Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.06.2012

15:22 Uhr

Staatsanleihen

EZB sagt Ratingagenturen den Kampf an

Bislang stützt sich die EZB bei der Bewertung von Staatsanleihen als Sicherheiten auf das Urteil der Ratingagenturen. Das soll sich ändern. Dies könnte den Einfluss der Agenturen mindern, aber die Standards aufweichen.

Die Ratingagentur Standard & Poors in New York. dapd

Die Ratingagentur Standard & Poors in New York.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) will den Einfluss der großen amerikanischen Ratingagenturen auf ihre Entscheidungen massiv beschneiden. Wie mehrere mit den Beratungen der Notenbanker vertraute Personen bestätigten, sollen demnach die Einschätzungen der Agenturen keine Rolle mehr bei der Bewertung von Staatsanleihen spielen, die Banken bei der Zentralbank als Sicherheiten für frische Liquidität einreichen. Hier folgt die EZB bislang weitgehend dem Urteil der Bonitätswächter, etwa wenn es um so wichtige Fragen geht, ob ein Bond überhaupt akzeptiert wird und welcher Abschlag dann als Sicherheitspuffer genommen wird.

"Falls der EZB-Rat das so entscheidet, würde zum einen der vielfach kritisierte Einfluss von Standard & Poor's, Moodys und Fitch sinken", sagte eine Person aus dem Umfeld der Notenbank, die nicht namentlich genannt werden wollte. "Zum anderen könnte der kleiner werdende Pool von Sicherheiten, den Banken aus den Schuldenländern zur Verfügung haben, so wieder um einiges größer werden."

Mit einer Entscheidung sei aber erst mittelfristig zu rechnen, bestätigten darüber hinaus mehrere andere Insider am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters in Frankfurt und europäischen Hauptstädten. Die EZB wollte sich nicht äußern. In der aktuellen Sitzung des EZB-Rats am Donnerstag werde lediglich debattiert, wie seitens der Notenbank Erleichterungen für die angeschlagenen spanischen Banken auf den Weg gebracht werden könnten, sagte eine mit den Beratungen vertraute Person. Ob es zu einer Entscheidung über Erleichterungen für die iberischen Institute kommen werde, sei aber noch völlig offen, sagte ein Notenbanker. Spaniens Banken müssen nach dem Platzen der heimischen Immobilienblase mit bis zu 100 Milliarden Euro rekapitalisiert werden. Das Geld will sich der spanische Staat beim europäischen Rettungsfonds EFSF beziehungsweise seinem Nachfolger ESM besorgen.

Der Instrumentenkasten der EZB

Die EZB soll's richten

Wieder einmal blicken alle in der Euro-Schuldenkrise gebannt nach Frankfurt: die Europäische Zentralbank (EZB) soll es im schlimmsten Fall richten, mit ihrem Waffenarsenal intervenieren und so die Märkte beruhigen.

Die Mittel der EZB

Zwar streiten sich Fachleute und auch die Notenbanker darüber, wie effektiv, nachhaltig und sinnvoll weitere Eingriffe der Geldpolitik sein könnten. Fest steht aber: die EZB verfügt als einzige Institution über einen gut gefüllten und theoretisch sofort verfügbaren Instrumentenkasten, um angeschlagenen Banken unter die Arme zu greifen, Institute im Falle eines Bank-Runs mit neuem Geld zu schützen und durch ihre Finanz-Feuerkraft wenigsten für eine begrenzte Zeit wieder für Ruhe an den Börsen zu sorgen.

Liquiditätssalven für das Finanzsystem

Vor dem Wahlsonntag in Athen verdichten sich die Hinweise, dass die großen Notenbanken der Welt gemeinsame Sache machen und die Märkte mit Geld fluten könnten. Eine solche konzertierte Aktion der Zentralbanken gab es schon einmal - Anfang Oktober 2008, kurz nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers, als weltweit die Finanzströme zu versiegen drohten.
In der aktuellen Krise rund um die Überschuldung Griechenlands und anderer südeuropäischer Länder hat bislang nur die britische Notenbank angekündigt, dass sie gemeinsam mit dem Finanzminister in London ihren Bankensektor zum Schutz vor aus Griechenland überschwappenden Problemen mit 100 Milliarden Pfund fluten will. Am Freitag sorgte die Aussicht auf eine gemeinsame Intervention der Zentralbanken zunächst für bessere Stimmung an den Märkten.

