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08.03.2014

13:08 Uhr

SPD gegen „weiche Sanktionen“

Politik streitet über Boykott der Fußball-WM in Russland

Nachdem Unions-Politiker Michael Fuchs angesichts der Krim-Krise Russland als Austragungsort für die Fußball-WM 2018 in Frage gestellt hatte, weisen SPD und Linke die Forderung nach einem Boykott scharf zurück.

Heftig umstritten: Fifa-Chef Joseph Blatter gibt im Dezember 2010 bekannt, dass die Fußball-WM 2018 in Russland ausgetragen wird. Imago

Heftig umstritten: Fifa-Chef Joseph Blatter gibt im Dezember 2010 bekannt, dass die Fußball-WM 2018 in Russland ausgetragen wird.

BerlinSpitzenpolitiker von SPD und Linken haben mit scharfer Kritik auf die Forderung von Unionspolitiker Michael Fuchs (CDU) reagiert, die Fußball-WM 2018 in Russland zu überdenken. „Im Augenblick der besorgniserregenden Krise um die Ukraine und die Krim ist die Stunde der besonnenen Diplomatie und der abwägenden Vernunft. Gefragt sind da eher außenpolitische Entspannungsbemühungen und nicht verbale Kraftmeierei von den Zuschauertribünen“, sagte der SPD-Bundesvize Ralf Stegner Handelsblatt Online.

Die Eskalation der „verbalradikalen Interviews und Sanktionsforderungen“ nutze niemandem, vor allem nicht den Menschen in der Ukraine, sagte Stegner weiter. Und das beeindrucke sicher auch weder die Machthaber in Moskau noch die in Kiew. „Insofern halte ich von immer neuen Drohungen gar nichts und setze eher auf die diplomatischen Bemühungen von (Außenminister) Frank-Walter Steinmeier und anderen.“

Der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, erklärte, Boykott sei Unfug. „Da wollen ein paar kalte Fußballkrieger die Krimkrise nutzen, um Stimmung zu machen“, sagte Riexinger Handelsblatt Online. „Die Logik der Eskalation führt unweigerlich in Konfrontation.“ Fußball dagegen baue Brücken.

Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas und Öl

Gas

Deutschland kann aus eigenen Quellen gut zehn Prozent seines Bedarfs decken. Der Rest wird überwiegend aus Norwegen (gut ein Viertel) und den Niederlanden (knapp ein Fünftel) geliefert. In unterirdischen Speichern wird im Regelfall der Bedarf für mindestens zwei Monate vorgehalten. Russland ist somit größter Lieferant beider Brennstoffe für Deutschland. Beim Gas bezieht auch die EU insgesamt rund ein Viertel ihres Verbrauchs aus Russland.

Gastransport

Die Hälfte des russischen Gases nimmt den Weg über die Ukraine. Da beide Länder schon häufig über Preise, Transitgebühren und Lieferungen stritten und zeitweise die Versorgung unterbrochen war, wurden in Europa Alternativen gesucht. So wurde die Pipeline Nord Stream, die von Russland über den Ostseegrund direkt nach Deutschland führt, gebaut. Sie ist nicht ausgelastet und könnte weiteres Gas aufnehmen, sollte über die Ukraine nicht mehr geliefert werden. Daneben strömt ein großer Teil des Brennstoffes auch über die Jamal-Pipeline über Weißrussland und Polen nach Deutschland.

Ein weiterer Weg wäre der Import von flüssigem Erdgas etwa aus dem Nahen Osten über Tanker nach Deutschland. In der Bundesrepublik gibt es aber kein Terminal zum Entladen. Auch eine Einfuhr etwa über Rotterdam spielt kaum eine Rolle.

Gaseinsatz und -preis

Gas wird in Deutschland zum Heizen, für die Industrie und die Stromherstellung gebraucht. Letztere hat im Zuge der Energiewende an Bedeutung verloren, da die Kraftwerke durch Ökostrom-Anlagen verdrängt werden.

