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02.04.2016

13:43 Uhr

Spezielle Soldaten

Israels Militär-Geheimdienst setzt Autisten ein

Soziale Kontakte fallen Autisten schwer, gleichzeitig sind sie oft hochbegabt. Israels Armee will von ihren Fähigkeiten profitieren, unter anderem bei der Aufklärung. Eine ihrer Eigenschaften ist dabei besonders nützlich.

Autisten brauchen häufig mehr Unterstützung als andere Soldaten, um sie in die Gruppe zu integrieren (Archvifoto). Reuters

Israelischer Soldat

Autisten brauchen häufig mehr Unterstützung als andere Soldaten, um sie in die Gruppe zu integrieren (Archvifoto).

Tel AvivDer junge Mann in olivgrüner Uniform sitzt am Bildschirm, in einem Büro in einem verspiegelten Tel Aviver Hochhaus. Schai kann Stunden damit verbringen, akribisch nach Fehlern in einem Computerprogramm zu suchen. Der Soldat in einer Einheit des israelischen Militär-Geheimdienstes ist Autist – soziale Kontakte fallen ihm schwer, gleichzeitig ist er technisch hochbegabt. Was ihn besonders macht, ist also Stärke und Schwäche zugleich. „Ich finde mich eigentlich ganz normal, und ich glaube, andere sehen das genauso“, sagt Schai. Gleichzeitig fällt es ihm sichtbar schwer, länger Blickkontakt mit Gesprächspartnern zu halten.

Israels Armee beschäftigt Dutzende solcher Soldaten mit Autismus-Spektrum-Störungen und profitiert dabei von Sonderbegabungen, über die Autisten häufig verfügen. Am Welt-Autismus-Tag am Samstag soll für die Entwicklungsstörung sensibilisiert werden, deren Ursachen noch nicht geklärt sind.

Schai ist für die Qualitätssicherung von Computerprogrammen zuständig, die Experten des Militärgeheimdienstes entworfen haben. Er arbeitet dabei mit Noam zusammen, der ebenfalls Autist ist. Ausgebildet wurden die beiden jungen Männer mit einem Kurs, den die Armee zusammen mit einem College in Kiriat Ono bei Tel Aviv ausrichtet.

Dem 19-jährigen Noam merkt man die Kommunikationsstörung im Gespräch kaum an. Doch er sagt, er müsse mehr auf sich achten als andere Soldaten. „Ich kann nicht gut mit Stress umgehen“, sagt er und lächelt. „Ich brauche mehr Stunden zuhause, um mich wieder zu beruhigen. Wenn ich nicht die Diagnose Autist hätte, würde die Armee mir das nicht erlauben.“

Kapitän Oded leitet in der Einheit das Programm „Roim Rachok“, hebräisch für „in die Ferne sehen“. Ziel des Pilot-Projekts ist es, auch Autisten den Militärdienst zu ermöglichen. Die Diagnose Autismus wird in Israel immer häufiger gestellt, sie betrifft mittlerweile eines von 100 Kindern. Menschen mit körperlichen Behinderungen oder psychischen Störungen sind vom Militärdienst befreit, der sonst obligatorisch ist, knapp drei Jahre für Männer und zwei Jahre für Frauen. Sie können sich aber freiwillig melden. 2014 haben sich insgesamt 1031 Israelis freiwillig zum Armeedienst gemeldet, fast doppelt so viel wie 2010.

Diagnose Autismus

Was ist Autismus?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Autismus als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“. Diese beginnt gewöhnlich im frühkindlichen Alter und zieht sich durch das gesamte Leben. Allerdings unterscheiden sich die Ausprägungen. Deshalb ist heute oft von der Autismus-Spektrum-Störung die Rede. Der Begriff soll zeigen, dass es auch Übergänge zwischen den einzelnen Formen gibt.

Was sind Merkmale für Autismus?

Experten definieren drei Kernbeeinträchtigungen, die auf alle Formen von Autismus zutreffen: Beeinträchtigung bei der sozialen Interaktion, Beeinträchtigung bei der Kommunikation – bei der Sprache sowie bei nonverbaler Kommunikation – und auffällige Fixierungen auf bestimmte Interessen.

Welche Formen von Autismus gibt es?

