Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.11.2011

11:48 Uhr

Standard & Poor’s

War Frankreichs Herabstufung ein Test und kein Fehler?

VonTino Andresen, Yasmin Osman

Standard & Poor’s erklärt die irrtümliche Herabstufung Frankreichs mit einem Computerfehler. Doch einzelne Analysten argwöhnen, dass die Agentur die Marktreaktion testen wollte. S&P bleibt Antworten schuldig.

Breakdancer vor dem Eiffel Turm. Nach der Fehlmeldung von S & P stand auch Frankreichs Finanzwelt und Politik Kopf. AFP

Breakdancer vor dem Eiffel Turm. Nach der Fehlmeldung von S & P stand auch Frankreichs Finanzwelt und Politik Kopf.

ParisNoch immer wird in Frankreich gerätselt, wie es dazu kommen konnte, dass das Land sein Top-Rating vergangene Woche verloren hat – für eine Stunde und 43 Minuten. So viel Zeit verging am Donnerstag, zwischen einer Falschmeldung der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) um 15.57 Uhr an einige Kunden per E-Mail, wonach sie Frankreich herabgestuft habe, und der Korrektur um 17.40 Uhr. Besonders pikant daran: Seit Wochen werden immer wieder Zweifel an Frankreichs AAA laut.

Sercan Eraslan, ein Anleiheanalyst der WestLB, sagt: „In meinen Augen war das entweder ein Test, wie die Märkte auf eine Herabstufung Frankreichs reagieren würden oder tatsächlich ein signifikanter Fehler, wie er eigentlich nicht passieren darf.“ Jean-Pierre Jouyet, Chef der französischen Finanzaufsicht, pflichtet bei, Akteure wie S&P „müssen in der Lage sein, einen derartigen Vorfall zu vermeiden“. Eraslan sagt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Test war.“

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Der Fehler treibt nicht nur Politiker auf die Barrikaden. Er hat trotz aller nachträglichen Dementis die ohnehin vorhandenen Zweifel an der Kreditwürdigkeit Frankreichs genährt. So sprach der einstige Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, Jacques Attali, das aus, was viele denken: „Machen wir uns keine Illusionen: Auf den Märkten haben die (französischen) Staatsanleihen kein AAA mehr.“ Und „Le Journal du Dimanche“ berichtete, selbst französische Banken und Versicherer hätten in den vergangenen Tagen für mehrere Milliarden Euro Frankreich-Bonds verkauft, darunter das größte Geldhaus des Landes, BNP Paribas.

Die EU-Kommission stellte indirekt den vergangene Woche präsentierten neuen Sparplan infrage, indem sie Frankreich für 2012 ein Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent prognostiziert und für 2013 von 1,4 Prozent. Die Planungen der Regierung basieren auf einer (mit ein respektive zwei Prozent) deutlich optimistischeren Wachstumsannahme. Der französische Finanzaufseher Jouyet sagte zur EU-Prognose: „Das ist eine andere Art, um uns zu sagen, dass die von Frankreich angekündigten Maßnahmen nicht ausreichen, um das Ziel zu erreichen, 2013 wieder zu einem Defizit von drei Prozent zurückzukehren.“ Behielte die EU-Kommission recht, läge der Wert dann rund zwei Prozentpunkte höher.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

mmueller

15.11.2011, 12:23 Uhr

Für mich steht fest, dass es ein Versuchsballon war. Ich bin zwar nur ein EDV-Laie, aber überzeugt, dass die entsprechende Zeile der e-mail von Hand eingegeben wurde. Interessant wäre hierzu die Meinung eines EDV-Experten. Das Handelsblatt sollte weiter recherchieren.

Moika

15.11.2011, 12:28 Uhr

Die Eigentümer der Agentur haben an diesem Computerfehler sicher blendend verdient. Ich hoffe, die Börsenaufsicht kümmert sich darum.

Account gelöscht!

15.11.2011, 12:39 Uhr

Frankreich wird sein AAA ohnehin bald verlieren. Dann wird die EZB auch französische Anleihen kaufen müssen. Und in spätestens 2 Jahren ist dann alles zu Ende mit dem Euro - nämlich mit dem deutschen Staatsbankrott. Wer das nicht glaubt, hat dieses perfide Eurosystem nicht verstanden. Wer das nicht glaubt, ist ideologieanfällig - hier für dieses "politische Projekt", das propagandistisch ähnlich funktioniert wie der Sozialismus früher im Osten.
Und die Merkel schwadroniert was von "Schicksalsgemeinschaft" auf dem Parteitag. Jeder kann sich denken, was sie mit diesem Ausdruck meint: Der gemeinsame Bankrott - Alles oder NICHTS. Im NICHTS wird es enden!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×