ohnehin geschwächte Wirtschaft. Nur ein Grieche dürfte sich derzeit so richtig erleichtert fühlen.

„Am Schluss verkaufen sie noch die Akropolis und besteuern uns die Luft zum Atmen!“ dpa

Akropolis in Athen

„Am Schluss verkaufen sie noch die Akropolis und besteuern uns die Luft zum Atmen!“

AthenDie Griechen schlucken schwer am gewaltigen Sparpaket, das ihre Regierung geschnürt hat. Tanken, Rauchen, Telefonieren, Essen - für die Griechen wird vieles teurer wegen höherer Steuern. Viele haben Angst vor den Folgen für die ohnehin geschwächte Wirtschaft, noch mehr haben resigniert, was die eigene Lage betrifft. Nach Ansicht vieler ist die Situation aussichtslos – nicht zuletzt, weil es aus ihrer Sicht weiterhin keine richtigen Reformen gibt.

Steuerberater Nikos Wrousis betreut im Athener Vorort Nea Filadelfia kleine Unternehmen. Er sagt, Regierungschef Alexis Tsipras habe sich „für den Weg des geringsten Widerstands entschieden“. Zunächst habe man Rentenkürzungen mit einem Umfang von 1,8 Milliarden Euro verabschiedet und die Einkommenssteuer erhöht, damit weitere 1,8 Milliarden in die Staatskassen fließen.

Das wird teurer in Griechenland

Mehrwertsteuer

Sie wird vom 1. Juni an von 23 Prozent auf 24 Prozent erhöht. Betroffen sind fast alle Lebensmittel, etwa Mehl, Speiseöle, Schokolade, Wurst, Honig, Zwieback, Eis, Pfeffer, sogar Kaugummi. Auch die Fahrkarten der öffentlichen Verkehrsmittel sowie Schuhe und Kleidung werden teurer. Zudem wird der um 30 Prozent reduzierte Mehrwertsteuersatz für mehrere kleinere Inseln abgeschafft. 

Pay-TV

Wer einen PAY-TV-Anschluss hat, muss vom 1. Juni an eine zehnprozentige Sondersteuer darauf zahlen.

Treibstoffe

Ab 1. Januar 2017 wird bleifreies Benzin um 3,7 Cent pro Liter teurer. Zehn Cent teurer wird Diesel. Um 12,4 Prozent steigt der Preis von Gas. Auch auf Heizöl wird eine neue Steuer in Höhe von 6,2 Cent pro Liter erhoben.

Telefonie und Internet

Die Rechnungen für Festnetz- und Internetanschlüsse werden mit einer Sondersteuer in Höhe von fünf Prozent belastet. 

Tabak

Eine Packung Zigaretten (20 Stück) kostet ab dem 1. Januar 2017 im Durchschnitt 50 Cent mehr. Ein entsprechender Aufschlag wird auch für das Nikotingemisch von elektronischen Zigaretten erhoben.

Hotelübernachtungen

Wer in Hotels oder Pensionen übernachtet, muss von 2017 an pro Nacht je nach Kategorie zwischen 25 Cent und vier Euro zusätzliche Übernachtungspauschale zahlen.

Immobiliensteuern

Eine Sondersteuer für Immobilien wird erhöht. Wer eine Immobile besitzt, deren Wert 200.000 Euro übertrifft, soll statt bislang nichts ab 2017 50 Euro jährlich zahlen. Für einen Immobilienbesitz, dessen Wert zwischen 500.000 Euro und 600.000 Euro liegt, müssen statt bislang 1.500 ab 1. Januar 2017 dann 3.000 Euro jährlich gezahlt werden.

Privatisierung

Ein neuer Privatisierungsfonds unter Kontrolle der Gläubiger soll entstehen. Der Fonds soll zum Beispiel mehr als 70.000 staatseigene Wohnungen, Häuser, Hotels, Ski-Gebiete, Anlagen und Hallen der Olympischen Spiele von 2004, dazu Jachthäfen und Golfanlagen verkaufen. Sogar das Olympiastadion von Athen soll unter den Hammer kommen. Privatisiert werden sollen etwa auch zahlreiche Häfen und Regional-Flughäfen. Auf der Liste stehen auch die griechischen Eisenbahnen, die Busse, U-Bahnen und Stadtbahnen von Athen sowie die Wasserwerke von Athen und Thessaloniki.

Schuldenbremse

Weicht Athen von seinen Sparzielen ab, tritt überdies eine automatische Schuldenbremse ein. Möglich sind dann weitere Lohn- und Rentenkürzungen sowie Einschnitte bei den Ausgaben des Staates.


„Weil der Staat aber weiß, dass die Steuerbehörden dem Steuerbetrug niemals Herr werden, haben sie zusätzlich indirekte Steuern eingeführt, um weitere 1,8 Milliarden Euro einzunehmen“, sagt Wrousis. „Nach dem Motto: Dann holen wir uns das Geld eben an anderer Stelle.“ Ihn und viele seiner Landsleute ärgert dabei, dass die Ärmeren die Rechnung zahlen. „Dem Reichen ist es doch egal, ob seine Zigaretten teurer werden, ob der Sprit mehr kostet, das Internet, die Lebensmittel!“, schimpft Wrousis

Ganz abgesehen davon, dass die Konsumbereitschaft der Griechen weiter sinken dürfte. „Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem wirklich niemand mehr in mein Taxi steigt“, entrüstete sich ein Athener Taxifahrer am Montag. Seine Situation beschreibt er so: „Ich zahle also künftig höhere Beiträge für Krankenversicherung und Sozialleistungen. Außerdem wird mein Einkommen höher besteuert. Dann finanziere ich das Ganze noch durch die gestiegene Mehrwertsteuer und unzählige andere indirekte Steuern - und dabei habe ich kaum noch Kunden!“

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