Autismus kann in verschiedenen Ausprägungen auftreten. Experten unterscheiden mehrere Formen, hauptsächlich zwischen dem frühkindlichen Autismus, dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus.

Was sind Anzeichen für frühkindlichen Autismus?

Der frühkindliche Autismus beginnt in den ersten drei Lebensjahren. Er zeigt sich zum Beispiel durch ein gestörtes Kontaktverhalten oder verzögerte Sprachentwicklung. Die ersten Anzeichen können sich auch im Spiel zeigen, etwa durch immer die gleichen Bewegungen oder Handlungen. Der Autismus ist gewöhnlich eine geistige Behinderung, teilweise können Menschen mit frühkindlichen Autismus aber auch normal bis hochintelligent sein.

Was sind Anzeichen für das Asperger-Syndrom?

Der wesentliche Unterschied zum frühkindlichen Autismus zeigt sich darin, dass Asperger-Autisten gewöhnlich keine verzögerte Sprachentwicklung oder beeinträchtigtes kognitives Verhalten aufweisen. Asperger-Autisten haben oft ein ausgeprägtes Spezialinteresse. Ihr Verhalten kann, wie bei frühkindlichen Autisten auch, zwanghaft sein und ständig wiederholt werden. In der Kommunikation kann es Probleme dadurch geben, dass Asperger-Autisten nonverbale Kommunikation – etwa Gestik und Mimik – nicht wahrnehmen oder deuten können. Asperger-Autisten weisen gewöhnlich eine normale bis hohe Intelligenz auf.

Was sind Anzeichen für atypischen Autismus?

Der atypische Autismus unterscheidet sich insofern vom frühkindlichen, als dass die Anzeichen auch nach dem dritten Lebensjahr auftreten können oder nicht alle drei Kernmerkmale aufweisen.

Was kann ein Autist auf dem Arbeitsmarkt leisten?

Das kommt auf die Form von Autismus an. Voraussetzung für einen Job sind kognitive Fähigkeiten. Nach Angaben von Hermann Cordes, erster Vorsitzender am Institut für Autismusforschung in Bremen, sind nur sehr wenige Autisten für den Arbeitsmarkt interessant. Etwa 40 bis 50 Prozent der Autisten sind schwerbehindert und finden nicht oder nur sehr selten in das Berufsleben, auch für die anderen 35 bis 50 Prozent ist der Arbeitsmarkteintritt selten. Aber auch bei den zehn bis fünfzehn Prozent, die einen Beruf ergreifen können, gibt es Unterschiede. Manche können ohne große Probleme Karriere machen, andere scheitern immer wieder an kommunikativen oder sozialen Schwierigkeiten.

Eine für Autisten typische Liebe zum Detail sei für den Geheimdienst besonders nützlich, erklärt Kapitän Oded. Teilnehmer des Programms werden vor allem zur Auswertung von Luftbildern und im Computerbereich eingesetzt. „Sie achten auf jede kleine Veränderung und sind extrem gründlich“, sagt er. Autisten hätten auch wenig Probleme mit Routineaufgaben und häufigen Wiederholungen. „Es ist eine Sisyphusarbeit, die nicht jeder leisten kann.“

Auch die Geheimdiensteinheit 9900 – bekannt als „die Augen des Landes“ – verlässt sich bei der Satellitenüberwachung auf Autisten. Ihre hohe visuelle Sensibilität macht es ihnen leicht, auch minimale Veränderungen zu erkennen – und so etwa Truppenbewegungen, Raketen-Abschussrampen oder Waffenlager zu entdecken.

Doch nicht alles ist rosig. Es sei nicht immer einfach, die Autisten in die Gruppe zu integrieren, erklärt Kapitän Oded. „Sie brauchen mehr Unterstützung als andere Soldaten.“ Das Programm werde auch von Therapeuten begleitet. „Sie sind hier, weil sie der Armee einen Dienst erweisen, nicht aus Mitleid“, betont der Militär aber. Gleichzeitig helfe es den Soldaten, schon während der Armeezeit einen Beruf zu lernen, der ihnen später auch ein unabhängiges Leben ermöglichen könne. „Es ist eine Win-Win-Situation.“

Von

dpa

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