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24.10.2013

20:23 Uhr

Sparpolitik

Musterschüler Irland

VonMatthias Thibaut

Irland will den Euro-Rettungsschirm ESM verlassen. Berlin und Brüssel loben den Sparwillen. Langsam kommen die Dinge auf der Insel wieder in Fahrt. Aber es ist zu früh für ein positives Abschlusszeugnis für die Iren.

Sind sparmüde geworden: Politiker, Kleriker und Arbeitergeber fordern in seltener Allianz ein Ende des Spardiktats. dpa

Sind sparmüde geworden: Politiker, Kleriker und Arbeitergeber fordern in seltener Allianz ein Ende des Spardiktats.

DublinFast genau an dem Tag, an dem Irlands Finanzminister Michael Noonan seinen abschließenden Sparhaushalt vorstellte, um dann den Euro-Rettungsschirm der Troika feierlich und erleichtert zuzuklappen, kam Dublins teuerstes Haus wieder auf den Markt. Mag der Preis von zwölf Millionen Euro den Iren laut „Irish Times“ das „Wasser in die Augen“ treiben, er ist ein Zeichen der Hoffnung. Langsam kommen die Dinge wieder in Fahrt. Dubliner kennen das Haus, 1, Sorrento Terrace. Auf den ersten Blick ist es ein großes viktorianische Reihenhaus, auf den zweiten ein geräumiger Palast mit Gästehaus und Meerblick nach allen Seiten. Bei seinem letzten Marktauftritt 2007 sollte es 30 Millionen Euro kosten.

Irland hat eine der eindrucksvollsten Immobilienblasen der Nachkriegszeit und in der Folge eine Bankenkrise hinter sich, die das Land wirtschaftlich fast verwüstete. Nun sprießen sogar im Immobiliensektor wieder zarte Pflänzchen. Sogar der Bausektor, seit dem Crash von 25 Prozent der Wirtschaftsaktivität auf sechs Prozent geschrumpft, verzeichnet wieder ein zaghaftes Wachstum. Ministerpräsident Enda Kenny begleitete den Sparhaushalt und die geplante Rückkehr Irlands an die Anleihemärkte mit süßen Worten: Die Ära der Sparsamkeit, behauptete er, „nähert sich dem Ende“.

Krisenländer im Check

Portugal

- LICHT: Das Land steckt in der tiefsten Rezession seit den 1970er-Jahren. Doch der Abwärtsstrudel verliert an Stärke: Die Arbeitslosenquote sank im Mai und im Juni, das Geschäftsklima hellte sich sieben Monate in Folge auf. Die gesamte Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal überraschend um 1,1 Prozent, es war das erste Plus seit rund zweieinhalb Jahren.

- SCHATTEN: Die jüngste Regierungskrise hat Investoren verunsichert und Zweifel geschürt, dass sich Portugal ab Mitte 2014 wieder vollständig über den Finanzmarkt finanzieren kann. Nur ein Rettungspaket über 78 Milliarden Euro bewahrte das Land vor der Staatspleite.

Zypern

- LICHT: Die Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds hat dem Euro-Land jüngst Fortschritte bei der Sanierung seines Staatshaushalts bescheinigt. Die internationalen Geldgeber müssen Zypern mit insgesamt rund zehn Milliarden Euro vor der Staatspleite retten.

- SCHATTEN: Wegen des harten Sparkurses als Gegenleistung für das Rettungspaket steht Zypern konjunkturell noch ein tiefes Tal bevor. Die Arbeitslosenquote stieg zuletzt stetig auf gut 17 Prozent – dies ist hinter Griechenland, Spanien, und Portugal der höchste Wert in der EU. Im zweiten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 1,4 Prozent. Für das Gesamtjahr 2013 sagt die EU-Kommission ein Minus von 8,7 Prozent voraus.