Senkung des Leitzinses unter 0,75 Prozent

Aktuell steht der Leitzins der EZB bei 0,75 Prozent. Die Notenbank kann natürlich jederzeit an dieser in normalen Zeiten wichtigsten Stellschraube drehen. Es wäre ein historischer Schritt: Noch nie seit Bestehen der Währungsunion lag der Schlüsselzins für die Versorgung des Finanzsystems mit frischer Liquidität niedriger.
Allerdings nimmt der Spielraum der EZB mit jeder weiteren Leitzinssenkung ab - schließlich rückt damit die Nulllinie unausweichlich immer näher. Fachleute erwarten, dass die Zentralbank mit weiteren Zinssenkungen so lange wartet wie nur möglich, um für den Fall echter Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie sie etwa bei einem Austritt der Griechen aus der Euro-Zone drohen würden, noch Munition zu haben.

Absenken des Einlagezinssatzes auf Null

Um den Geldmarkt wiederzubeleben und die Banken zu ermuntern mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu geben, könnte die EZB den sogenannten Einlagezinssatz auf null Prozent kappen. Dieser Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass Banken, die keiner anderen Bank mehr trauen, immerhin noch Geld dafür bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken. Bei einem Einlagezinssatz von einem Prozent entfiele der Anreiz dies zu tun. Doch ob die Banken der EZB den Gefallen tun oder das Geld dann lieber horten, ist fraglich. Aktuell parken sie jedenfalls knapp 800 Milliarden Euro in Frankfurt.

Weitere Langfrist-Refinanzierung der Banken

Im Dezember und im Februar ist es der EZB gelungen, mit zwei jeweils drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäften die Gemüter der Banker wenigstens für eine Zeit lang zu beruhigen. Damals sicherten sich die Geldhäuser insgesamt rund eine Billion Euro bei der Zentralbank zum Billigtarif von nur einem Prozent.
Einige Experten glauben, dass weitere langlaufende Geschäfte dieser Art das durch die Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone untergrabene Vertrauen wieder zurückbringen könnten. Die Banken, die sich um den Jahreswechsel bei der EZB bedient haben, sind allerdings ohnehin bis mindestens Ende 2014 abgesichert. Außerdem kann jede Bank darüber hinaus bei den wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften der Notenbank aus dem Vollen schöpfen.

Weitere Erleichterungen für das Bankensystem

Damit den Banken die Sicherheiten nicht ausgehen, die diese als Pfand bei den Refinanzierungsgeschäften mit der Notenbank stellen müssen, kann die EZB weitere Erleichterungen bei den Anforderungen beschließen. Sie kann dabei auch selektiv nach Ländern vorgehen, um gezielter zu helfen. Allerdings sind Erleichterungen bei den Sicherheiten immer auch ein Politikum, weil dadurch die Risiken steigen, die die Zentralbank durch die Refinanzierung in ihrer Bilanz ansammelt. Im Fall der Fälle müssten diese von den Steuerzahlern der Mitgliedsländer getragen werden.

Erneuter Start der Staatsanleihenkäufe

Die EZB hat seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder für mehr als 200 Milliarden Euro gekauft. Das im Fachjargon SMP (Securities Markets Programme) genannte Programm ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen in Deutschland und einigen anderen nord- und mitteleuropäischen Ländern umstritten. Es ruht derzeit, kann allerdings jederzeit wieder vom EZB-Rat in Kraft gesetzt werden.
Ob es allerdings noch seine erhofften positiven Wirkungen am Bondmarkt entfalten kann, ist unklar. Wegen der Erfahrungen bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr dürften wenige private Investoren wie Banken oder Versicherungen der EZB folgen und wieder in den Markt gehen, weil sie fürchten, dass die Zentralbank erneut einen Sonderstatus als Gläubiger durchsetzen könnte, wie sie es im Fall Griechenland getan hat.

Zusätzlicher Kauf anderer Wertpapiere

Theoretisch kann die EZB neben Staatsanleihen auch andere Arten von Wertpapieren kaufen und auf diese Weise Geld schaffen: zum Beispiel Bankschuldverschreibungen, Aktien und Unternehmensanleihen. Während der Ankauf von Bank Bonds eine durchaus denkbare Möglichkeit wäre, Liquidität bei den Banken zu schaffen, scheinen andere Wege wenig erfolgversprechend. So könnte die EZB wohl schlecht erklären, warum sie etwa Aktien von Banken kauft, nicht aber von Auto- oder Chemiekonzernen. Oder sie setzt sich dem Verdacht aus, der einen Bank mehr Aktien abzukaufen als anderen oder zum Beispiel spanische Institute deutschen oder österreichischen Banken vorzuziehen.

