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08.03.2006

10:47 Uhr

Staatsbesuch des polnischen Präsidenten

„Notfalls fangen wir bei 1945 an“

VonReinhold Vetter

Den aus Brüssel angereisten EU-Diplomaten ist das Treffen in Warschau noch gut in Erinnerung. Polens neuer Staatspräsident Lech Kaczynski betrat den Raum, während die Gäste schon am Tisch saßen. Der Gastgeber ging sofort zu seinem Platz und begann nach einer kurzen Begrüßungsformel, ein Referat zu halten, das simultan ins Englische übersetzt wurde.

WARSCHAU. Sein Vorgänger Aleksander Kwasniewski hätte erstmal jeden der Diplomaten per Handschlag begrüßt und Smalltalk betrieben. Doch Kaczynski ließ nicht einmal Fragen zu seinem Referat zu. „Auch beim anschließenden Buffet gelang es keinem von uns, ein anregendes Gespräch mit dem Präsidenten zu führen“, sagt ein Teilnehmer.

Auf dem internationalen Parkett tut sich Polens Präsident, der heute in Berlin erwartet wird, noch schwer. Bei seinen ersten Auslandreisen nach Rom, Washington, Paris, Prag und Kiew wirkte er steif und wortkarg. Das mag daran liegen, dass Kaczynski kaum Auslandserfahrungen hat, auch nicht als Privatmann. In Deutschland, immerhin westlicher Nachbar Polens, ist er nie gewesen, sieht man von einem Zwischenstopp bei einer Flugreise ab. Anders als Kwasniewski, der Deutsch, Englisch und Russisch spricht, beherrscht Kaczynski nur Russisch als einzige Fremdsprache.

Der Erfolg seines Deutschlandsbesuchs hänge ganz wesentlich davon ab, dass eine gute Gesprächsatmosphäre geschaffen werde, heißt es in Berlin: „Er muss sich bei uns wohl fühlen“, sagt ein Diplomat, der mit den Vorbereitungen zu tun hatte. Ohnehin geht es bei Kaczynskis Gesprächen hauptsächlich ums Kennenlernen, nicht um gemeinsame Erklärungen oder operative Beschlüsse.

Ein Besuch in Deutschland ist für den polnischen Präsidenten ein hartes Stück Arbeit. Seine Gesprächspartner in Berlin wissen, dass er die Deutschen mit großer Skepsis sieht. In seinem Denken spielen die tragischen Erfahrungen, die Polen während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg gemacht hat, eine große Rolle. „Dieser Besuch wird ihm emotional sehr nahe gehen“, meint Ryszard Schnepf, außenpolitischer Berater von Premier Kazimierz Marcinkiewicz. Kaczynski hasst Abhängigkeiten von großen Nachbarn, sei es nun Deutschland oder Russland. Und erst nach und nach dringen die großen Erfolge deutsch-polnischer Aussöhnung seit der deutschen Vereinigung 1989/90 und dem Systemwechsel in Polen in sein Bewusstsein.

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