Daran ändert auch der Druck auf die Gaspreise weltweit nichts. Zwar steigt der Energiehunger in China und Indien. Auf der anderen Seite aber hat der Boom der Schiefergas-Gewinnung, dem sogenannten Fracking, die USA von Importen unabhängig gemacht. Das Land will nun sogar Gas ausführen. Auch die Ukraine wollte das Potenzial von Schiefergas nutzen und sich unabhängiger von Russland machen. Das erste Projekt zur Schiefergasförderung wurde Anfang 2013 zwischen der ukrainischen Regierung, dem Konzern Royal Dutch Shell und dem ukrainischen Partner Nadra geschlossen. Es geht um eine Fläche von der Größe des Saarlands. Der russische Gasmonopolist Gazprom hatte sich angesichts der Fracking-Konkurrenz zuletzt verstärkt bemüht, den Absatz nach Westeuropa zu sichern.

Öl

Russland ist auch Deutschlands größter Öllieferant. An Position zwei und drei liegen Großbritannien und Norwegen mit jeweils um die zehn Prozent. Auch Libyen, Nigeria und Kasachstan spielen ein Rolle. Gespeichert wird in Deutschland Öl für den Bedarf von mindestens 90 Tagen.

Transport

Der größte Teil des russischen Öls kommt über die Pipeline Druschba (Freundschaft) über Weißrussland und Polen ins brandenburgische Schwedt. Ein zweite Leitung führt über das Gebiet der Ukraine.

Öleinsatz und -preis

Öl wird als Treibstoff, für die Chemie, aber auch in vielen anderen Grundstoff-Industrien benötigt. Auch als Heizöl wird es in Deutschland oft eingesetzt. Der Preis ist nach jahrelangem Anstieg auf dem Weltmarkt etwas zurückgegangen. Die EU und Deutschland versuchen sich über den Einsatz von Biokraftstoffen und Elektroautos langfristig unabhängiger von Erdöl zu machen. Die Abhängigkeit bleibt aber für die kommenden Jahrzehnte hoch.

In der schwarz-roten Regierungskoalition waren wegen der Ukraine-Krise erstmals Zweifel an Russland als Ausrichter der Fußball-WM 2018 laut geworden. „Ob es vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse wirklich angemessen ist, in vier Jahren eine Fußballweltmeisterschaft in Russland auszurichten, das kann man durchaus infrage stellen“, sagte der stellvertretende Unions-Fraktionschef Michael Fuchs der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) vom Samstag.

Solche „weichen Sanktionen" müssten Teil eines breiter angelegten Vorgehens sein, sagte der CDU-Politiker laut Vorabbericht. Dazu gehöre, die Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen aus Russland zu überdenken. „Ich halte es für angebracht, dass sich die deutsche Wirtschaft mehr um alternative Bezugsquellen für Gas und Öl kümmert“, sagte Fuchs.

Damit würden Deutschland und Europa weniger erpressbar. Fuchs verwies auf alternative Bezugsquellen am Kaspischem Meer, Nordafrika oder durch Tanker, die verflüssigtes Gas aus Südamerika, der arabischen Halbinsel oder aus Amerika nach Europa brächten. Laut Bundesregierung stammten zuletzt 35 Prozent des deutschen Verbrauchs aus Russland.

Rückdeckung bekommt Fuchs von ungewohnter Stelle: „Sollte Russland seine Soldaten nicht von der Krim zurückziehen oder sogar weitere Landesteile der Ukraine besetzen, darf aus meiner Sicht keine WM in Russland stattfinden", sagte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth der „BamS“. Die Grünen-Politikerin fordert den Weltfußballverband auf, auf den Konflikt zu reagieren: „Ich ermuntere die Fifa, Russland genauso wie Katar klar zu machen, dass man Entscheidungen für Austragungsorte auch rückgängig machen kann."

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