Irland

- LICHT: Die Immobilienkrise, die das Land in den Abgrund getrieben hat, nähert sich ihrem Ende. Die Hauspreise stiegen im Juni erstmals seit Ausbruch der Misere wieder, und zwar um durchschnittlich 1,2 Prozent zum Vorjahresmonat. Sie waren seit 2008 um rund 50 Prozent eingebrochen. Dadurch erlitten die Banken des Landes milliardenschwere Verluste. Sie mussten mit Steuergeldern gerettet werden, was wiederum den Staat an den Rand der Pleite trieb. Da die Regierung zahlreiche Reformen umgesetzt hat, hob die Rating-Agentur S&P ihren Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Landes von „stabil“ auf „positiv“ an.

- SCHATTEN: Die Konjunktur läuft schlechter als erwartet, die Wirtschaft schrumpfte zuletzt drei Quartale in Folge. Die Notenbank senkte deshalb ihre Wachstumsprognose für 2013 von 1,2 auf 0,7 Prozent. Damit wird es auch schwerer, das Defizit wie geplant auf 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu drücken.


Frankreich

- LICHT: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone galt zuletzt als Sorgenkind. Nun verließ das Land aber die Rezession – und das mit deutlich mehr Schwung als erwartet. Im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent und damit mehr als doppelt so schnell wie erwartet.

- SCHATTEN: Die Lage bleibt fragil. Die Regierung in Paris hatte zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, dass das Bruttoinlandsprodukt 2013 leicht schrumpft. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen. Zudem hat die Regierung Mühe, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Präsident François Hollande, dessen Popularität auf Tiefstwerte gerutscht ist, räumte kürzlich ein, Frankreich könnte sein Defizitziel von 3,7 Prozent der Wirtschaftskraft 2013 verfehlen. Der Internationale Währungsfonds legte Frankreich bereits nahe, aus Rücksicht auf die Konjunktur die Haushaltskonsolidierung abzubremsen.


Italien

- LICHT: Auch Italien hat ein Ende der Rezession vor Augen. Von April bis Juni schrumpfte die Wirtschaft zwar das achte Quartal in Folge, mit 0,2 Prozent aber nur halb so stark wie befürchtet. Zuletzt mehrten sich die Hinweise darauf, dass Italien der Dauer-Rezession in den Sommermonaten entkommen kann: Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe wuchs im Juni mit 0,3 Prozent den zweiten Monat in Folge, der Einkaufsmanager-Index für die Industrie stieg im Juli auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren, der Einzelhandelsumsatz legte nach 14-monatiger Pause zuletzt wieder zu. Und auch die Kauflaune der Verbraucher besserte sich.

- SCHATTEN: Die schwache Konjunktur gefährdet die Sanierung des Haushalts. Im Juli lag das Defizit bei fast neun Milliarden Euro. Italien ist damit weit davon entfernt, die Neuverschuldung unter die EU-Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftskraft zu drücken. Gefährdet wird die Erholung auch von politischer Instabilität. Die Koalition von Silvio Berlusconis Partei Volk der Freiheit und der linken Demokratischen Partei hing zuletzt am seidenen Faden. Mit Warnungen vor einem Bürgerkrieg und Rücktrittsforderungen von Ministern und Abgeordneten machte das rechte Lager gegen die Verurteilung Berlusconis Front, der vom Obersten Gerichtshof zu vier Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verdonnert worden war.

Spanien

- LICHT: Das Land nähert sich dem Ende der Dauer-Rezession. Im zweiten Quartal schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt mit 0,1 Prozent nur noch minimal. Für die zweite Jahreshälfte wird wieder ein leichtes Wachstum erwartet. Die Zahl der Arbeitslosen fiel im Juli den fünften Monat in Folge – um knapp 65.000 auf 4,7 Millionen. Hauptgrund dafür ist der Aufwind der Tourismusindustrie, die in der Ferienzeit viele zusätzliche Mitarbeiter benötigt. Die Branche macht etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Auch einige Banken lassen die Krise nach der geplatzten Immobilienblase allmählich hinter sich. Branchenprimus Santander steigerte seinen Überschuss im ersten Halbjahr um 29 Prozent auf 2,25 Milliarden Euro.

