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08.07.2012

09:15 Uhr

Star-Ökonom Nouriel Roubini

„Griechenland droht der perfekte Sturm“

VonThomas Jahn

Der US-Ökonom sagte die Finanzkrise voraus, jetzt prognostiziert er das Platzen des Euro in drei bis sechs Monaten. Im Interview beklagt Roubini die Machtlosigkeit der Politik und warnt vor dem heraufziehenden Gewitter.

Der US-Ökonom Nouriel Roubini arbeitet in New York. Reuters

Der US-Ökonom Nouriel Roubini arbeitet in New York.

Handelsblatt: Auf dem EU-Gipfel vergangene Woche wurden neue Refinanzierungsregeln für die in Schwierigkeiten geratenen Banken beschlossen. Die Börsen zeigten sich danach blendend erholt. Haben wir damit das Gröbste hinter uns?
Nouriel Roubini: Das war nur ein Schritt auf einem langen, langen Weg. Mit den beschlossenen Maßnahmen hat sich Europa Zeit erkauft, sonst nichts. Die Börse schnellt nach oben, weil Kanzlerin Angela Merkel zuvor die Erwartungen kunstvoll nach unten getrieben hat. Aber die Erleichterung wird nur kurz anhalten.

Warum?

Wir steuern auf so etwas wie einen kritischen Punkt zu. Es wird immer klarer, dass der derzeitige Ansatz nicht zu einem stabilen Gleichgewicht führt. Deutschland hofft, dass sich Italien und Spanien durchwursteln und Griechenland im Euro bleibt. Aber die Lage wird für Italien und Spanien heikel, und der Markt weiß sehr genau: Entweder bekommen wir die Fiskal-, Banken- und Transferunion - oder der Euro löst sich auf.

Aber ist es denn nicht richtig, auf Zeit zu spielen, um die Krise vorbeiziehen zu lassen?

Europa hat aber doch keine Zeit mehr. Europa ist wie ein Auto, das auf eine Mauer zurast. Jetzt muss man abbiegen. Die Euro-Zone muss sich stärker integrieren. Das heißt: Fiskalunion mit gemeinsamer Schuldenlast wie Euro-Bonds, Bankenunion und gemeinsamer Einlagensicherung. Und: Es braucht eine Transferunion für Länder wie Griechenland. Es muss ein Wachstumspakt her, der die Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellt. Immer weiter zu sparen würde die Rezession nur verschlimmern.

Vita

Der Ökonom

Nouriel Roubini wird am 29. März 1958 in Istanbul geboren und wächst später in Italien auf. Der Makroökonom studiert in Mailand, promoviert in Harvard und wird später Professor in Yale und New York. Als Forscher macht er sich einen Namen, indem er zeigt, dass Regierungen vor Wahlen zu lockererer Geld- und Haushaltspolitik neigen. Roubini arbeitet als Berater für die Weltbank und den IWF - und gehört kurzzeitig zum Beraterteam von Präsident Bill Clinton. 2004 gründet er den Analyse- und Informationsdienst „Roubini Global Economics“.

Der Visionär

Der Visionär Anders als viele seiner Kollegen erkennt „Dr. Doom“ frühzeitig die Gefahr, dass die amerikanische Immobilienblase platzen und eine Weltwirtschaftskrise auslösen könnte. Kritiker werfen ihm vor, Lust an düsteren Untergangsszenarien zu haben, verstummen aber, als sich viele seiner Prophezeiungen als wahr herausstellen. In Europa wird vielen mulmig, als er sich auch zur Euro-Krise zu äußern beginnt und vor einem Kollaps der Währungsunion und Panik an den Märkten warnt.

Fiskal-, Banken- und Transferunion sind bislang unakzeptabel für Deutschland. Wie soll das gehen?

Die Geschichte spricht ein klares Urteil. Als Bismarck Deutschland vereinte oder sich die USA bildeten: Bislang durchschritt jede erfolgreiche Währungsunion diese Phasen. Die einzige Währungsunion ohne eine Fiskal- und Bankenunion war die Vereinigung von Frankreich, Belgien und Italien vor 100 Jahren, die Lateinische Münzunion. Kein Mensch erinnert sich mehr daran. Warum? Weil sie zehn Jahre später kollabierte.

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Kanzlerin Angela Merkel sagte zu den Plänen über die Einführung von Euro-Bonds, dass dies nicht geschehen werde, solange sie lebe.

Ich verstehe die Position und weiß, warum die Deutschen so argumentieren. Allerdings brauchen wir einen Fahrplan, zumindest Bruchteile davon wie eine europaweite Einlagensicherung. Wenn Italien und Spanien als dritt- und viertgrößte Volkswirtschaften Europas keinen Zugang mehr zu den Kapitalmärkten haben, hat Deutschland nur zwei Alternativen: entweder die völlige Integration oder die Troika übernimmt das Zepter. Im letzteren Fall hat man allerdings Probleme: Das bislang offiziell zugesagte Geld durch die verschiedenen Rettungsformen wie EFST und ESM sowie dem IWF reicht nicht aus. Dazu sagten mir führende Politiker in Europa, dass das in den Ländern politisch nicht durchsetzbar sei. Man würde sich wie ein neokoloniales Anhängsel, wie ein Sklave der Troika vorkommen.

Kommentare (241)

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08.07.2012, 09:31 Uhr

Roubinis Aussagen laufen einseitig darauf hinaus, daß Deutschland einer gemeinsamen Schuldenpolitik zustimmt, und zwar ohne die entsprechenden Durchgriffsrechte auf nationale Geldausgaben. De facto bedeutete das nichts anderes als weitere Geldmittel für die Großbanken. Die Finanzelite wird mit diesen Forderungen nach einer Sozialierung ihrer Verluste erst aufhören, wenn bei den Bürgern nichts mehr zu holen sein wird.

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08.07.2012, 09:36 Uhr

Deutsche: zahlen, zahlen, zahlen. Amerikanische Finanzindustrie freuts. Bekomme ich jetzt auch den Nobelpreis?

Domenq

08.07.2012, 09:36 Uhr

Ich mache mir keine Sorgen!

Die herrschende Klasse wird das Volk jeden Preis (Kaufkraftverluste) zahlen lassen, damit sich im Prinzip nichts ändert.

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