Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.01.2016

13:16 Uhr

Sterbehilfe weiter verboten

Französisches Parlament billigt Betäubung todkranker Patienten

In der Sterbehilfe-Debatte geht das französische Parlament einen Mittelweg. Es sagt Ja zur Betäubung todkranker Patienten bis zu deren Ableben. Aktive Sterbehilfe bleibt in Frankreich aber weiterhin tabu.

Gilt eine Erkrankung als nicht heilbar und ist kurz- bis mittelfristig tödlich, zahlen deutsche Krankenkassen den Aufenthalt in einem Hospiz. Hier werden sie beim Sterben begleitet – aktiv herbeigeführt wird der Tod jedoch nicht. dpa

Hospiz

Gilt eine Erkrankung als nicht heilbar und ist kurz- bis mittelfristig tödlich, zahlen deutsche Krankenkassen den Aufenthalt in einem Hospiz. Hier werden sie beim Sterben begleitet – aktiv herbeigeführt wird der Tod jedoch nicht.

ParisIn Frankreich soll die Betäubung todkranker Patienten bis zu ihrem Ableben künftig erlaubt sein. Das Unterhaus in Paris verabschiedete am Mittwoch ein entsprechendes Gesetz, am Abend wurde es auch vom Senat gebilligt. Die aktive Sterbehilfe bleibt verboten. Dem neuen Gesetz war eine jahrelange hitzige Debatte vorausgegangen. Am Ende einigten sich die Abgeordneten der regierenden Sozialisten und jene der Konservativen auf einen Kompromisstext.

Das neue Regelwerk erlaubt es Patienten, eine sogenannte terminale Sedierung einzufordern, also ein Recht auf „tiefe, kontinuierliche Betäubung, die eine Bewusstseinsänderung bis zum Tod“ nach sich ziehen kann. Konkret wird eine Verabreichung von Schmerz- und Betäubungsmitteln erlaubt, „selbst wenn sie das Leben der Person verkürzen.“ Gestattet ist dies aber nur, wenn bei dem Zustand der Patienten von einem raschen Tod auszugehen ist. Ärzte dürfen dann lebenserhaltende Maßnahmen einstellen, etwa die künstliche Flüssigkeitszufuhr oder Ernährung.

Wo Sterbehilfe erlaubt ist

USA

In den USA ist aktive Sterbehilfe generell verboten, der ärztlich assistierte Freitod aber in einigen Bundesstaaten erlaubt. Oregon ermöglichte als erster US-Staat Ärzten, unheilbar Kranken ein tödliches Medikament zu verschreiben, das der Patient dann selbst einnimmt. Ein Gesetz von 1997 sieht dafür strenge Auflagen vor. Zwei Ärzte müssen bescheinigen, dass der Kranke voraussichtlich nur noch höchstens sechs Monate zu leben hat. Der Betroffene muss volljährig sein, seinen Wohnsitz in Oregon haben und seinen Sterbewunsch mehrfach mündlich wie schriftlich äußern. Ähnliche Regelungen gibt es in den Bundesstaaten Washington und Vermont, in Montana und New Mexico entsprechende Gerichtsentscheide.

Deutschland

In DEUTSCHLAND ist die aktive Sterbehilfe ebenfalls strafbar. Erlaubt ist passive Sterbehilfe, bei der Ärzte lebenserhaltende Maßnahmen abbrechen, indem sie etwa das Beatmungsgerät abschalten. Auch ein Mittel zur Selbsttötung bereitzustellen, das der Betroffene selbst einnimmt, ist vom Grundsatz her nicht strafbar. Unter Umständen können Unterstützer aber wegen unterlassener Hilfeleistung oder Totschlags belangt werden. Ärzten ist die Beihilfe zum Suizid durch die Berufsordnung untersagt

Schweiz

In der SCHWEIZ ist Sterbehilfe zwar weithin gesellschaftlich akzeptiert, eine aktive Unterstützung - wie etwa Tötung auf Verlangen - ist aber auch hier verboten. Die Gesetze erlauben jedoch, aus nicht-selbstsüchtigen Motiven sterbenskranken Menschen auf Wunsch Beihilfe zum Suizid zu leisten. Bei der Einnahme eines tödlichen Medikaments dürfen Sterbebegleiter sowie Angehörige und Freunde zugegen sein. Die Sterbehilfe-Organisation Exit akzeptiert nur Antragsteller, die ihren festen Wohnsitz in der Schweiz haben. Offen für Sterbewillige aus aller Welt ist die Organisation Dignitas.

Das Gesetz gilt auch für jene Patienten, die ihren Willen nicht länger kundtun können. Zuvor sind jedoch Absprachen mit deren Familienangehörigen nötig. Patienten können auch eine Person ihres Vertrauens mit der Entscheidungsgewalt ausstatten, wenn sie ihre Wünsche nicht länger äußern können. Zudem verpflichtet das Gesetz Ärzte zu terminaler Sedierung und Einstellung der Behandlung, wenn Betroffene dies mündlich oder zuvor schriftlich verlangt haben. Die Betäubung kann je nach Wunsch des Patienten zu Hause oder in einem Krankenhaus stattfinden.

„Jeder muss selbst entscheiden können, wie er seine allerletzten Momente verbringen möchte“, sagte der sozialistische Abgeordnete Alain Claeys, der an der Formulierung des Gesetzes beteiligt war. Er äußerte sich in einer Rede vor der Nationalversammlung. „Unser Text hat einen Zweck: den Kampf gegen ein ‚schlechtes Sterben‘, das in Frankreich immer noch allzu oft passiert“, erklärte er.

Der ebenfalls an der Gesetzesausarbeitung beteiligte Konservative Jean Leonetti sah in der Vorlage eine Botschaft an die Franzosen: „Am Ende eures Lebens, wenn das Leid unerträglich wird, wird es euch das sanfte und ruhige Einschlafen erlaubt.“

Martin Walser und Thekla Chabbi: „Mir ist Warren Buffett so wichtig wie anderen Thomas Mann“

Martin Walser und Thekla Chabbi

Premium „Mir ist Warren Buffett so wichtig wie anderen Thomas Mann“

Martin Walser glaubt, dass sich ohne Wirtschaftskenntnis kein guter Roman schreiben lässt. Im Interview sprechen er und seine Co-Autorin über ihr gemeinsames neues Buch, Suizid als Ende eines guten Lebens und Zuglektüre.

Da bei der Methode Betroffene jedoch unter Umständen über mehrere Wochen bis zum Eintreten des Todes sediert werden könnten, führen einige Mediziner ins Feld, dass aktive Sterbehilfe möglicherweise humaner sei.

Befeuert wurde die Debatte durch das Schicksal von Vince Lambert, einem Franzosen, der seit einem Autounfall vor acht Jahren im Koma liegt. Seine Familie ist gespalten in der Frage, ob lebenserhaltende Maßnahmen bei ihm fortgesetzt werden sollen. Im Juni 2015 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass die Ärzte die Behandlung Lamberts einstellen könnten. Doch geht der Rechtsstreit in seiner Heimat weiter.

Von

ap

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×