- SCHATTEN: Die Industrie kommt nicht auf die Beine. Die Unternehmen drosselten ihre Produktion im Juni bereits den 22. Monat in Folge. Der Rückgang zum Vorjahresmonat fiel mit 1,9 Prozent sogar deutlicher aus als erwartet. Sorgen bereitet zudem das hohe Defizit. Der Staat musste bereits mehrfach den Reservefonds der Sozialversicherung anzapfen, um Pensionszahlungen leisten zu können. Spanien leidet immer noch unter den Folgen des 2008 geplatzten Immobilienbooms. Offiziellen Angaben zufolge sind die Grundstückpreise seit ihrem Höhepunkt 2007 um 43 Prozent eingebrochen. Immobilienexperten gehen sogar von einem Minus von mindestens 70 Prozent aus. Banken mussten deshalb milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. Das Geld fehlt nun, um es in Form von Krediten an Unternehmen zu vergeben.

Griechenland

- LICHT: Der Tourismus brummt wieder. In diesem Jahr werden 17 Millionen Urlauber erwartet und damit so viele wie noch nie. Die Branche rechnet mit einem Umsatzplus von zehn Prozent auf elf Milliarden Euro. Der Tourismus macht etwa 17 Prozent der Wirtschaftsleistung aus; jeder fünfte Grieche arbeitet in dieser Branche. Auch bei der Sanierung der Staatsfinanzen kommt das Land langsam voran. Der Primärhaushalt – bei dem die Zinskosten nicht berücksichtigt werden – wies in den ersten sieben Monaten völlig unerwartet einen Überschuss von 2,6 Milliarden Euro aus.

- SCHATTEN: Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal mit 4,6 Prozent so langsam wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Doch das reicht längst nicht aus, um neue Jobs zu schaffen. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit mit 27,4 Prozent sehr hoch. Die Zentralbank geht davon aus, dass sie noch bis auf 28 Prozent steigen wird. Erst 2015 soll sie zurückgehen.

Irland wurde mit einer Rosskur ohnegleichen zum „Musterknaben“ der Sparpolitik  und zum Ausstellungsstück für das vor allem in Berlin gemachte Euro-Krisenmanagement. „Griechenland hat ein Rollenmodell und es heißt Irland”, sagte der damalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet 2010, als Irlands Lauf durch die Sparwüste gerade erst richtig begonnen hatte.

Nun, wo Irland scheinbar erfolgreich von der Zucht des Rettungsschirms Abschied nehmen und sich wieder auf die eigenen Kräfte und das Vertrauen der Anleihenmärkte verlassen will, gilt das Land erst recht als Beweis, dass der von Brüssel und Berlin verordnete Sparkurs zukunftsfähig ist.

Stolz sind die Iren auf diese Musterrolle aber nicht. Sie kommentierten sie vielmehr gerne mit bittersüßem, sarkastischem Witz. Wie die Fußballfans, die während der Europameisterschaft 2012 eine irische Fahne aufrollten, auf der stand: „Angela Merkel denkt, wir sind bei der Arbeit“.

In sechs Jahren Sparkurs, seit 2010 unter Aufsicht von Troika und Rettungsschirm, wurden in Irland nicht nur die Immobilienpreise abgespeckt. Auch die Löhne sanken, das Wachstum und das Bruttoinlandsprodukt (um 17 Prozent seit 2008), die Beamtengehälter, die Renten und das Kindergeld. 17 Prozent der berühmten irischen Pubs machten dicht, als neueste Sparmaßnahme sollen 83 Kreisgemeinden ihre Unabhängigkeit verlieren.

Kommentare (4)

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pro-d

24.10.2013, 20:58 Uhr

es gibt eine irische Sprache
es gibt eine englische Sprache

aber das ist NICHT das Selbe.

Die Irische Ursprache entspricht in vielen Elementen der dt. Sprache.

Rechner

24.10.2013, 21:25 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Pro-d

25.10.2013, 09:42 Uhr

Wow, ein echter Fachmann hat sich hier aber zu Wort gemeldet.

Hihi, ich sagte, dass es vielen Elementen sich entspricht, dass es das Selbe sein soll, ist wohl ihr Wunschdenken. Wissen Sie denn auch um die Besonderheiten der dt. Grammatik?

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