Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.07.2014

06:56 Uhr

Spionageaffäre

Einfach aussitzen

VonAxel Postinett

In den USA stößt die Spionageaffäre auf wenig Interesse. Außer ein paar Politfloskeln von Senatoren ist dazu nicht viel zu hören. Die Amerikaner können die Wut in Deutschland nicht verstehen.

Merkel zum Spionage-Debakel

„Ausspionieren von Verbündeten ist Vergeudung von Kraft“

Merkel zum Spionage-Debakel: „Ausspionieren von Verbündeten ist Vergeudung von Kraft“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

San FranciscoAuch am Donnerstag zeigte sich das politische Amerika weitgehend unbeeindruckt von den Spionageskandalen in Deutschland. Der Rauswurf des Top-Repräsentanten des Geheimdienstes CIA aus Deutschland schaffte es kaum als Kurzmeldung in die TV-Nachrichten. Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte das bekannt vorkommen: Die USA wollen offenbar die Krise um zwei angebliche US-Spione und die damit verbundenen Anfeindungen schlicht auszusitzen. Mit dieser Taktik waren schon andere erfolgreich, nicht zuletzt Altbundeskanzler Helmut Kohl.

Jetzt bekommt Merkel die kalte Schulter des Ignorierens zu spüren. Amerika hat andere Probleme. Da sind zehntausende Kinder die, illegal und ohne Eltern in der Hoffnung auf ein besseres Leben über die Grenzen nach Amerika geschickt wurden, und jetzt in traurigen Auffanglagern sitzen. Da sind Republikaner, die den Präsidenten verklagen wollen, das Pulverfass Israel droht zu explodieren und die Trümmer der Irak-Politik fliegen den USA gerade um die Ohren.

Diese US-Geheimdienste sind in Deutschland aktiv

CIA

Die Central Intelligence Agency ist der Auslandsgeheimdienst. Er versorgt die US-Regierung mit Informationen, die sie für ihre Entscheidungen etwa im Kampf gegen den internationalen Terrorismus benötigt. Das Budget lag 2013 nach Recherchen der „Washington Post“ bei etwa 14,7 Milliarden US-Dollar (etwa 11 Mrd Euro).

NSA

Hauptaufgabe des militärischen Geheimdienstes National Security Agency ist die Erfassung und Auswertung elektronischer Daten weltweit und die Arbeit mit Verschlüsselungstechnik (Kryptologie). Das Budget soll sich auf etwa 10,8 Milliarden Dollar belaufen.

NRO

Das National Reconnaissance Office (Nationales Aufklärungsamt) ist das Auge und Ohr der USA im Weltraum. Es betreibt das Satellitenaufklärungsprogramm. Das Budget soll etwa 10,3 Milliarden Dollar betragen.

FBI

Die Bundesermittlungsbehörde Federal Bureau of Investigation hat neben der Verbrechensbekämpfung auch die Aufgaben eines Inlandsgeheimdienstes. Sie hat unter anderem terroristische Organisationen und ausländische Geheimdienste im Visier. Das Budget soll etwa 8,2 Milliarden Dollar betragen.

NGA

Die National Geospatial Intelligence Agency (Nationale Agentur für geografische Aufklärung) sammelt und erstellt Informationen über die Erde, die unter anderem für die nationale Sicherheit, militärische Operationen und humanitäre Hilfsanstrengungen genutzt werden. Das Budget soll bei etwa 4,9 Milliarden Dollar liegen.

DIA

Die Defense Intelligence Agency (DIA) koordiniert die Geheimdienste des US-Militärs. Sie hat nach eigenen Angaben weltweit mehr als 16 500 Mitarbeiter. Das Budget soll etwa 4,4 Milliarden Dollar betragen.

Da bleibt gerade mal genug Zeit für deutsche Empfindlichkeiten um ein paar Politfloskeln in die Runde zu werfen. Pflichtschuldig, wenn auch spät,  zeigten die demokratische Senatorin Dianne Feinstein, Vorsitzende des Geheimdienst-Ausschusses des US-Senats, und ihr republikanisches Gegenstück, Saxby Chambliss am Donnerstag zumindest ansatzweise Verständnis für die Frustration und die Verärgerung der deutschen Seite. Sie sei „tief beunruhigt“, ließ Feinstein wissen, ohne aber genau zu sagen, warum. Chambliss bemühte historische Vergleiche: Er könne sich nicht erinnern, wann jemals ein Bürochef der CIA aus einem Gastland ausgewiesen worden sei. Üblicherweise arbeiten die Büroleiter des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes mit den Geheimdienstchefs der verbündeten Länder zusammen und koordinieren gemeinsame Aktionen. Man ist ja eigentlich auf derselben Seite.

Das Weiße Haus versucht indirekt Betroffenheit durchsickern zu lassen, ohne sich wirklich äußern zu müssen. „Sie sollen nicht glauben, dass wir das auf die leichte Schulter nehmen“, versichert Regierungssprecher Josh Earnest. Allerdings könne er zu Geheimdienstbelangen eben nichts sagen. Peinlich genug ist es ja: Gleich zwei aufgedeckte Fälle im BND und Verteidigungsministerium hintereinander, das sieht gar nicht gut aus und lässt eigentlich nur eine Frage offen: Und wer noch?

Kommentare (12)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Don Zeckito

11.07.2014, 09:40 Uhr

Wer immer noch ein Vorbild in den USA sehen sollte, verwechselt immer noch den Arzneikasten mit dem Giftschrank.

Herr Daniel Arnold

11.07.2014, 09:44 Uhr

"Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte das bekannt vorkommen: Die USA wollen offenbar die Krise um zwei angebliche US-Spione und die damit verbundenen Anfeindungen schlicht auszusitzen."

Ja das sollte Frau Merkel sehr bekannt vorkommen. Selbst ist sie doch die größte Verfechterin dieser Taktik. Nun wird ihr endlich die Erbärmlichkeit eines solchen Aussitzens direkt vor Augen geführt!

Herr Helmut Paulsen

11.07.2014, 10:00 Uhr

Ich bin eigentlich ein ausgesprochener Ami-Freund, aber auch ein Russen-Freund /geworden trotz DDR-Vergangenheit).

Wir wollen den Schutz der USA und eine florierende freie Wirtschaft aber kein Drängen in Extremisten- und Drohnenkriege und gegen Russland. Deutsche sollen am Joystick Drohen steuern ? Extremisten aus aller Welt werden in Deutschland beheimatet und "ausgebildet" um als "Deutsche" in Kriege eingesetzt zu werden. Auch ein Drängen Deutschlands gegenüber Russland ist schon aus historischen Gründen unanständig. Das stört mich sehr.

Wir sind doch keine Marionetten und als Bevölkerung kein "Human-Resource-Auswahllager für int. Extremismus-Gruppen". Alles muss schon überwacht werden, schon deshalb. Darum die ganzen Flüchtlinge um besser "auswählen" zu können und "auszufragen" ?? Und Spionage gegen Deutsche und deutsche Firmen geht auch nicht.

Was geht ist Daten sammeln um Verbrechen vorbeugen und bekämpfen zu können. Auch Daten sammeln "im voraus" da hab' ich auch kein Problem mit, wenn sie unter Verschluss bleiben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×