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11.06.2017

11:06 Uhr

Start-Up-City

Palästinas Silicon Valley

VonPierre Heumann

Wasserrutschen, eine Reitschule und ein Safari-Park. Eine neue palästinensische Stadt in der Westbank etabliert sich als Innovationszentrum und zerschlägt Klischees. Doch anfangs war die Bevölkerung skeptisch.

„Wir wollen eine säkulare, liberale weltoffene Stadt sein“, sagt Bashar Masri. Pierre Heumann

Bashar Masri

„Wir wollen eine säkulare, liberale weltoffene Stadt sein“, sagt Bashar Masri.

Rawabi/WestbankBashar Masri glaubt an Palästina. Und er arbeitet daran: Als Manager und Investor, als Visionär und Macher. „Wir sind im Staatsaufbau-Modus“, sagt der 56-Jährige, „hier gedeiht der Katalysator für unsere Start-Up-Nation“. Mit „hier“ meint er die Stadt Rawabi, die unter seiner Ägide auf den sanften Hügeln der Westbank entstanden ist. Hier soll der palästinensische Mittelstand ein neues Heim finden, ein Zentrum, in dem moderne Wohnungen, High-Tech-Jobs, Unterhaltung und ein Einkaufszentrum gebündelt sind.

Viele sprechen und träumen vom Staat Palästina: Die einen, indem sie draußen in der Welt für ihre Anliegen werben, die anderen, indem sie Israel terrorisieren. Masri, der aus einer der reichsten palästinensischen Familien stammt, hat sich für eine andere Strategie entschieden: Er schafft Tatsachen, will mit seinem Technologie-Cluster ein palästinensisches Silicon Valley realisieren, wo man, so der Slogan, „leben, arbeiten und wachsen“ kann. Das Zeitalter der „Abus“ sei vorbei, meint Masri und denkt an Abu Abbas (Beiname für den Präsident Palästinas), Abu Amar (nom de guerre von Arafat) oder an Terroristen wie Abu Jihad oder Abu Nidal.

Masri will seinen Landsleuten eine bessere Zukunft ermöglichen und den Beweis antreten, dass Palästinenser Städte bauen können, und zwar qualitativ hochwertige. Das Wasser wird vor Ort aufbereitet, es entstehen Schulen, bald ist die Klinik fertig. In den dereinst sechs Stadtteilen sollen bis zu 40.000 Palästinenser wohnen. In Rawabi wird nicht nur höchste Wohnkultur und Lebensqualität geboten. Es entstehen auch Jobs.

Das Innovationszentrum soll Firmennamen wie Google, Microsoft, Cisco, Intel, Microsoft oder Mellanox anlocken. Palästina werde dann, hofft er, weltweit nicht mehr so sehr als Hotspot für Widerstand, Terror, Armut und Flüchtlingselend bekannt sein, sondern vor allem als Innovationszentrum. In einem ersten Schritt will sich die Stadt als Software-Outsource-Zentrum für internationale Firmen profilieren; dabei sehe er sich in der gleichen Liga wie osteuropäische Länder, sagt Masri.

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Sein Ehrgeiz: Die jungen Leuten sollen eine bessere Zukunft haben. Tausende von Palästinensern haben die Stadt gebaut, mit Löhnen, die um 30 Prozent höher sind als als der palästinensische Mindestlohn. Als kleine Sensation, als Novum in der von Männern dominierten arabischen Welt muss gelten, dass rund ein Drittel der Architekten und Ingenieure Frauen sind.

Während Masri an grünen Salatblättern knabbert, schwärmt er vom Innovationspotential Palästinas. Fast alle Unter-30-Jährigen hätten einen Hochschulabschluss, würden Englisch sprechen und seien mit den neuen Technologien bestens vertraut. Masri nutzt dieses Potential als Chance und entwickelt in Rawabi einen Tech-Hub. Das soll, sagt er, die Moral aller jungen Palästinenser heben.

Denn noch seien die Möglichkeiten nicht genutzt, sagt Masri: „Jeder Vierte der 20- bis 30-Jährigen ist arbeitslos.“ Und es werde immer schlimmer: „Jedes Jahr kommen Zehntausende neue Uni-Absolventen hinzu. Das ist entweder eine tickende Zeitbombe – oder eine große Chance“, sagt Masri.

Jammern ist nicht sein Ding. Vor zehn Jahren begann Masri mit der Umsetzung des Projektes, dessen Kosten derzeit auf 1,4 Milliarden Dollar geschätzt werden – doppelt so hoch wie ursprünglich geplant. Die Gelder stammen von Masris Firma Massar und vor allem vom Staatsfond Katars.

Er habe zwar keinen Grund zur Annahme, dass sich die aktuelle Krise am Persischen Golf auf Rawabi auswirken werde, sagt er dem Handelsblatt. Natürlich, so Masri, wolle Doha jetzt in erster Linie die Probleme mit den Nachbarn wieder zurechtbiegen. Er hoffe aber, dass sich die Lage am Golf bald wieder normalisieren werde.

Mit dem Lösen von Problemen kennt sich Masri aus. Beim Bau der palästinensischen Stadt waren immer wieder Hindernisse zu überwinden. Krieg in Gaza und Gewalt in der Westbank verzögerten die Bauarbeiten. Schwierigkeiten musste Masri auch wegen des Standortes überwinden. Die Stadt ist von Territorium umgeben, das Israel kontrolliert. Deswegen musste er mit den israelischen Behörden lange über die Wasserversorgung, den Anschluss ans Stromnetz und Straßenverbindungen verhandeln. Er baue Rawabi, um die schwierigen Bedingungen der Besatzung zu überwinden, indem er für Palästinenser als erstes eine eigene Stadt baue, sagt Masri und fügt hinzu, dass das bloß der Anfang sein solle.

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