Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.08.2013

14:06 Uhr

Stärker als Prognose

Frankreichs Wirtschaft schwächelt weiterhin

Experten hatten ein Produktionsplus prognostiziert, doch auch im Juni produzierte Frankreichs Industrie erneut weniger als in den Vormonaten. Die wirtschaftliche Erholung des Nachbarn könnte noch auf sich warten lassen.

Präsident Hollande würde sich über einen französischen Aufschwung sicherlich freuen – seine Beliebtheitswerte sind derzeit auf Tiefstniveau. Reuters

Präsident Hollande würde sich über einen französischen Aufschwung sicherlich freuen – seine Beliebtheitswerte sind derzeit auf Tiefstniveau.

ParisÜberraschend starker Rückschlag für die französische Wirtschaft: Anders als in Deutschland drosselten die Unternehmen ihre Produktion im Juni um 1,4 Prozent zum Vormonat, wie die Statistikbehörde Insee am Freitag mitteilte. Dies deutet darauf hin, dass die für Frankreich erhoffte Erholung nur schleppend verläuft. Denn von Reuters befragte Ökonomen hatten ein Produktionsplus von 0,1 Prozent erwartet, nach einem Rückgang von 0,3 Prozent im Mai. Für das gesamte zweite Quartal sieht die Bilanz etwas besser aus: Zwischen April und Juni stellten die Unternehmen 1,4 Prozent mehr her als zu Jahresbeginn. Der Ausblick für die Industrie habe sich zuletzt aufgehellt - vor allem wegen der anziehenden Konjunktur im Nachbarland Deutschland, sagte Analyst Diego Iscaro von IHS Global Insight.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

"Trotzdem, das immer noch schwierige Umfeld der Binnenkonjunktur bedeutet, dass jede Verbesserung wahrscheinlich nur gering und anfällig für Rückschläge ist", betonte Iscaro. Die nach Deutschland zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ist in die Rezession geschlittert. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte Ende 2012 und Anfang 2013 um je 0,2 Prozent. Für das zweite Quartal dieses Jahres erwarten Ökonomen aber wieder ein Wachstum, allerdings von nur 0,1 Prozent. Die französische Notenbank traut der Wirtschaft auch im laufenden Sommer-Quartal nur ein mageres Plus von 0,1 Prozent zu.

Ein Ende der Rezession käme Frankreichs Präsident Francois Hollande gelegen, dessen Beliebtheit in Umfragen auf Tiefstwerte gefallen ist. Hollande setzt auf eine baldige Erholung der Wirtschaft in den nächsten Monaten. Die Arbeitslosigkeit ist zuletzt auf Rekordwerte gestiegen.

Die Industrie-Daten zeigen erneut, dass die französische Wirtschaft der deutschen derzeit hinterherhinkt. Im Juni fuhren die Firmen in Deutschland ihre Produktion so stark hoch wie zuletzt vor rund zwei Jahren, im zweiten Quartal gab es ein Plus von 2,8 Prozent.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×