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21.01.2009

21:21 Uhr

Stabwechsel in Washington

George W. Bush: Ab nach Texas

VonRüdiger Scheidges

Ab heute hat George W. Bush einen neuen Job: Er baut sich ein Museum, um seinen Platz in der Geschichte ins rechte Licht zu rücken. Inspirieren lassen könnte er sich dabei von Ronald Reagan und Richard Nixon. Zwei verblüffende Museumsbesuche - und ein äußerst schräger Architektenwettbewerb.

George W. Bush denkt schon an seinen Platz in der Geschichte, Barack Obama muss ihn sich erst noch verdienen. (Foto: AP) Quelle: ap

George W. Bush denkt schon an seinen Platz in der Geschichte, Barack Obama muss ihn sich erst noch verdienen. (Foto: AP)

SIMI VALLEY/YORBA LINDA. Weitsichtig erbittet George W. Bush vom ewigen Weltgericht der Historiker einen Aufschub ihres Urteils: "Man weiß ja nie: Man kann bis sehr lange nach seinem Dahinscheiden niemals wissen, wie die Geschichte über dich urteilen wird."

Für viele freilich steht das Urteil über den Präsidenten Bush längst fest: Niete. Doch solche Zurechtweisung ficht den aktuellsten Ex-Präsidenten der USA nicht an. Schon im Diesseits lässt er seine Sätze oft mit dem unschuldigen "You never know", man weiß ja nie, ihren störrischen Lauf nehmen. Das war so in Sachen El Kaida und Irak, und so läutete er auch seine Erklärungen zur Folter in Abu Ghraib und Guantanamo ein, und auch das Wall-Street-Debakel kürte er am Ende seiner acht Jahre mit der Einsicht: Da steckt man nicht drin.

Kein Wunder, dass Bush, mehr noch als manchen seiner Vorgänger, die Frage nach seinem Rang in der Geschichte ins Ungefähr des Jenseits verschiebt. Fragen nach Krieg und Folter, Moral und Misswirtschaft dürften in der Unendlichkeit kaum für Aufregung sorgen. Umso mehr im endlichen, politischen Diesseits. Vor allem, wenn es um die Frage geht, wen der Mantel der Geschichte umweht und was die Geschichte an Deutungen hergibt, wenn es um Schuld und Sühne geht.

Damit der Nachruhm amerikanischer Präsidenten nicht ins Uferlose haltloser Deuteleien stürzt, erhalten sie seit Franklin D. Roosevelt (1933 bis 1945 im Amt) als Nachklapp ihrer Amtszeit eine "Presidential Library" zuerkannt, eine präsidiale Bibliothek. Jedem sein eigenes Haus der Geschichte! Die Präsidentenhäuser erkennt man meist daran, dass es in unmittelbarer Nähe oder im gleichen Bau ein Präsidenten-Museum gibt. Dort erhält Geschichte ein hübsches Dach, unter das sie schlüpfen kann und wo sie domestiziert wird.

Laura Bush, die Gemahlin des frischgebackenen Ex-Präsidenten, kann das bezeugen. Unlängst hat sie zur Inspiration - sie ist die Vorsitzende des Bush-Büchereibau-Komitees - die Bücherei von Ronald Reagan in Simi Valley bei Los Angeles besucht. Ihre Erkenntnis: "Die meisten kommen dorthin, um die schönen Kleider von Nancy Reagan zu bestaunen, nicht, um die Bücherei zu sehen." - Und es stimmt: Die Garderobe Nancys in den Vitrinen ist wirklich bezaubernd schön. Nicht umsonst hat der Volksmund seine First Lady Nancy herzallerliebst als "a clothing showhorse" gerühmt, als aufgehübschtes Zirkuspferd.

Doch Laura Bush dürfte in Simi Valley noch etwas gelernt haben: je größer, je besser. Dank T. Boone Pickens, dem Öl-Milliardär, glänzt die "Reagan Library" mit einer noch profaneren, unglaublicheren Attraktion, die für George W. Bush Ansporn sein könnte. Weit mehr Besucher als alle Bücher, Kleider, Fotos von Flugzeugträgern und der nachgebaute Checkpoint Charlie ("Mr. Gorbachev, tear down this wall!") zieht der riesige "Air Force One"-Pavillon an. Öl-Tycoon Pickens hat seinem Freund Ronnie die Dienstboeing vom Typ 707 für den Flug durch Alter und Jenseits spendiert. Durch eine riesige Glaswand im Museum scheint der Düsenjet übers Simi Valley in die Ewigkeit abzuheben.

Bush wird es schwer haben, mit solchem Pomp mitzuhalten, auch wenn der Bau seines Denkmals nach dem Entwurf von Robert A.M. Stern, dem Rektor der Architekturabteilung an Bushs Alma Mater Yale, bis zu eine halbe Milliarde Dollar verschlingen wird. Während der laufende Betrieb später von Steuergeld bezahlt wird, muss ein Präsident den Bau seines Museums von Sponsoren bezahlen lassen.

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