Weitere Reduzierung der Mindestreserveanforderung

Theoretisch kann die EZB auch ihre Anforderungen an die Mindestreserve der Banken, die diese bei ihr halten müssen, absenken. Sie hat dies um den Jahreswechsel bereits getan und den Satz ihrer gesamten Einlagen, den jede Geschäftsbank bei ihr parken muss, von zwei auf ein Prozent halbiert. Dadurch hatte sie damals eine Summe von rund 100 Milliarden Euro für die Banken freigemacht. Ein solcher Schritt würde es für Banken in Südeuropa, die wohl am ehesten unter einer Kapitalflucht leiden würden, leichter machen, Mittel flüssig zu halten.

Der Schritt ist auf den ersten Blick recht technisch, aber angesichts der Probleme in Spanien und einer in der Zukunft denkbaren Ratingherabstufung Frankreichs zugleich ein politisch höchst brisantes Thema. Grundsätzlich müssen Banken bei der EZB Wertpapiere als Sicherheiten einreichen, wenn sie von ihr Liquidität haben wollen. Im Laufe der Krise wurden die Anforderungen an diese Sicherheiten immer weiter gesenkt, da sonst die Gefahr bestanden hätte, dass immer weniger Banken in der Lage gewesen wären, sich bei der Zentralbank zu refinanzieren. Vor allem die Bundesbank hatte die Aufweichung der Regeln wiederholt kritisiert und argumentiert, dass dadurch die Risiken gestiegen sind, die die Notenbanken sich in der Krise aufgeladen hätten.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

21.06.2012, 15:32 Uhr

Jaja und wenn das essen was in die EU importiert wird vertrahlt oder vergiftet ist, setzt man eben die Höchstwerte einfach mal runter....that's EU.

Nächste Woche kommen die dann auf die Idee, Strassendreck als Goldstaub zu deklarieren, damit bald alle Europäer reich sind.

malvin

21.06.2012, 16:06 Uhr

Die Ratingagenturen sind doch quasi vorbelastet, voreingenommen. Die Herren "Theorethiker" der Ratingagenturen kommen aus einer Zeit und von ganz bestimmten Wissenschaftsfakultäten aus USA, und wir wissen ja genau, welche Theorie man dort vertritt!!! Geld raushauen bis zum umfallen, am besten von der Zentralbank!!! Und Großkapitalismus.

Nur: Das muss nicht DIE Warheit sein. Ich denke sogar, dass das immer schon ein Irrglaube war, den die Amerikaner verfolgen. Aber egal. Die Amerikaner müssen das für sich entscheiden.

Was mich jedoch nervt ist, dass die Ratingagenturen aus USA ihr USA_Schema auf den Rest der Welt übertragen. Und auf Europa udn den Euro lässt sich die Theorie nicht übertragen. Wir hätten garantiert bessere Ratings, wenn die EZB "lender of last resort" wäre.

Die Ratingagenturen funktionieren nach ihren veralteten Theorien, die die Praxis ja schon widerlegt hat. Und deswegen sind veraltete Theoretiker wie Soros, oder Rogoff, oder STiglitz, oder Roubine, ja zu aggressiv, weil sie ihr Lebenswerk verteidigen.

Man braucht einfach Ragtingagenturen, die ohne wissenschaftspholosophische Voreingenommenheit nur die nackten Fakten in die Ratings einarbeitet.

Gaffel

21.06.2012, 16:23 Uhr

Das ist leider die gängige Praxis inkompetenter oder besonders "schlauer" Politiker, die nicht das langfristige Wohl ihrer Bürger im Blickfeld haben, sondern ihr eigenes.
(- Und daher brav die falschen Argumente der Banken und Groß-Industrie nachbeten, damit sie nach ihrer aktiven Politkarierre in genau diesen Branchen einen ruhigen Posten besetzen können, der dann mit einem völlig überzogenen "Berater-Salär" versehen ist, um die geleistete Lobbyarbeit angemssen zu entlohnen.
Manch einem werden jetzt spontan Namen wie Schröder, Lambsdorf, Mappus, usw. einfallen; - aber das sind bei weitem nicht alle).
Die jetzige Situation ist so:
Europa ist finanziell fast SCHACHMATT und nur eine komplette Neuordnung des Finanzsystems mit dem Verbot aller Derivate (= FINANZWETTEN)und der strikten Kontrolle des Investmentbankings würde den Karren aus dem Dreck ziehen, denn dann stünde endlich das real existierende Kapital der real existierenden Wirtschaft zur Verfügung.
Daran haben die Finanzzocker jedoch keinerlei Interesse; - und auch unsere Politiker stört das nicht im Geringsten. Sie verlangen einfach ein Schachbrett mit mehr als 64 Feldern um dem drohenden SCHACHMATT zu entgehen...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×